URTEIL: Zugeschlagen – aber ohne Tötungsabsicht

Der Prozess gegen einen Eritreer endete mit einer Überraschung. Das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland sprach ihn vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung frei.

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Die Anklage hatte dem 28-jährigen zur Last gelegt, er habe einen Mitbewohner im regionalen Asylzentrum töten wollen. Dies aus Wut darüber, dass der seine Freundin kontaktiert und ihre Telefonnummer auf dem Handy gespeichert habe. Dazu habe er ihm mit einem Kopfkissen die Luftzufuhr abgeschnitten und ersticken wollen. Nur mit Glück habe das Opfer überlebt, nachdem es lange ohnmächtig gewesen sei, so der Vorwurf.

Nach Auffassung des Gerichts fehlten dazu schlicht die nötigen Beweise. So sei die Verwendung des Kissens zum Ersticken des Opfers nicht belegt. Unbestritten sei lediglich, dass es zu einem Handgemenge gekommen war, der Beschuldigte sein Opfer am Kragen packte, zu Boden schlug und dann seinen Fuss auf dessen Hals setzte. «Das ist keine Bagatelle», mahnte der Richter, «man kann nicht einfach dreinschlagen.» Doch es bleibe am Ende eben «nur» eine Schlägerei, wie es sie täglich dutzendfach gäbe. An der Tötungsabsicht bestünden grosse Zweifel.

Keine Beweise für Lebensgefahr

Das Gericht verurteilte den Mann denn auch nur wegen einfacher Körperverletzung und verhängte dafür neun Monate Haft, bedingt auf zwei Jahre. Aus der Sicherheitshaft wird der Mann entlassen, ein Landesverweis nicht ausgesprochen. Beantragt waren 15 Jahre. Als «vorläufig Aufgenommener» muss er die Schweiz aber ohnehin verlassen, sobald sich die Lage in Eritrea verbessert. Man habe auch den Vorwurf einer «Gefährdung des Lebens» geprüft, begründete das Gericht sein Urteil weiter. Es fehlten aber auch hier Beweise für eine «konkrete unmittelbare Lebensgefahr».

Die Ohnmacht des Opfers rühre zudem nicht zwingend vom angeblichen Erstickungsversuch, sondern hätte laut Gutachten auch von einer Gehirnerschütterung kommen können. Es sei ferner unklar, ob sie überhaupt eingetreten sei und wenn, ob sie länger als zwei Minuten dauerte, hiess es. Ärztlich festgestellt sei sie jedenfalls nicht und auch der Polizeirapport belege die von der Anklage behauptete lange Dauer der Bewusstlosigkeit nicht.

Wegen der fehlenden Lebensgefahr konnte nicht einmal eine Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung erfolgen, betonte das Gericht weiter und folgte damit Argumenten der Verteidigung, die sieben Monate Haft wegen einfacher Körperverletzung gefordert hatte. Der Angeklagte selbst gab sich vor Gericht eher schüchtern und still, er bestritt jedoch die Tötungsabsicht bei der Schlägerei: «Ich wollte nicht töten.»

Seinem Opfer muss er 1000 Franken Genugtuung zahlen. An den Verfahrungskosten von rund 38000 Franken hat er sich nach dem Freispruch vom Hauptvorwurf mit einem Fünftel zu beteiligen, der Rest geht zu Lasten des Staates. Die Staatsanwaltshaft zeigte sich spontan wenig begeistert vom Urteilsspruch. Man werde die Begründung sehr kritisch prüfen, hiess es. Auch ein Weiterzug an die zweite Instanz sei möglich. «Das prüfen wir ganz genau.»

Reinhold Meier

ostschweiz

@tagblatt.ch