Kolumne

Verantwortung übernehmen heisst Nein sagen: Wie die St.Galler Regierung das Gesundheitsdepartement herumreichte – bis nur noch einer übrig blieb

Silvan Lüchinger schreibt in seiner Kolumne «Lü» über die vergangene Woche und fasst zusammen, was ihm dabei ins Auge gestochen ist. 

Silvan Lüchinger
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Silvan Lüchinger, Tagblatt-Kolumnist

Silvan Lüchinger, Tagblatt-Kolumnist 

Bild: Coralie Wenger

«Sehr geehrte Damen und Herren der Regierung, geschätzte Kolleginnen und Kollegen. Ich begrüsse Sie zur konstituierenden Sitzung für die Amtsdauer 2020 bis 2024. Aus aktuellem Anlass beginnen wir mit dem Gesundheitsdepartement. Ich selber stehe dafür nicht zur Verfügung. Zuerst muss ich dem Volk eine plausible Erklärung bringen, warum St.Gallen am Montag mit Halbklassenunterricht beginnt. Zudem hat Toni Brunner gesagt, dieses Schlamassel solle die SP aufräumen.»

«Herr Regierungsrat Fässler?»

«Ich muss leider ebenfalls absagen. Die Bürgerlichen haben jahrelang betont, eine Sozialdemokratin könne zwar dem Volk Sand in die Augen streuen, aber sicher nicht das komplexe Gesundheitsdepartement führen und ein neues Spitalkonzept umsetzen. Wenn eine linke Frau das nicht kann, dann kann ich es als linker Mann aus Solidarität erst recht nicht. Die Frage erübrigt sich.»

«Herr Regierungsrat Mächler?»

«Ich war die vergangenen vier Jahre Bauchef, bin tief im Herzen aber immer Banker geblieben. Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles, hat mal einer geschrieben. Als Finanzchef werde ich den Kanton St.Gallen in ein goldenes Zeitalter führen. Als Gesundheitschef könnte ich das nicht. Diese Chance werden Sie sich ja wohl nicht entgehen lassen.»

«Frau Regierungsrätin Hartmann?»

«Das gibt ja niemand gern zu – aber ich bin befangen. Im Zuge der Spitaldebatte habe ich mich als Stadtpräsidentin stets vehement für das Spital Wil eingesetzt. Wie stünde ich da, wenn plötzlich herauskäme, dass statt Wil Wattwil erhalten bleiben soll? Der Titel des Hofnarren wäre mir gewiss, und in Wil gibt es eine Menge Leute, die sich über die Fasnacht hinaus darüber freuen würden. Ich bin offen für vieles, aber nicht für alles.»

«Herr Regierungsrat Tinner?»

«Als Sohn eines Bergbauern kenne ich die Sorgen und Nöte der Landwirtschaft. Ich kann Rüben von Räben und Radi von Randen unterscheiden, aber was soll ich mit Kernspintomografen und Chefärzten? Überdies habe ich keine Lust, mich ständig der Kritik meiner eigenen Partei auszusetzen. Das schlägt aufs Gemüt und zu dem müssen wir Werdenberger aus gesundheitlichen Gründen besonders Sorge tragen. Gesundheit ja, Departement nein.»

«Frau Regierungsrätin Bucher?»

«Meine Partei hat mich als die mit Abstand fähigste aller neuen Kandidaten bezeichnet. Was soll ich da einen vergleichsweise simplen Bereich wie das Gesundheitswesen übernehmen? Da gibt es in diesem Kanton ganz andere Herausforderungen. Wenn Toni Brunner jemanden zum Aufräumen will, soll er Esther Friedli schicken.»

«Herr Regierungsrat Damann, als ehemaliger Sportarzt kennen Sie sich mit Zerrungen, Quetschungen und Bänderrissen bestens aus. Ich danke Ihnen namens der Regierung und des St.Galler Volkes für die spontane Bereitschaft, das Gesundheitsdepartement zu übernehmen. Ich bin mir sicher, dass sich Ihre Begeisterung rasch auf Land und Leute übertragen wird. Die Regierung steht und trifft sich in einer halben Stunde zum Apéro.

Sollte Herr Damann unpässlich sein, gilt er als entschuldigt.»

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