Verhängt, verstellt, vereist

OSTSCHWEIZ. Immer wieder zieht die Polizei Autofahrer aus dem Verkehr, deren Sicht auf die Strasse massiv eingeschränkt ist. Die Sünder haben die unterschiedlichsten Ausflüchte.

Daniel Walt
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Fähnchen, Matratzen, Eis: Autofahrer sind oft unter den abenteuerlichsten Umständen auf den Ostschweizer Strassen unterwegs. (Bild: Kapo TG/Kapo SG)

Fähnchen, Matratzen, Eis: Autofahrer sind oft unter den abenteuerlichsten Umständen auf den Ostschweizer Strassen unterwegs. (Bild: Kapo TG/Kapo SG)

Es sind skurrile Bilder, die sich Polizisten bei Kontrollen auf Ostschweizer Strassen immer wieder bieten. Die Beamten entdecken beispielsweise Führerstände von Sattelschleppern, in denen Ventilatoren, Stofftiere, Fähnchen und weiterer Krimskrams im Bereich der Windschutzscheibe angebracht sind. Die Lenker der meist im Ausland immatrikulierten Gefährte haben dadurch keinen freien Blick auf die Strasse.

Oder dann gibt es jene Autofahrer, die neben sich alles transportieren, bloss keinen Mitfahrer: grosse Pflanzen, Möbelstücke oder gar Matratzen. Die Sicht durchs Seitenfenster: gleich null. Hanspeter Krüsi, Leiter Kommunikation der St.Galler Kantonspolizei, wählt deutliche Worte für dieses Verhalten auf der Strasse: "Das ist unverantwortlich und kann fatale Folgen haben, beispielsweise beim Abbiegen."

Vollgestopft mit Schachteln: Ein Wagen, welchen die Polizei aus dem Verkehr zog. (Bild: Stadtpolizei St.Gallen)
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Gucklochfahren in seiner extremsten Ausprägung. (Bild: Kantonspolizei Thurgau)
Auch in diesen Wagen passt ausser dem Fahrer praktisch nichts mehr. (Bild: Kantonspolizei St.Gallen)
Am Steuer dieses Sattelschleppers sass ein Weissrusse - die Polizei stoppte den Mann in Kreuzlingen. (Bild: Kantonspolizei Thurgau)
Auch der Lenker dieses Autos sieht deutlich zu wenig, wenn er durch das rechte Seitenfenster schauen will. (Bild: Stadtpolizei St.Gallen)
"Ich passe extra gut auf" - so verteidigen sich fehlbare Lenker teils bei Kontrollen. (Bild: Kantonspolizei St.Gallen)
Sicht gleich null: Die Scheibe dieses Wagens wurde nur marginal vom Eis befreit. (Bild: Kantonspolizei Thurgau)
Dieser Auslieferer von Zeitungen hat es sich etwas zu einfach gemacht. (Bild: Kantonspolizei Thurgau)
Wer die Front- und vorderen Seitenscheiben seines Wagens nicht komplett von Schnee und Eis befreit, macht sich strafbar. (Bild: Kantonspolizei Thurgau)
Fähnchen, ein Ventilator, Stofftiere: Die Führerkabine eines ausländischen Lasters, der in Oberbüren aus dem Verkehr gezogen wurde. (Bild: Kantonspolizei St.Gallen)
Matratzentransport der illegalen Art. (Bild: Kantonspolizei St.Gallen)
Der Fahrer dieses Autos sieht beim Abbiegen nichts - die rechte Seite des Wagens ist vollgestopft. (Bild: Kantonspolizei St.Gallen)
Die Sicht durch die Scheibe auf der Mitfahrerseite ist komplett verunmöglicht. (Bild: Kantonspolizei St.Gallen)
Auch der Lenker dieses Wagens wurde wegen Guckloch-Fahrens aus dem Verkehr gezogen. (Bild: Stapo SG)
Ob dem Lenker dieses Wagens kurzfristig kein geeigneter Zügelwagen zur Verfügung gestanden hat? (Bild: Kantonspolizei St.Gallen)
Sicht massiv eingeschränkt: Im Auto eines Guckloch-Fahrers. (Bild: Stapo SG)
Bis unter den Rückspiegel hat der Lenker dieses Autos Matratzen in seinen Wagen gepackt. (Bild: Kantonspolizei St.Gallen)

Vollgestopft mit Schachteln: Ein Wagen, welchen die Polizei aus dem Verkehr zog. (Bild: Stadtpolizei St.Gallen)

Immer mehr falsch montierte Navis
"Ich muss ja nur ein paar hundert Meter fahren" oder "Ich weiss, aber ich passe extra gut auf": Solche und weitere Ausflüchte hören die Polizisten, wenn sie fehlbare Verkehrsteilnehmer stoppen. Oftmals handelt es sich um Privatpersonen, die auf die Schnelle etwas transportieren mussten, aber kein geeignetes Fahrzeug zur Verfügung hatten. Im Steigen begriffen ist generell die Zahl von nicht vorschriftsgemäss montierten Navigationsgeräten, welche die Sicht versperren, wie Daniel Meili von der Thurgauer Kantonspolizei festhält. "Dies, weil heute fast jeder ein Navigationsgerät besitzt und somit viel mehr Geräte gekauft werden."

"Mist gebaut"
Neben Lenkern, die ihr Tun verharmlosen beziehungsweise verteidigen, gibt es auch viele, die sich einsichtig zeigen. Hanspeter Saxer, Sprecher der Ausserrhoder Kantonspolizei: "Da kann es schon mal vorkommen, dass jemand sagt, er habe Mist gebaut." Sein Thurgauer Kollege Daniel Meili hält fest, oftmals seien sich die Leute der Gefahren ihres Handelns nicht bewusst. Erwähnen die Beamten bei einer Kontrolle einen Verkehrsunfall, der sich wegen schlechter Sicht auf die Strasse ereignet hat, sind die Personen gemäss Meili meist dankbar für die Aufklärung.

"Schlicht zu faul"
Wenn es kalt wird, ist auf den Strassen eine spezielle Form des Fahrens mit zu wenig Sicht zu beobachten: das Guckloch-Fahren. "Beschlagene beziehungsweise vereiste Scheiben sind ein Dauerbrenner", sagt Hanspeter Saxer von der Ausserrhoder Kantonspolizei. Sein St.Galler Berufskollege Hanspeter Krüsi nennt die Hintergründe: "Die Leute vergessen, dass sie im Winter mehr Zeit brauchen, bevor sie losfahren können. Oder sie sind schlicht zu faul, um die Scheiben korrekt von Schnee und Eis zu befreien." Insbesondere an den ersten kalten Tagen sehe man teils haarsträubende Dinge auf den Strassen, sagt er.

Daniel Meili von der Kantonspolizei Thurgau bezeichnet Guckloch-Fahren als "sehr gefährlich" – "das kann zu schweren Unfällen führen". Dementsprechend führt die Thurgauer Kantonspolizei im Winter regelmässig entsprechende Kontrollen durch.

Keine Gnade für Guckloch-Fahrer
Wird jemand von der Polizei wegen Fahrens mit eingeschränkter Sicht angehalten, kann er einzig bei geringen Vergehen auf Gnade hoffen. "Bei an Rückspiegeln angebrachten Wimpeln beispielsweise besteht ein Ermessensspielraum", sagt Hanspeter Krüsi. Im Kleinen tolerant – im Grossen konsequent: So laut die entsprechende Devise der St.Galler Kantonspolizei. Sie gilt allerdings nicht für Fahrten bei vereisten Scheiben – hier greift die Polizei in der Ostschweiz konsequent durch. "Ein Gucklochfahrer nimmt in Kauf, dass er durch seine Bequemlichkeit – oftmals wegen angeblich fehlender Zeit – andere gefährdet", sagt Hanspeter Krüsi. Er vermutet, dass die Dunkelziffer hoch ist. Kontrolliert eine Patrouille einen Gucklochfahrer, kann es gut sein, dass derweil drei weitere Autos vorbeifahren, deren Fahrern vor lauter Eis der Durchblick ebenfalls fehlt.

Es droht der Ausweisentzug

Laut dem Gesetz müssen die Frontscheiben von Autos sowie die vorderen Seitenscheiben immer frei sein. Bei Heck- und hinteren Seitenscheiben ist dies nicht nötig, sofern pro Fahrzeugseite ein Aussenspiegel vorhanden ist. Für die Frontscheibe gilt: Der Lenker muss bei einer Augenhöhe von 0,75 Metern über der Sitzfläche ausserhalb eines Halbkreises von zwölf Metern Radius die Strasse frei überblicken können. An, vor oder hinter Scheiben, die für die Sicht des Lenkers nötig sind, dürfen generell keine Gegenstände angebracht werden, welche die Sicht beeinträchtigen und die Lichtdurchlässigkeit unter 70 Prozent vermindern. Auch von Eis müssen diese Scheiben vollständig befreit werden. Wer gegen die geltenden Gesetze verstösst, wird angezeigt. Am Ende eines Strafverfahrens steht meist eine Geldstrafe – zudem prüft das Strassenverkehrsamt jeweils einen Führerausweisentzug. (dwa)