Verführt und dann erpresst

Immer mehr Ostschweizer werden im Internet Opfer der sogenannten Sextortion: Betrüger drohen damit, intime Bilder zu veröffentlichen. Meistens kommen sie ungestraft davon.

Tim Naef
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Die Polizei vermutet eine hohe Dunkelziffer von Sextortion-Opfern. (Bild: fotolia)

Die Polizei vermutet eine hohe Dunkelziffer von Sextortion-Opfern. (Bild: fotolia)

«Willst du dich nicht ausziehen?», wird Klaus von seiner Chat-Partnerin gefragt. Kennengelernt hat er die Frau vor einer Stunde auf Facebook. Nach einer Freundschaftsanfrage ihrerseits haben sie ein paar Zeilen hin und her geschrieben. «Wollen wir uns nicht via Skype unterhalten?», fragt sie nach kurzer Zeit. «Am besten mit einer Webcam.» Vor eingeschalteter Kamera beginnt sich die Frau zu entblössen. Klaus soll es ihr gleich tun. Anschliessend fordert sie ihn zu sexuellen Handlungen auf. Klaus weiss nicht, dass er dabei gefilmt wird. Nach der Webcam-Unterhaltung folgt das böse Erwachen: Die Unbekannte fordert Geld von Klaus.

Es handelt sich um ein fiktives Beispiel. Doch in der Regel laufen sogenannte Sextortion-Fälle nach diesem Muster ab.

«Ein eher neues Phänomen»

Opfer von Sextortion sind hauptsächlich Männer. «Nach der Unterhaltung wird den Opfern angedroht, die Aufnahmen im Internet auf bekannten Seiten zu veröffentlichen, sollte nicht ein bestimmter Geldbetrag bezahlt werden», sagt Gian Andrea Rezzoli, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen.

«Solche Fälle sind ein eher neues Phänomen von Internetkriminalität.» Die ersten Betroffenen haben sich vergangenes Jahr bei der Polizei gemeldet. Im Kanton St. Gallen sei «eine Handvoll» bekannt. Da es sich um ein unangenehmes Thema handle, müsse man aber von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, sagt Rezzoli.

Im Kanton Thurgau wurden 2014 zwölf Fälle von Sextortion gemeldet. In Appenzell Ausserrhoden waren es deren sechs. «Im aktuellen Jahr sind bereits zehn weitere Fälle im Thurgau aufgetreten,» sagt Daniel Meili, Mediensprecher der Kantonspolizei Thurgau. Einen steigenden Trend beobachtet auch André Callegari, Medienbeauftragter des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements: «Wir erhalten derzeit regelmässig Bürgermeldungen, die dem Bereich Sextortion zugeordnet werden können. Die Tendenz ist weiter steigend.»

Täter meist im Ausland

Die Verfolgung der Täter gestaltet sich indes schwierig. «Die Untersuchungsbehörden gehen in diesem Zusammenhang von einer Erpressung aus. Da sich die Betrüger aber meist in afrikanischen oder in östlichen Staaten aufhalten und mit einer verschlüsselten IP-Adresse arbeiten, sind die Möglichkeiten der Polizei beschränkt», sagt Rezzoli. Dennoch sei es wichtig, sich bei der Polizei zu melden.

Sollte man Opfer von «Sextortion» geworden sein, empfiehlt die Polizei, den Kontakt mit den Erpressern sofort abzubrechen und auf keinen Fall auf die Forderungen einzugehen. Häufig wird nach einer ersten Bezahlung weiter Geld gefordert. Zudem stellen die Täter oftmals die Bilder oder Videos trotz einer Zahlung ins Internet. Betroffene sollen sich mit der jeweiligen Internetseite in Verbindung setzen, den Missbrauch melden und den Account des Erpressers sperren lassen. Im Internet gilt es gemäss Polizei, generell misstrauisch zu sein. Es sollten niemals intime Details preisgegeben oder persönliche Bilder an Unbekannte versendet werden.