URTEIL: «Kam mir vor wie ein Sklave»

Ein gebürtiger Iraker hat die Notlage seines Neffen ausgenutzt und über längere Zeit regelmässig sexuelle Handlungen an ihm ausgeübt. Das Kreisgericht St. Gallen verurteilte ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe.

Claudia Schmid
Drucken
Mehrmals pro Woche kam es in der Wohnung des Täters zu sexuellen Übergriffen. (Bild: Urs Bucher)

Mehrmals pro Woche kam es in der Wohnung des Täters zu sexuellen Übergriffen. (Bild: Urs Bucher)

Claudia Schmid

ostschweiz@tagblatt.ch

Der Beschuldigte ist ein gebürtiger Iraker mit persischen Wurzeln, der 1993 als anerkannter Flüchtling in die Schweiz einreiste. Er fand eine Arbeit, heiratete, gründete eine Familie und liess sich einbürgern. 2005 wurde die Ehe geschieden, wobei die beiden Kinder ihm zugesprochen wurden.

Einige Zeit nach seiner Einreise in die Schweiz begann der 51-jährige Mann, seinen zwölf Jahre älteren Bruder und dessen Familie zu unterstützen. Sie lebten damals als Flüchtlinge rechtswidrig im Iran. Nach der Scheidung wurden die drei Buben dem taubstummen Vater zugesprochen. 2001 ermöglichte der Beschuldigte seinem Bruder die Flucht in die Schweiz. Dieser war aufgrund seiner Behinderung bald auf die finanzielle Hilfe des Sozialamtes angewiesen und deshalb nicht in der Lage, seine Kinder zu unterstützen. So kümmerte sich weiterhin der Onkel um die drei Buben. Er besuchte sie jährlich in Teheran. Als die drei Kinder im Iran keine Aufenthaltsbewilligung mehr hatten, begaben sie sich 2007 auf die monatelange, beschwerliche Flucht in die Schweiz. Die finanziellen Mittel für Reise und Schlepper finanzierte der Beschuldigte. In St. Gallen beherbergte und betreute er seine Neffen.

Nicht gewagt, zu widersprechen

Dem Beschuldigten wird nun vorgeworfen, er habe die Abhängigkeit eines seiner Neffen ausgenutzt und zwischen Juni 2008 und März 2011 in seiner Wohnung mehrmals wöchentlich sexuelle Handlungen an ihm vorgenommen. Er sei schockiert gewesen, als ihn der Onkel das erste Mal missbraucht habe, erzählte der junge Mann, der zur Tatzeit zwischen 17 und 19 Jahre alt gewesen ist, an der Gerichtsverhandlung. Er habe aber nicht gewagt, sich zu wehren, denn der Beschuldigte habe ihm gedroht, er werde ihn zurück in den Iran schicken.

Zuvor habe er den Onkel immer sehr bewundert. Er sei wie ein Vater und ein Idol für ihn gewesen. Die Vorkommnisse hätten ihm grosse Angst gemacht. Er habe sich geschämt und lange Zeit mit niemandem darüber reden können. Manchmal sei er sich wie ein Sklave seines Onkels vorgekommen.

Der Beschuldigte bestritt nicht, eine sexuelle Beziehung zu seinem Neffen unterhalten zu haben. Es habe sich um eine reine Liebesbeziehung zwischen Onkel und Neffe gehandelt. Sie sei von beiden Seiten gewollt gewesen. Am Schluss sei es um Geld, Eifersucht und Neid gegangen. Der Neffe habe das Geschäft, das er den drei Brüdern finanziert habe, für sich alleine haben wollen.

Er sei selber mit zwölf Jahren vom Schwager und später vom Turnlehrer gegen seinen Willen in sexuelle Handlungen verwickelt worden, erklärte der Mann. Auch als er während des Krieges ins Gefängnis gekommen sei, hätten sich sexuelle Kontakte zwischen Männern ergeben. Er wisse, dass eine sexuelle Liebesbeziehung zwischen Neffe und Onkel nicht üblich und deshalb kompliziert sei. Deshalb schäme er sich auch bis heute. Doch sei nichts unter Zwang erfolgt, sondern einfach so im gegenseitigen Einverständnis passiert.

Zwei Jahre Freiheitsstrafe bedingt

Das Kreisgericht St. Gallen sprach den Mann der mehrfachen Ausnutzung der Notlage schuldig. Es verurteilte ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren mit einer Probezeit von zwei Jahren. Seinem Neffen muss er eine Genugtuung von 18000 Franken bezahlen. Die Verfahrenskosten betragen 9245 Franken. Davon muss der Beschuldigte vier Fünftel bezahlen. Den Rest trägt der Staat.

Das Gericht sei überzeugt, dass der Beschuldigte seine Neffen nicht in die Schweiz geholt habe, um sie auszunutzen, erklärte der vorsitzende Richter. Trotzdem sei es dann zur Ausnutzung der Notlage gekommen. Der Neffe sei als junger Flüchtling in eine fremde Kultur gekommen, habe die Sprache nicht beherrscht und sich so nicht gegen den Onkel wehren können. Dieser sei die einzige enge und vertraute Bezugsperson gewesen.