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Fluchen und Fliegen Auf und ab, aber oft einfach geradeaus – diese Velotour ist eine Metapher für das Leben und sein Wechselbad der Gefühle, in das wir täglich geworfen werden. Gestartet wird in St. Gallen-Neudorf.

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Vor dem Flug: Blick ins Appenzellerland kurz nach der Ruppen-Passhöhe. (Bild: upz)

Vor dem Flug: Blick ins Appenzellerland kurz nach der Ruppen-Passhöhe. (Bild: upz)

Fluchen und Fliegen

Auf und ab, aber oft einfach geradeaus – diese Velotour ist eine Metapher für das Leben und sein Wechselbad der Gefühle, in das wir täglich geworfen werden.

Gestartet wird in St. Gallen-Neudorf. Hat man sich auf dem Velostreifen an der Autobahneinfahrt vorbeigekämpft – diese Stelle wurde von Verkehrsplanern kürzlich als velounfreundlich kritisiert und soll entschärft werden –, biegt man links Richtung Heiden ab. Dort wartet die erste Abfahrt ins Martinstobel. Wer diese kurvige Strecke nicht kennt, sollte dem Temporausch besser widerstehen. Und weil es wieder bergauf gehen muss, wo es heruntergeht, startet im Tobel unten ein nicht allzu steiler Aufstieg ins Appenzellerland.

Mediterranes Rheintal

In Grub AR angekommen, ist ein Abstecher zum Fünfländerblick möglich. Wahrscheinlich wird man jetzt aber langsam warm und braucht noch keine Pause. Weiter vorne in Grub nimmt man die scharfe Abzweigung links Richtung Rorschach/Thal. Hier beginnt bald eine Serie von Abfahrten, die es in sich hat: Steile Rampen münden in enge Kurven, die Bremsen glühen, Konzentration ist gefordert. Um den Blick über den Bodensee schweifen zu lassen, sollte man deshalb anhalten. Am Dorfeingang von Thal dann wachsen Reben an den Hängen – zusammen mit dem Bodensee im Hintergrund gibt sich das Rheintal fast schon mediterran. Vorbei ist die Idylle dann ab Thal auf dem Weg nach Altstätten: Endlos zieht sich die Hauptstrasse durch die Dörfer. Weil hier oft der Gegenwind weht, ist Windschattenfahren angesagt.

Ostdeutsche Erinnerung

Wer will, kann auf den parallelen Veloweg ausweichen. Dort entdeckt man etwa den Bahnhof Rebstein-Marbach, der verwaist in den Feldern steht und irgendwie an eine Reise nach Ostdeutschland erinnert. Endlich in Altstätten angekommen, kann auf dem Marktplatz, um den sich Beizen scharen, eine Pause eingelegt werden. Das Bier lässt man besser noch stehen: Der Ruppen, ein Mini-Pass ins Appenzellerland, muss bezwungen werden. Schwache Beine können diesen auch mit der Zahnradbahn Altstätten–Gais bewältigen. Der Wegweiser Richtung Trogen führt in den langen Anstieg per Velo: fluchen, leiden, krampfen. Kommt man in den Rhythmus, kann man die schöne Passstrasse, die mit ihren alten Holzhäusern und einer Kapelle ein wenig verträumt wirkt, geniessen. Unterwegs kommt man am Restaurant Ziel vorbei, das ironischerweise im unteren Drittel des Hügels liegt. Je höher man klettert, desto besser wird die Aussicht ins Rheintal. Der Ruppen ist wenig befahren, kaum ein Lastwagen oder Töfffahrer ist unterwegs, dafür einige andere Velofahrer.

Auf der Passhöhe wartet das Restaurant Landmark auf müde Bezwinger. Je nach Jahres- oder Tageszeit sollte man hier eine Jacke anziehen oder das verschwitzte Trikot wechseln, denn die nächste Abfahrt wartet: Auf perfektem Strassenbelag gleitet man nach St. Gallen. Nach dem Kampf am Ruppen versteht man plötzlich wieder, warum Velofahren manchmal mit dem Gefühl des Fliegens verglichen wird.

Urs-Peter Zwingli