URTEIL: Betrüger beschuldigt Finanzbranche

Ein Mann hat während zehn Jahren über 3,5 Millionen Franken erschwindelt. Am Kantonsgericht St. Gallen zeigt er Reue und fordert eine geringere Strafe.

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Ein 46-Jähriger musste sich ­gestern wegen Betrugs vor dem St. Galler Kantonsgericht verantworten. Der Beschuldigte gab sich als vermeintlicher Börsenspezialist aus. Er versprach Bekannten, Freunden und Geschäftspartnern hohe Renditen. In Wahrheit handelte es sich um ein Schneeballsystem im Stile des sogenannten Ponzi-Tricks.

Er investierte das meiste Geld nicht wie angegeben in Anlagen. Einerseits befriedigte er Kunden, die auf die Auszahlung ihrer ­Investitionen pochten, mit den Einlagen neuer Anleger. Andererseits finanzierte er sich seinen aufwendigen Lebensstil.

Die Gesamtdeliktsumme ­beträgt bei 57 Geschädigten rund 3,54 Millionen Franken. Das Kreisgericht Wil sprach ihn im ­Januar dieses Jahres des mehrfachen gewerbsmässigen Betrugs, der Urkundenfälschung und des versuchten Prozessbetrugs schuldig. Es verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 5,5 Jahren. Im Berufungsverfahren verlangt der Beschuldigte nun eine Reduktion dieser Sanktion um ein Jahr.

Trotz Verfahren weiter gemacht

Der Mann, der sich seit 2016 im vorzeitigen Strafvollzug befindet, bestritt seine Taten nicht und ­akzeptierte die Schuldsprüche der Vorinstanz. Er habe an den Erfolg seiner selbstständigen ­Tätigkeit geglaubt, betonte er am Kantonsgericht St. Gallen. Auf die Idee kam er, nachdem er seinen Job als Koch aufgegeben hatte und bei einer Finanzberatungsfirma arbeitete. Der vorsitzende Richter hielt ihm vor, dass er selbst dann noch weitergemacht habe, als bereits ein Untersuchungsverfahren gegen ihn eröffnet worden sei. Er habe stets ­geglaubt, dass sein Geschäfts­modell irgendwann funktioniere, antwortete der Beschuldigte. So habe sich die Spirale immer weiter gedreht. Die Illusion habe ihn bis zu seinem vorzeitigen Strafvollzug nie losgelassen. Er könne nicht sagen, welcher Teufel ihn damals geritten habe. «Ich schäme mich fast zu Tode.» Er wolle nie wieder in die Treuhand- oder Finanzbranche.

Täter kommt spät zur Einsicht

Der Verteidiger beantragte eine Reduktion der Strafe um ein Jahr. Es handle sich um einen aussergewöhnlichen Fall, was den Wandel des Beschuldigten und die Einstellung zu seiner Tat anbelange. Lange Zeit habe er sich nicht mit seinem Verhalten auseinandersetzen können. Heute habe der Mann eingesehen, dass sein Handeln absolut inakzeptabel gewesen sei und er vielen Menschen grossen Schaden zugefügt habe. Die Tat habe viel mit dem beruflichen Wechsel in die Finanzbranche zu tun. «Er ist zum Zahlenmensch geworden und hat die Betroffenen dahinter nicht mehr gesehen.»

Die Staatsanwältin beantragte eine Erhöhung der Freiheitsstrafe auf sechs Jahre. Sie betonte, der Beschuldigte habe aus Geldgier skrupellos gehandelt. Er hatte mehr als zwei Millionen Franken der ihm anvertrauten Gelder für private Zwecke verwendet. Pro Jahr zweigte er rund 200000 Franken für sich ab. Er lebte mit seiner Familie in einer Millionen-Villa und leistete sich ein Ferienchalet in den Tiroler Alpen. Das Urteil des Kantons­gerichts steht noch aus.

Claudia Schmid

ostschweiz@tagblatt.ch