Vergewaltigte Ehefrau verzeiht

ST.GALLEN. Ein 26jähriger Tunesier, der wegen Vergewaltigung seiner Ehefrau eine Haftstrafe von drei Jahren erhalten hat, stand gestern vor Kantonsgericht. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Erhöhung der Strafe.

Claudia Schmid
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Der 26jährige Beschuldigte hatte im August 2010 seine Ehefrau gewürgt und vergewaltigt. Laut Anklageschrift hatte sie ihn mehrmals gebeten aufzuhören. Bereits zwei Tage zuvor, hatte er ihr ein Messer an den Hals gehalten. Er soll in jener Zeit täglich vier bis sechs Joints geraucht haben.

Depressionen und Heimweh

An der gestrigen Verhandlung am Kantonsgericht St. Gallen erklärte der Beschuldigte, er habe zur Tatzeit unter schweren Depressionen und Heimweh gelitten. Er wisse deshalb nicht mehr, was genau vorgefallen sei. Um eine Vergewaltigung handle es sich seiner Ansicht nicht, er habe ja seine Frau nicht gefesselt oder geknebelt.

Wie er erzählte, lernte er seine Frau in Ägypten kennen, wo er in einem Ferienort als Animator gearbeitet hat. Als sie heirateten, kam er in die Schweiz. In den ersten eineinhalb Jahren sei die Ehe glücklich gewesen. Weil er keine Arbeit gefunden, es finanzielle Schwierigkeiten gegeben und er an Depressionen gelitten habe, sei es dann später immer wieder zum Streit gekommen.

Die 48jährige Ehefrau sagte vor Gericht aus, zur Tatzeit habe sie die Ehe beenden wollen, weil ihr Mann wegen seiner Krankheit «neben den Schuhen» gestanden und keine professionelle Hilfe angenommen habe. Früher hätten sie aber trotz des Altersunterschiedes eine «Superehe» geführt. In der Zwischenzeit hätten sie an sich gearbeitet. Sie wolle die Ehe mit ihm unbedingt fortführen.

Von Drohung freigesprochen

Das Kreisgericht St. Gallen hatte den Mann im Juni dieses Jahres zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren wegen Vergewaltigung, sexueller Nötigung und Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes verurteilt. Die Gefängnisstrafe sprach es zur Hälfte unbedingt, zur Hälfte bedingt mit einer Probezeit von vier Jahren aus. Angeordnet wurde auch eine therapeutische Massnahme, die unter anderem die Behandlung einer depressiven Störung mit schizophrenem Muster umfasst.

Die Staatsanwaltschaft legte gegen dieses Urteil Berufung ein. Sie verlangte zusätzlich einen Schuldspruch wegen Drohung und eine unbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten. Der Beschuldigte focht zwar die Schuldsprüche und das Strafmass nicht an, beantragte jedoch, dass nicht nur 18 Monate, sondern zwei Jahre seiner Gefängnisstrafe aufgeschoben werden.

Mit Ehefrau ausgesöhnt

Der Beschuldigte müsse auch wegen Drohung verurteilt werden, da es nicht das erste Mal gewesen sei, dass er seine Ehefrau bedroht habe, erklärte der Staatsanwalt. Vergewaltigung sei ein Offizialdelikt, der Mann aber nicht wirklich einsichtig. Er entschuldige seine Tat stets mit Krankheit und Gedächtnislücken.

Der Verteidiger hielt entgegen, Vergewaltigung in der Ehe sei zwar nicht zu entschuldigen, doch müsse man in diesem Fall die besonderen Umstände berücksichtigen. Seit seiner Inhaftierung und Therapie habe er sein Unrecht eingesehen. Seine Ehefrau habe ihm verziehen. Beide seien gewillt, die Ehe weiterzuführen. Das Urteil des Kantonsgerichts St. Gallen steht noch aus.

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