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UZWIL: "Unterernährte Arbeiter sind nicht leistungsfähig"

In der Kantine wird nicht nur gegessen, sondern auch der Teamgeist gefördert. Das war schon vor hundert Jahren so. Am 12. Januar 1918 eröffnete bei Bühler in Uzwil die erste Kantine der Schweiz – auch als Massnahme gegen Arbeiterproteste.
Nina Rudnicki
Blick in den Speisesaal der Bühler-Kantine im Jahr 1941. (Bilder: Bühler AG)

Blick in den Speisesaal der Bühler-Kantine im Jahr 1941. (Bilder: Bühler AG)

"Essen war schon vor hundert Jahren ein emotionales Thema", sagt Patrick Camele, Geschäftsführer der SV Group. Das Unternehmen führt seit 1918 das Personalrestaurant der Bühler AG in Uzwil. Damit ist die Uzwiler Kantine die allererste der Schweiz, die von einem betriebsexternen Dienstleistungsunternehmen geführt wurde (siehe Kasten). "Früher ging es beim Kantinenessen darum, dass die Arbeiter in den Fabriken möglichst viele Kalorien bekamen. Heute steht die Vielfalt im Vordergrund", sagt Camele. Schon damals sei die nachhaltige Ernährung wichtig gewesen. "In einem Menubeschrieb in den 1930er-Jahren hiess es beispielsweise, dass die Kartoffeln vom Bauern von nebenan kommen." Camele ist überzeugt: Essen ist Religion und Kulturgut. Und Essen wird zelebriert. Daher seien Kantinen so wichtig: Die Mitarbeitenden freuten sich auf gutes Essen. In der Mittagspause könnten sie sich erholen. Das wiederum sei ein Anreiz für gute Arbeit.

Mit einer Kantine Anreize für die Arbeit zu schaffen, das war einer der Gründe, weshalb sich das Unternehmen Bühler vor hundert Jahren für eine Kantine auf seinem Firmengelände entschied. "Unterernährte Arbeiter sind nicht leistungsfähig", schreibt Jakob Tanner, emeritierter Zürcher Geschichtsprofessor und Experte für Schweizer Zeitgeschichte, in seinem Buch "Fabrikmahlzeit". Ein ganzes Kapitel der Publikation widmete er der Geschichte der Bühler-Kantine.

Eine statt zwei Stunden Mittagspause

Während des Ersten Weltkrieges stieg die Teuerung, Lebensmittel wurden knapper. Die Schweizer Behörden forderten die Industrie auf, Massnahmen zu ergreifen, um ihre Arbeiterschaft richtig zu verpflegen. Den ersten Schritt machte schliesslich die Bühler AG. Das Unternehmen war laut Tanner schon vor dem Ersten Weltkrieg immer wieder in Arbeitskonflikte verwickelt. Nach einem beigelegten Streik gab es Entlassungen. Gleichzeitig wurde die Akkordarbeit ohne Lohnerhöhungen eingeführt. In den Jahren des Ersten Weltkrieges spitzten sich die innerbetrieblichen Auseinandersetzungen zu. So wurde im Herbst 1917 der SVS – der Schweizer Verband Soldatenwohl, wie die SV Group damals hiess – mit der Planung einer Kantine beauftragt. Am 12. Januar 1918 nahm diese ihren Betrieb auf. Gemäss Tanner trug die Massnahme zum Einlenken der Belegschaft in Arbeitskonflikten bei. 1921 akzeptierten etwa die Mitarbeiter der Giesserei eine Lohnreduktion. Die Einführung der Kantine brachte für die Unternehmen einen weiteren Vorteil mit sich: Die Mittagspause konnte von zwei auf eine Stunde reduziert werden, weil die Arbeiter etwa über Mittag nicht mehr nach Hause gingen.

Bis heute ist das Personalrestaurant im selben Gebäude wie 1918 untergebracht. (Bild: Bühler AG)

Bis heute ist das Personalrestaurant im selben Gebäude wie 1918 untergebracht. (Bild: Bühler AG)

Heute ist der Sinn und Zweck des Personalrestaurants laut Daniel Ziegler, Assistant Head Human Resources bei der Bühler AG, die Verpflegung mit einem gesunden, nachhaltigen und vielfältigen Angebot. Genauso wichtig sei aber die soziale Dimension: Personalrestaurants fördern den Teamgedanken. Während der gemeinsamen Mittagessen wird besprochen, was am Arbeitsplatz womöglich untergegangen ist.

"Patriarchen mussten Arbeitern entgegenkommen"

600 Personen essen pro Tag im Bühler-Restaurant. Die SV Group ist der grösste Anbieter von Gemeinschaftsgastronomie in der Schweiz. Sie serviert jeden Tag rund 100'000 Menus in 300 geführten Personalrestaurants. Dabei spielt laut Geschäftsführer Camele auch die Geschwindigkeit eine Rolle. "Die Firmen schwanken zwischen Kosten und Dienstleistung. Einerseits sind bei allen Unternehmen die Ansprüche an die Qualität sehr hoch. Andererseits sind grosse Kantinen auch kostenintensiv." In Firmen, bei denen um die 1000 Mitarbeitende versorgt werden müssten, sei es daher üblich, einen Platz zwei- bis dreimal pro Mittagspause zu nutzen. "Nach unseren Erfahrungen verbringt eine Person durchschnittlich 25 Minuten in einem Personalrestaurant", sagt er. Das ist den Kantinen von vor hundert Jahren und den Personalrestaurants von heute noch immer gemein: Durch eine gute Organisation kann Zeit gespart und den Mitarbeitenden zugleich etwas geboten werden. "1917 gab es in allen Ländern revolutionäre Tendenzen", sagt Camele. Die Patriarchen und Firmenbesitzer mussten den Arbeitern entgegenkommen. In diesem Zusammenhang könnten Kantinen durchaus als Reaktion auf die Arbeiterkonflikte angesehen werden.

Die Fabrikanlage von aussen im Jahr 1928. (Bild: Bühler AG)
Aufnahme vom 30. Juni 1941 aus der Kantine der Fabrik der Gebrüder Bühler in Uzwil. (Bild: Bühler AG)
Die Küche der Kantine auf einer Aufnahme vom Juni 1928. (Bild: Bühler AG)
Anstehen für das Essen am 30. Juni 1941. (Bild: Bühler AG)
Schnee liegt in Uzwil im Februar 1930. (Bild: Bühler AG)
Der obere Kantinensaal ist am 21. Dezember 1928 geschmückt für die Weihnachtsfeier. (Bild: Bühler AG)
Das Buffet des unteren Speisesaals. Aufnahme vom 13. Januar 1931. (Bild: Bühler AG)
Eine Aufnahme für die Hauszeitung vom 15. Mai 1950. (Bild: Bühler AG)
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Die erste Kantine der Schweiz

Mittagessen für 85 Rappen

Pionierzeit  Das Unternehmen SV Group geht auf die 1914 von der Pionierin Else Züblin-Spiller gegründete Nonprofitorganisation Schweizer Verband Soldatenwohl zurück. Die Organisation betrieb Soldatenstuben und bot preiswerte Verpflegung an. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges war die Lebensmittelversorgung in der Schweiz äusserst prekär. Besonders alleinstehende und auswärtige Mitarbeiter in Fabriken fanden kaum noch ausreichend Verpflegungsmöglichkeiten.

Die Zürcher Unternehmerin und Journalistin Else Züblin-Spiller entwickelte die Idee einer Arbeiterkantine. Am 12. Januar 1918 wurde die erste Arbeiterkantine des damaligen Schweizer Verbandes Soldatenwohl im Beisein des Firmenpatrons Adolf Bühler in der Maschinenfabrik Bühler AG in Uzwil eröffnet. Zu Beginn kostete das Mittagessen 85 Rappen, später einen Franken, was in etwa einem Stundenlohn entsprach.

Das Konzept der Kantine löste eine Revolution in der Gastronomie aus. In kurzer Zeit entstanden bis über die Landesgrenze hinaus zahlreiche weitere Kantinen. Das Geschäftsmodell von Else Züblin-Spiller erwies sich als so erfolgreich, dass ihre Organisation bis 1919 alleine in der Schweiz 30 Betriebe eröffnete. 1920 wurde der Namen in Schweizer Verband Volksdienst (SV) geändert. Seit 1999 heisst die Aktiengesellschaft SV Group.

Das Personalrestaurant von Bühler ist noch heute im ursprünglichen Gebäude untergebracht. 1918 wurde dieses für 150000 Franken ausgebaut, so dass eine Kantine mit Vortragssaal Platz fand. Zudem gab es ein Wohlfahrtshaus unter anderem mit einer Bibliothek, einem Schulungsraum und der Arbeitsfürsorge. Weitere Angebote für Arbeiter und deren Familien waren Kinderkrippen, Sozialberatung, Spielnachmittage für Kinder und Nähkurse für Mütter. Diese Massnahmen steigerten die Attraktivität des Arbeitgebers enorm. (nar)

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