URTÜMLICH: Chlause, Räuchle und Schnitze

Die Ausserrhoder ziehen einen Baumstamm durch die Dörfer, und die Thurgauer tragen eine Holzfigur über den Bodensee. In der Ostschweiz gibt es Winterbräuche, die nicht überall bekannt sind.

Lisa Wickart
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Musikanten und ein Schmied sitzen auf dem Bloch in Urnäsch. (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))

Musikanten und ein Schmied sitzen auf dem Bloch in Urnäsch. (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))

Lisa Wickart

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@tagblatt.ch

Weihnachten, Silvester und Fasnacht kennt jeder. In der Ostschweiz gibt es hingegen Wintertraditionen, die weniger bekannt sind. Das Maskenschnitzen im Sarganserland ist eine davon. Hier werden, angelehnt an die Fasnacht, Holzmasken geschnitzt. Anfang des 19. AABB22Jahrhunderts kam der Brauch auf. Auch heute lebt die Tradition noch. Die Kunst wird von Familie zu Familie weitergegeben und kann in Schnitzkursen erlernt werden. «Im Kanton St. Gallen gibt es sonst wenige Winterbräuche», sagt Martina Kaiser, Kommunikationsleiterin von St. Gallen-Bodensee Tourismus. Das Adventssingen auf dem St. Galler Klosterplatz am vierten Advent sei einer der wenigen. Hunderte Besucher treffen sich jeweils zum gemeinsamen Singen. Der Christbaum auf dem Klosterplatz ist eine bekannte Tradition. Nicht nur an Weihachten, auch an Silvester während des Feuerwerks ist der Platz ein beliebter Treffpunkt. Geschmückt wird der Christbaum von den Schülerinnen und Schülern der Schule für Gestaltung St. Gallen.

«Der Thurgau ist in Sachen Bräuche eher ein leerer Raum», sagt Adrian Braunwalder von Thurgau Tourismus. Nichtsdestotrotz verstecken sich hier einige Winterbräuche. Einer, der wieder reaktiviert wurde, ist das Stockfischessen. Jahrhundertelang war der Fisch ein Armeleuteessen für die Fastenzeit. Die Tradition wurde von einzelnen Gastronomen wieder eingeführt. Stockfische können von Ende Januar bis kurz vor Ostern gegessen werden. Die Frauenfelder feiern am dritten Montag im Januar den Bechtelistag, ein Fest aus dem Mittelalter. Wie bei der Fasnacht verkleiden sich die Teilnehmer dabei. Um 18 Uhr wird im Rathaus gegessen, umrahmt mit Musik und Ansprachen. Nach dem Bechtilsmahl werden die Türen für Festfreudige geöffnet. Unter den Verkleideten werden die besten Masken ausgezeichnet. Gefeiert wird bis spät in die Nacht.

Rauchende Kinder sind im Thurgau Geschichte

Auch die Weinfelder feiern ein Winterfest: die Bochselnacht. Kinder und Jugendliche schnitzen vorab «Bochseltiere» aus Futterrüben. Die Schüler ziehen mit ihren selbst gemachten Laternen in der Dunkelheit durch das Zentrum von Weinfelden. Nach dem Umzug führen die Kinder und Jugendlichen das Bochselnachttheater auf. Die Tradition hat sich über die Jahre in die umliegenden Orte ausgebreitet, die alle die Bochselnacht verschieden feiern. Ein Teil des Brauches wurde jedoch abgeschafft: Früher durften die Kinder an der Bochselnacht rauchen. Eine eigene Fasnachtstradition feiern die Ermatinger. Der sogenannten Groppenfasnacht wird eine Legende nachgesagt: Der Papst sei vor 600 Jahren vor dem Konstanzer Konzil in das Fischerdorf geflohen. Dort sei er aufgenommen und bewirtet worden. Der Name kommt daher, dass dem katholischen Oberhaupt Groppen, kleine Raubfische, aufgetischt worden seien. Er erlaubte den Ermatingern daraufhin, mitten in der Fastenzeit eine Fasnacht zu feiern. «Es ist die letzte Fasnacht im Jahr», so Braunwalder. Ein seltener Winterbrauch fand zum letzten Mal im Jahr 1963 statt. Jeweils bei Seegfrörni, bei zugefrorenem Bodensee, wird eine Büste des heiligen Johannes von Münsterlingen ins deutsche Hagnau getragen. Seit über 50 Jahren wartet die Büste nun in der Kirche in Münsterlingen. «Amüsant an der Geschichte ist, dass jedes Mal, wenn die Büste über den See getragen wurde, sie herunterfiel und sich Schrammen zuzog», sagt Adrian Braunwalder.

«In Innerrhoden werden noch viele alte Bräuche gefeiert», sagt Maria Inauen, Mitarbeiterin vom Museum Appenzell und von Appenzellerland Tourismus. «Räuchle» ist einer davon. An Heiligabend, Altjahrabend und am Abend vor dem Dreikönigstag geht der Vater, oft begleitet von den Kindern, mit der Räuchlipfanne durch Haus und Stall, um die Räumlichkeiten zu segnen und früher auch, um böse Geister zu vertreiben.

Innerrhoder Alternative zum Christbaum

Die Innerrhoder Alternative zum Christbaum ist der «Chlausezüüg». Ursprünglich war der ganze «Züüg» essbar. Die pyramidenförmige Figur bestand früher aus «Philebrot», einem Appenzellergebäck, und aus Biberfladen. Der «Chlausezüüg» steht entweder im Wohnzimmer, in Schaufenstern oder Wirtshäusern. Heute besteht der Rohbau aus Holz. Verziert wird der «Chlausezüüg» mit Lebkuchen, den sogenannten «Chlausebickli», Nüssen, Äpfeln und zierlichen Mehlteigplättchen, «Devisli» genannt. Zwischen Weihnachten und Neujahr wird in Teilen Innerrhodens der Brauch des «Omsinge» gepflegt. Kleine Gruppen oder Chöre tragen auf ihren Rundgängen von Haus zu Haus Lieder vor. Das soll Glück fürs neue Jahr bringen. Auch während der Fasnachtszeit pflegen die Innerrhoder ihre Traditionen. «Die Fasnacht ist in Innerrhoden relativ ausgeprägt», so Maria Inauen. Eine Besonderheit seien die Botzerössli. Innerrhoder hängen sich einen hölzernen Pferderumpf über die Schultern. Die Beine werden unter einem farbigen Rock versteckt. Verkleidet traben Ross und Reiter mit dem Fastnachtszug mit.

In Ausserrhoden werden heute noch viele alte Traditionen und Bräuche gelebt. Wer ausserhalb des Appenzellerlandes wohnt, dem dürfte etwa Gidio Hosestoss kaum ein Begriff sein. Am Aschermittwoch wird das Dorforiginal Gidio Hosestoss, der an einem gestohlenen Leckerli erstickt ist, als Strohpuppe auf einem Wagen aufgebahrt und in einem fasnächtlichen Umzug in Herisau und Waldstatt zur Abdankung geleitet. Am Funkensonntag, dem Sonntag nach Aschermittwoch, wird Gidio Hosestoss dann auf dem Scheiterhaufen verbrannt und für den nahenden Frühlingsbeginn geopfert. Ebenfalls ausserhalb der Kantonsgrenze weniger bekannt ist das Urnäscher Bloch. Alle zwei Jahre am Montag vor Aschermittwoch wird das Bloch, ein geschmückter Baumstamm, von Urnäsch durch Hundwil, Stein und Waldstatt gezogen und schliesslich in Urnäsch versteigert. In Hundwil, Stein und Schwellbrunn wird das Bloch von Buben durch das Dorf gezogen. Die Herisauer führten nach 100 Jahren das Herisauer Bloch wieder ein. Nachdem der Baumstamm durch das Dorf gezogen wurde, beginnen seine Versteigerung und der öffentliche Blochball.

Der wohl berühmteste Winterbrauch ist das Silvesterchlausen. Vom Morgen an sind die schönen, die schön-wüeschten und die wüeschten Silvesterchläuse unterwegs, ziehen von Haus zu Haus und singen ein «Zäuerli». In Ausserrhoden wird die Jahreswende sogar zweimal gefeiert: nach dem gregorianischen Kalender am 31. Dezember und nach dem julianischen Kalender am 13. Januar. Wer schon Pläne für Silvester hat, hat somit eine zweite Chance, die einzigartige Tradition mitzuerleben.