URTEIL: Alle für Vater

Das Bundesgericht hat entschieden: Ein älteres pakistanisches Ehepaar muss die Schweiz verlassen. Das trifft seine vier Kinder hart, denn diese leben mit ihren Schweizer Partnern und Familien in St. Gallen und im Thurgau. Jetzt suchen sie einen Ausweg.

Martin Rechsteiner
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Elvina und ihr Mann Kushia (Mitte) sollen das Land verlassen. Die Familie kämpft dagegen: Amber und Patrick Schenk (oben links), Kurt und Patricia Sturzenegger (links Mitte), Geschwister und Kinder. (Bild: Andrea Stalder)

Elvina und ihr Mann Kushia (Mitte) sollen das Land verlassen. Die Familie kämpft dagegen: Amber und Patrick Schenk (oben links), Kurt und Patricia Sturzenegger (links Mitte), Geschwister und Kinder. (Bild: Andrea Stalder)

"Stillhockä!" zischt Mutter Amber Schenk den Kindern in breitem Thurgauer Dialekt zu, als die Familie für das Foto posiert. Gelächter, die Kinder tollen herum. Die Verzweiflung, die in der Familie herrscht, macht sich erst bemerkbar, als das Urteil des Bundesgerichts zur Sprache kommt. Denn die höchste Instanz im Land hat entschieden: Die Grosseltern Elvina und Kushia Patrick müssen die Schweiz verlassen (siehe unten). Eine Aufenthaltsbewilligung habe der Kanton Thurgau zu Recht abgelehnt.
 

Flucht vor Extremisten

Die Familie sitzt am langen, hölzernen Küchentisch ihres Hauses in Oberwangen und erzählt. Die Gesichter sind besorgt, zwischen den einzelnen Sätzen schlucken die Männer und Frauen leer. 
Elvina und Kushia Patrick kommen aus Pakistan, aus Quetta, einer Stadt nahe der afghanischen Grenze. Sie sind Christen. Ihre älteste Tochter, Patricia, ist Religionslehrerin. "Seit dem Jahr 2001 verschlechtert sich die Situation für die christliche Minderheit im muslimischen Pakistan", sagt ihr Thurgauer Mann Kurt Sturzenegger. Er ist der Dorfmetzger in Oberwangen. "Als christliche Religionslehrerin wurde Patricia nahegelegt, das Land zu verlassen." So landete die junge Pakistani vor 18 Jahren in der Schweiz, in Oberwangen. Dort lernte sie Sturzenegger kennen, mit dem sie heute drei Kinder hat.

Dann ging alles schnell. Die pakistanische Familie war hie und da zu Besuch im Dorf, so lernte die zweitälteste Tochter, Amber, Patrick Schenk, einen Freund von Sturzenegger, kennen. Auch die beiden gründeten eine Familie in Oberwangen. Die beiden jüngeren Brüder von Patricia und Amber verliebten sich ebenfalls in zwei Schweizerinnen und leben in der Ostschweiz. Schnell lernten die vier Pakistani Deutsch und fanden Arbeit. Das Familienglück war perfekt, die Eltern kamen manchmal zu Besuch aus der Heimat. Doch dann, vor drei Jahren, geriet Vater Kushia in Pakistan in einen Motorradunfall. Er erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Seither ist er rechtsseitig bewegungseingeschränkt und psychisch angeschlagen. Kushia 
Patrick steht abseits des Familientischs in der Mitte des Raumes, lächelt und starrt verträumt ins Leere. Er scheint den Ernst seiner Lage nicht recht zu begreifen. Auch nicht, dass es beim Gespräch hauptsächlich um ihn geht. 

"Er braucht Pflege rund um die Uhr, ist verwirrt, manchmal sogar aggressiv", sagt Amber Schenk. "Zu Hause, in Pakistan, spricht er auf der Strasse ab und zu laut von Jesus und Gott." In einem muslimischen Staat sei das ein problematisches Verhalten. "Auf Blasphemie steht die Todesstrafe."

"In Pakistan ist die Pflege von älteren Menschen oder Beeinträchtigten Familiensache. Ein System mit professioneller Betreuung gibt es, trotz moderner Kliniken in den Städten, nicht", sagt  Patricia Sturzenegger. Sie und ihre Geschwister hätten eine Existenz in der Schweiz und könnten nicht einfach so zurückkehren, um sich um den Vater zu kümmern. "Wir sind hier verheiratet und arbeiten, haben Freunde im Dorf, und die Kinder gehen hier zur Schule."

Für Ausländer sei es in Quetta inzwischen ohnehin zu gefährlich. "Es herrscht ein grosser Hass auf Westler. Wir Männer aus der Schweiz könnten dort das Haus nicht verlassen", sagt Patrick Schenk. Und dass Kushia in Pakistan von anderen Verwandten gepflegt werde, gehe auch nicht. "Nachbarn, Freunde, Cousins… sie können aushelfen, aber nicht die ganze Zeit da sein und ihn pflegen. Das würden sie nicht als ihre Aufgabe verstehen. Sie würden ihn seinem Schicksal überlassen", sagt Amber Schenk. Einzig seine Frau Elvina könne ständig bei Kushia sein. Seinem Willen aber habe sie wenig entgegenzusetzen. "Frauen können Männer in Pakistan nicht alleine pflegen." Zu stark sei das Patriarchat, sagt Schenk. "Ihre Anweisungen, zum Beispiel, dass er sich ausziehen soll fürs Duschen, würde er nicht befolgen." Und schon gar nicht könne sie ihm verbieten, öffentlich über Jesus zu sprechen, oder ihm sagen, dass er wegen seines verwirrten Zustands besser zu Hause bleibe. "Dass Elvina vor kurzem auch noch an Brustkrebs erkrankt ist, macht die Situation noch schwieriger", sagt Schenk. Elvina kommen am Tisch die Tränen: "Ich weiss nicht, wohin wir in Pakistan gehen, was wir tun sollen", sagt sie mit erstickter Stimme.
 

Pflege soll den Staat nichts kosten

«Ich bringe es nicht übers Herz, meine kranken Schwiegereltern allein ins Flugzeug nach Pakistan zu setzen», sagt der Thurgauer Patrick Schenk. Strafbar machen, indem sie die beiden hier behält, wolle sich die Familie auch nicht. Der Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte lohne sich aber kaum. Bis zu einem Urteil dauere es Jahre. So lange müssten seine Schwiegereltern nach Pakistan. "Wir pflegen sie ja in unserem Haus auf unsere Kosten", sagt Schenk, "dem Staat liegt hier niemand auf der Tasche." Er hofft, dass sich doch noch irgend eine Möglichkeit auftut. Ansonsten müssen Elvina und Kushia, nach drei Jahren in der Schweiz, innerhalb der nächsten zwei Wochen das Land verlassen. "Wir suchen jetzt verzweifelt nach einer Lösung."

Urteil über Härtefall

In seinem Urteil vom 23. Juni anerkennt das Bundesgericht in Lausanne zwar das Anliegen von erwachsenen Kindern, die Pflege und Betreuung ihrer kranken Eltern in der Schweiz zu übernehmen. Die Bundesrichter sind jedoch davon überzeugt, dass das auch in Pakistan möglich ist. In einer grösseren Stadt, wo die Familie ein Haus besitzt, sei die gesundheitliche Versorgung gewährleistet, es gebe gute Privatkliniken. Den vier in der Schweiz lebenden Kindern sei es zuzumuten, finanziell für die Betreuung der Eltern in Pakistan aufzukommen. (mre)