UNTERSUCHUNG: Das Kanti-Leck bleibt ungeklärt

Ein letzter Bericht zum berüchtigten Kanti-Leck wird jetzt publik. Lösen kann auch dieser das Rätsel nicht. Dennoch gibt der Bericht Lindegger einen Einblick, wie es zur Indiskretion kam.

Conradin Knabenhans
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Der Kantistandort Wattwil stand im Frühling 2014 in umstrittener Konkurrenz zum Standort Uznach. (Bild: Hanspeter Schiess (Wattwil, 28. Februar 2014))

Der Kantistandort Wattwil stand im Frühling 2014 in umstrittener Konkurrenz zum Standort Uznach. (Bild: Hanspeter Schiess (Wattwil, 28. Februar 2014))

Conradin Knabenhans

ostschweiz@tagblatt.ch

Ein letztes Puzzleteil zum Kanti-Leck wird bekannt. Die "Zürichsee-Zeitung" hat Einsicht in den sogenannten Untersuchungs­bericht Lindegger erhalten. Die St. Galler Regierung hatte den Anwalt Benno Lindegger 2014 beauftragt, zu prüfen, ob Mitarbeiter der kantonalen Verwaltung Auslöser des Kanti-Lecks waren. Der Bericht blieb bis nach Abschluss des Rechtsverfahrens gegen den Nesslauer Gemeindepräsidenten Kilian Looser unter Verschluss.

Gesicherte Fakten gab es auch ohne Bericht: An einer Landsitzung der St. Galler Regierung in Nesslau im April 2014 ging es um den Standort der Kanti Wattwil. Kurz danach bekam die Zeitung "Ostschweiz am Sonntag" (OaS) ein E-Mail zugespielt. Der brisante Inhalt: Der damalige Volkswirtschaftsdirektor Benedikt Würth (CVP) thematisierte eine geheime Studie über die Mittelschulstandorte Wattwil oder Uznach. Würth forderte die genaue Prüfung des Standortes Uznach. Dieser sei von der Analyse als "gut" bewertet worden.

Als Informationsgeber an die Medien outete sich später der Nesslauer Gemeindepräsident Kilian Looser (FDP). Er gab zu, die Unterlagen einer Redaktorin zugespielt zu haben. Looser wurde wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses per Strafbefehl zu einer bedingten Geldstrafe sowie zu einer Busse verurteilt. Die Disziplinarkommission büsste ihn ebenso. Diese zweite Busse hob das Verwaltungsgericht des Kantons im Juni 2017 auf. Die Untersuchungen der Regierung und des Kantonsrates ergaben keine Klärung der Abläufe zum Kanti-Leck.

Sagt Gemeindepräsident Looser die Wahrheit?

Aus dem Bericht Lindegger wird etwas klarer, wie Looser agierte. Dabei stehen zwei Theorien im Raum: Looser hat – wie von ihm immer behauptet – die Unterlagen im Sitzungszimmer in Nesslau gefunden. Oder: Sie wurden Looser nach der Sitzung zugespielt.

Dass überhaupt zwei Theorien geprüft wurden, hängt mit Ungereimtheiten in Loosers Aussagen bei der Staatsanwaltschaft und im Rahmen der Disziplinaruntersuchung zusammen. Lind­egger kommt in seinem Bericht zum Schluss: "Die Widersprüche und Auffälligkeiten in den Aus­sagen von Looser wurden bisher dessen Nervosität innerhalb der einzelnen Untersuchungshandlungen zugeschrieben." Es sei nicht unüblich, dass prozess­unerfahrene Personen aufgeregt sind. "Die heutigen Unstimmigkeiten können aber nicht einfach diesem Umstand zugewiesen und vernachlässigt werden." Vielmehr drängt sich daraus die Frage auf, "ob Kilian Looser zur behaupteten zufälligen Besitznahme der beiden Dokumente jemals die Wahrheit gesagt hat".

Looser gab anders als in der Strafuntersuchung Lindegger gegenüber etwa zu, mit der Journalistin der OaS nicht nur telefoniert zu haben, sondern sie auch in St. Gallen getroffen zu haben. Zunächst hatte Looser einen Pfarrer und Journalisten im Toggenburg angerufen und ihn über die Dokumente informiert. Dieser habe mehrmals Artikel zur Kanti Wattwil geschrieben. Der betreffende Journalist war aber im Vaterschaftsurlaub und verwies an die OaS-Redaktion. Das Leck nahm seinen Lauf.