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Unter der Stadt St.Gallen verbirgt sich ein rund 140 Meter langer Eisenbahntunnel.

Unter der Stadt St.Gallen verbirgt sich ein rund 140 Meter langer Eisenbahntunnel.

Vergessener Eisenbahntunnel: Die Geisterbahn unter St.Gallen

Er gilt in der Stadt St.Gallen als eine urbane Legende: Ein alter, stillgelegter Eisenbahntunnel. Wir waren da, wo einst Dampflokomotiven fuhren und die längste Bar der Welt hätte entstehen sollen.
Sandro Büchler

Die Luft riecht muffig. Für einen Tunnel sechs Meter unter der Erdoberfläche ist es erstaunlich warm. An einigen Stellen tropft es, kleine Kalkablagerungen haben sich gebildet. Das Gewölbe versprüht eine anmutige Aura. Einerseits erinnern stehengelassene durchgerostete Transportwagen an längst vergangene Zeiten, andererseits könnte dies die perfekte Szenerie für einen Horrorfilm sein. Der Tunnel ist unterteilt in einzelne Räume, massive Metalltüren lehnen ausgehängt neben den Türrahmen. Zwei schmale Treppen führen vermeintlich nach oben. Doch der Fluchtweg ist versperrt, zugemauert. Würde nun das Licht ausgehen und die Tür zum einzigen Ausgang ins Schloss fallen, ich wäre verloren. Niemand würde meine Hilferufe hören. Mich fröstelt es leicht bei dem Gedanken.

Es ist still. Doch ich stehe mitten im Zentrum der Stadt St.Gallen, unter dem Blumenbergplatz. Der Tunnel, in dem ich mich befinde, erstreckt sich auf 134,5 Meter und liegt unter der Fahrbahn des «Unteren Graben». Er beginnt beim Fussgängerstreifen zwischen der «August»-Bar und dem «Alpenchique»-Nachtclub und endet vor dem «Palace». Der einzige Zugang liegt hinter einer unscheinbaren Tür im Keller der Grabenhalle. Gut versteckt hinter Getränkevorräten und Kartons voller Prospekte öffnet sich die Unterwelt. Eine abgenutzte, bröcklige Treppe führt hinunter in die Dunkelheit.

St.Galler Grabenhalle – früher und heute

Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen

Mit Rosenbergtunnel überflüssig geworden

Da stehe ich nun mitten im ehemaligen Eisenbahntunnel. Viele Menschen finden den Weg nicht mehr hierhin. Einzig eine Art Notbeleuchtung und erst kürzlich installierte silbrig-glänzende Rohre der Fernwärme zeugen davon, dass hier nach der letzten Nutzung noch Menschen waren. Der Tunnel, auch «Grabenkeller», ist ein Relikt der 1856 eröffneten Eisenbahnlinie von St.Gallen nach Rorschach, die damals auf dem gesamten Stadtgebiet noch oberirdisch verlief. Die Schienen lagen in einem Einschnitt. Über diesen führten mehrere Fussgängerpasserellen und Brücken. Vom 1971 abgerissenen Graben-Schulhaus, welches auf dem heutigen Parkplatz vor der Grabenhalle stand, winkten die Kinder den vorbeifahrenden Dampflokomotiven, wie ein Zeitzeuge in einer Chronik erzählt.

Wenn man im Tunnel steht, kann man sich gut vorstellen, dass zwischen den beiden Wänden einst Züge fuhren. Der letzte Zug jedoch tuckerte vor über 100 Jahren durch den Graben. Denn 1912 wurde der Rosenbergtunnel fertiggestellt. Fortan fuhr der Zug bis nach St.Fiden unterirdisch. Die alte Bahnlinie wurde stillgelegt, grosse Teile des Streckenverlaufs zugeschüttet. Nur der Abschnitt, in dem ich mich befinde, bekam eine Decke und wurde so erst zum vollwertigen Tunnel. Das Ende der Bahnstrecke war somit die Geburtsstunde des «Grabenkellers».

Nach 1912 wurde die Strecke vor der Grabenhalle (rechts im Bild) zugemauert. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Nach 1912 wurde die Strecke vor der Grabenhalle (rechts im Bild) zugemauert. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Weinlager, Übungsplatz, Partys

Eine Verwendung für den Tunnel war schnell gefunden. Er diente dem Weinhändler Martel als Weinlager. Dutzende Weinfässer, dazu 300'000 Flaschen Wein lagerten unter der Erde. Bilder von damals zeigen Fuhrwerke, von denen der Wein durch Öffnungen in der Fahrbahn direkt in den Tunnel gepumpt wurde. Zudem gab es eine steile Seilbahn von der Grabenhalle aus. Noch heute ist das Rollwerk sichtbar.

Fuhrwerke über dem alten Tunnel. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Fuhrwerke über dem alten Tunnel. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Als der Weinhändler im Jahr 1951 auszog, nutzte die Berufsfeuerwehr den Tunnel als Übungsgelände. Sie entfachten ein Feuer, die Feuerwehrleute mussten mit Atemschutzgeräten Hindernisse überwinden, um zum Brandort vorzudringen. Doch 1983 hatten die Anwohner genug von den Übungen. Denn nicht nur der Rauch drückte in ihre Keller, auch die ausgeräucherten Ratten suchten sich ihren Weg nach oben.

(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
Der Tunnel diente als Weinlager. (Archiv: Martel St.Gallen)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
So sah es etwa um 1907 aus: Das Grabenschulhaus und dahinter die Grabenhalle. (Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
2018 haben sich fast alle Häuser um die Grabenhalle verändert. (Raphael Rohner)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
(Bild: Raphael Rohner/Sandro Büchler)
21 Bilder

Vergessener Eisenbahntunnel unter der Stadt St.Gallen

Zur gleichen Zeit nahm die Grabenhalle – in der ehemaligen Turnhalle des Grabenschulhauses – den Kulturbetrieb auf. Schnell machten Gerüchte die Runde, dass unten im Tunnel wilde Partys gefeiert wurden. «Das war aber nicht oft der Fall», relativiert Pius Frey, Gründungsmitglied der Interessengemeinschaft Grabenhalle und Organisator zahlreicher Veranstaltungen in der Halle. Das Treiben sei schnell bekannt geworden und die Behörden seien eingeschritten. «Wegen den Sicherheitsbedenken ist das nachvollziehbar.» Im Tunnel gibt es nur Aufgänge zu Strassenschächten und somit keine wirklichen Fluchtwege. Frey erinnert sich, als er das erste Mal in den verborgenen Tunnel hinabstieg: «Die Geschichte, die dieser Ort erzählt, ist interessant. Gleichzeitig ist es ein grotesker Ort.» Früher sei es im Tunnel dreckiger und rauer gewesen, heute hingegen wirke er sehr aufgeräumt und sauber, erinnert sich Frey.

Der Fernwärmetechniker kommt ab und zu

Pius Frey, Buchhändler bei der genossenschaftlichen «Comedia», ist der Grabenhalle bis heute verbunden geblieben. Mit Freude erzählt er von einem speziellen Ereignis, welches sich im Tunnel zugetragen hat. «Bei einem Fest inszenierte eine Künstlergruppe da unten eine Geisterbahn.» In Wägelchen sei man durch Kulissen, die mit viel Liebe gestaltet worden seien, gestossen worden. «Das war fantastisch», so Frey. Wie schaurig gut dass das gewirkt haben muss, kann ich mir lebhaft vorstellen.

Heute ist es ruhig geworden im Tunnel, er liegt in einer Art Dornröschenschlaf. «Den Leuten ist er entschwunden, der Tunnel ist mehr eine Legende», meint Frey. Das in Vergessenheit geratene Gewölbe erhält nur noch wenig Besuch. Ab und zu kommt der Techniker und kontrolliert die Fernwärmeleitungen. 130 Grad, 25 bar ist auf den Röhren vermerkt. Die obere Leitung bringt die Wärme nach Westen, die untere in den Osten der Stadt. Anderweitig wird der Tunnel derzeit nicht genutzt. An Ideen mangelte es in der Vergangenheit aber nicht: Von der längsten Bar der Stadt, über eine Fussgängerunterführung mit Ladenlokalen bis hin zur Bühne für ausgefallene Theaterproduktionen. Alle Ideen wurden verworfen, scheiterten an der Machbarkeit.

Im Tunnel verlaufen Leitungen vom St.Galler Fernwärmenetz. (Bild: Raphael Rohner)

Im Tunnel verlaufen Leitungen vom St.Galler Fernwärmenetz. (Bild: Raphael Rohner)

«Der Tunnel hat seine letzte Bestimmung noch nicht gefunden», meint Hansueli Rechsteiner, Stadtbaumeister der Stadt St.Gallen dazu. Er möchte dem Grabentunnel Zeit geben, so dass er in Ruhe reifen könne. «Wir müssen für derlei Orte nicht von heute auf morgen eine Nutzung finden. Wenn die Zeit reif ist, findet die Nutzung vielleicht auch - dornröschenhaft - den Ort.» Man müsse den Mut haben zu warten. Es werde sich schon eine Verwendung für den fast vergessenen Tunnel finden, ist Rechsteiner überzeugt.

Die Lichter gehen aus, der Stadtbaumeister schliesst die Tür und nimmt den Schlüssel zurück in seine Verwahrung. Der Tunnel schläft wieder.

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