Unterwegs in die Gesellschaft

Der Kanton Thurgau setzt in seiner Integrationspolitik auf die Kompetenzzentren. Der Bund hat seine Förderpolitik vereinfacht und verhandelt nur noch mit dem Kanton, nicht mehr mit den Gemeinden.

Thomas Wunderlin
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Die Tibeterin Peling Dechen Lhamo bespricht sich mit einem äthiopischen Klassenkameraden. (Bild: Reto Martin)

Die Tibeterin Peling Dechen Lhamo bespricht sich mit einem äthiopischen Klassenkameraden. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Peling Dechen Lhamo schreibt mit Filzstift auf einen Papierstreifen: «Vorher sagen.» Die 33jährige tibetische Bäuerin ist seit drei Jahren in der Schweiz. Sie wohnt in Kreuzlingen und möchte gern in der Pflege arbeiten. Sie besucht einen Deutschkurs im Kompetenzzentrum für Integration (KOI) in Frauenfeld. Thema der Lektion: Private Einladung. Die Aufgabe lautet: «Was ist höflich?»

An diesem Montag kommt der Thurgauer Regierungspräsident Claudius Graf-Schelling auf Schulbesuch. Er hat den Medienvertretern im Schulzimmer nebenan das kantonale Integrationsprogramm 2014–17 (KIP) erklärt. Nach bald einem Jahr Umsetzung zieht er eine positive Bilanz. Da der Bund seine Integrationsförderung neu ausrichtet, erhält der Thurgau mehr Mittel.

Nur mit Deutsch integriert

Der Bund schreibt acht Förderbereiche vor, unter anderem Information, Beratung und frühe Förderung – wobei die Sprache der Schlüssel ist. Laut Markus Kutter, Leiter des KOI Frauenfeld, ist nicht jeder integriert, der Deutsch spricht. Aber ohne die Sprache sei niemand integriert.

Integration setze den Willen der Migranten voraus, sagt Camillus Guhl, Leiter des kantonalen Amts für Migration: «Aber auch die Offenheit der Thurgauer Bevölkerung.» Für ausländerrechtliche Entscheide sei die Integration je länger je mehr massgebend. Die ausländische Bevölkerung im Kanton ist seit 2000 von 42 000 auf 62 000 gestiegen, ausschliesslich durch Zuwanderung aus EU- und Efta-Staaten. Verhältnismässig wenig ins Gewicht fallen Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene, von denen es rund 950 gibt.

Mit der Zuwanderung sind Integrationsprogramme entwickelt worden. Migranten sollen laut Guhl am wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben teilnehmen: «Sonst fällt unsere Gesellschaft auseinander.» Das KOI Frauenfeld veranstaltet seit 2001 aufgrund einer Leistungsvereinbarung mit dem Bund Deutsch- und Integrationskurse. Nun verhandelt der Bund nur noch mit den Kantonen. Deshalb soll in allen fünf Thurgauer Bezirken je ein KOI entstehen, mit denen der Kanton eine Leistungsvereinbarung abschliessen kann.

Nur noch Arbon fehlt

Kreuzlingen hat seit sechs Jahren ebenfalls ein KOI. In Sirnach ist dieses Jahr eines eröffnet worden, Weinfelden folgt 2015. Nach Angaben von Oliver Lind, kantonaler Integrationsdelegierter, fehlt noch der Bezirk Arbon. Der Kanton will die Gemeinden zur Teilnahme bewegen, gezwungen werden können sie nicht. «Manche fühlen sich weniger betroffen», sagt Graf-Schelling, wobei er «fühlen» betont. Die Kurskosten entfallen je zu einem Drittel auf Bund/Kanton, Gemeinde und Teilnehmer. «Integration kostet», erklärt Graf-Schelling, «keine Integration kostet aber auch, im Endeffekt um ein Vielfaches mehr.»

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