URKUNDENBUCH: Reihenweise Rohstoff

Nach 40 Jahren Forschungsarbeit ist das Werk «Chartularium Sangallense» abgeschlossen. Es enthält wichtige Urkunden, die Einblicke in die St. Galler Sozial- und Wirtschaftsgeschichte geben.

Nina Rudnicki
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Nina Rudnicki

ostschweiz

@tagblatt.ch

Während Jahrzehnten hat der St. Galler Stadtarchivar Stefan Sonderegger mit seinem Team an dem Urkundenbuch «Chartularium Sangallense» gearbeitet. Darin sind sämtliche urkundlichen Erwähnungen der Stadt und Region St. Gallen zwischen 700 bis 1411 erfasst. Im Stadthaus der Ortsgemeinde St. Gallen hatte am Montag mit Band XIII das letzte Buch Vernissage. «Man könnte meinen, die Editionsarbeit in den St. Galler Archiven sei nun getan. Das Gegenteil ist aber der Fall», sagte Ortsbürgerpräsident Arno Noger vor Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Forschung. Es gebe in den Archiven noch sehr viel mehr Rohstoff, den es verfügbar zu machen gelte. Man habe daher bereits ein weiteres Grossprojekt in Angriff genommen, wiederum mit Beiträgen des Lotteriefonds des Kantons St. Gallen und des Schweizerischen Nationalfonds sowie von Stiftungen aus St. Gallen und Appenzell. Erschlossen werden sollen rund 10000 Briefe der Reichsstadt St. Gallen von 1400 bis 1650.

«Eine Kette von der Quelle bis zur Lehre»

Das «Chartularium Sangallense» hat rund 3,5 Millionen Franken gekostet. Der Historiker, Lehrer und Jurist Otto Clavadetscher aus Trogen, der vor zwei Jahren verstorben ist, hatte das Projekt ab den 1970er-Jahren betreut und geleitet, in späteren Jahren in Zusammenarbeit mit Stefan Sonderegger. «Otto Clavadetscher starb heute auf den Tag genau, etwa zur gleichen Zeit wie jetzt die Vernissage stattfindet», sagte Stefan Sonderegger. Er habe ihm versprochen, das Werk zu Ende zu führen und die Urkunden neu herauszubringen. Die Urkunden seien Rohstoffe und als solche die Grundlage für die Geschichtsforschung. «Die Geschichtsdarstellung ist eine Kette von der Quelle bis zur Lehre. Der Anfang dieser Kette muss laufend überprüft und erneuert werden.»

Das ist laut Sonderegger von besonderer Bedeutung, weil das aus dem 19. Jahrhundert stammende Vorgängerwerk des «Chartularium Sangallense» vor allem auf die Urkunden aus dem Stiftsarchiv fokussiert hatte. Nicht berücksichtigt worden waren Urkunden aus anderen Archiven wie etwa dem Stadtarchiv. Das hatte zur Folge, dass die St. Galler Geschichte vor allem aus Sicht des Klosters dargestellt war. Im «Chartularium Sangallense» sind nun alle Urkunden mit Bezug zu St. Gallen aufgenommen. Durch die Neubearbeitung wurden mehr als 40 Prozent neue, also bisher nicht bekannte Urkunden veröffentlicht und der Forschung zugänglich gemacht.

Nachbarschaftsgezänk und Regionalpolitik

In der Zeit bis 1411 zählen Urkunden zu den wichtigsten geschichtlichen Quellen. Für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sind sie fast die einzigen Zeugnisse. Sie dokumentieren nicht nur politische Entscheide, sondern auch viel Alltägliches wie etwa Baurechte und Nachbarschaftsstreitigkeiten. Zudem zeigt das Urkundenbuch nicht nur die Geschichte von Stadt und Kloster St. Gallen auf, sondern auch deren Bezug zu Nachbarregionen, wie den beiden Appenzell, dem Thurgau, Süddeutschland, Vorarlberg und zum Fürstentum Liechtenstein.

Umso wichtiger sei es, dass man nicht einfach beim Jahr 1411 mit der Arbeit aufhöre, sagte Arno Noger. Dank der 10000 Briefe aus der Zeit von 1400 bis 1650 und des Briefverkehrs der Reichsstadt St. Gallen mit Konstanz, Überlingen, Lindau, Ravensburg und Zürich könne die damalige Politik – die Politik einer «Regio Bodensee» – herausgelesen werden.

Sämtliche dieser Briefe wurden im vergangenen Jahr bereits mit dem internationalen Urkundenportal <%LINK auto="true" href="http://www.monasterium.net" text="www.monasterium.net" class="more"%> digitalisiert. Noger sagt: «Damit begibt sich unser Stadtarchiv auf Neuland und steht an der Spitze europäischer Forschung in diesem Thema.»