UNTEREGGEN: In Untereggen halten bereits Kindergärtler Vorträge

Gehen Sie in Untereggen zur Schule, müssen Kinder ab dem zweiten Kindergartenjahr Vorträge halten. Sie würden dadurch selbstständiger und kompetenter, sagt der Schulleiter. Ein Kinderarzt übt Kritik.

Janina Gehrig
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Kinder lernen, indem sie spielen. Ob Kindergärtler auch schon «Projektarbeit» beigebracht werden muss, ist umstritten. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Kinder lernen, indem sie spielen. Ob Kindergärtler auch schon «Projektarbeit» beigebracht werden muss, ist umstritten. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Janina Gehrig

janina.gehrig@tagblatt.ch

Krokodile, Hasen, Detektive oder Velos. Fragt man Kindergärtler, wofür sie sich interessieren, nennen sie beispielsweise diese Dinge. Gehen sie in Untereggen zur Schule, müssen sie ab dem zweiten Kindergartenjahr dazu Vorträge halten. «Ist das wirklich sinnvoll?», fragte sich die Mutter eines Kindes, das im Kindergarten seinen ersten Vortrag gehalten hat und mittlerweile die Primarschule besucht. Die Präsentation vor den versammelten Eltern an einem Morgen sei zwar «herzig» gewesen. «Ich fand die Übung aber etwas künstlich. Warum lässt man die Kinder in diesem Alter nicht einfach spielen?», sagt sie. So habe es Kinder gegeben, die Wörter aus Büchern «abgemalt» hätten, deren Buchstaben sie aber noch gar nicht gelernt hätten. Sie halte es auch für fragwürdig, dass bereits Fünfjährige «ihr Thema» auf einem Plakat oder in einem Heft «umsetzen» mussten. Irritiert habe sie auch, dass die Übung nicht auf freiwilliger Basis durchgeführt wurde.

Alle Kinder sollen von Förderung profitieren

Die Primarschule Untereggen, die derzeit rund 130 Schüler und Kindergärtler zählt, richtet gemäss Homepage ein besonderes Augenmerk auf den Begabungsförderungsunterricht. Dabei wird auf das Schulische Enrichment-Modell (SEM) verwiesen, das «anspruchsvolles und lustvolles Lernen sowie positive Leistungserfahrungen» verspricht.

Schulleiter Thomas Allmann überrascht die Kritik aus Elternkreisen. Er hält die Vorträge für eine «gescheite Sache, hinter der an unserer Schule alle Lehrpersonen voll stehen können», sagt er. Ursprünglich habe man hochbegabte Kinder jeweils aus dem Klassenverband rausgenommen, um sie gezielt zu fördern. «Weil das aber von Kindern und Eltern gar nicht unbedingt erwünscht war, machten wir uns auf die Suche nach einem Begabungsförderungsmodell, das für alle Kinder eingesetzt werden kann», sagt Allmann. Denn er ist überzeugt: «Jedes Kind hat Talente, die es zu fördern gilt.»

Thomas Allmann, Schulleiter Primarschule Untereggen. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Thomas Allmann, Schulleiter Primarschule Untereggen. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Seit 2003 sind die Grundsätze des Modells im Unterricht fest verankert. Alle Kinder erhalten ab dem zweiten Kindergartenjahr zwei Lektionen SEM-Unterricht pro Woche. Sie erarbeiten darin etwa Projekte zu frei wählbaren Themen. So suchten die Schüler je nach Alter zum Beispiel Antworten zu den Themen Neuseeland oder Pfahlbauer, indem sie Eltern oder Fachpersonen fragen, Bücher dazu lesen oder – ältere Kinder – Infos im Internet suchen. In einem weiteren Schritt definieren sie Ziele und erstellen aus den gefundenen Antworten ein Produkt wie Plakate oder kleine Bücher, das sie in einem letzten Schritt präsentieren. Dafür basteln sie, zeichnen sie Plakate oder erstellen kleine Bücher. Ältere Kinder würden sich auch an Powerpoint-Präsentationen wagen. «Wir coachen sie dabei», sagt Allmann. «Einige brauchen kaum Begleitung, andere etwas mehr.»

Kindern wird die Scham vor Auftritten genommen

Sind die Kindergärtler nicht zu jung für solche Projekte? Und wird der Kindergarten dadurch nicht verschult, wie immer wieder befürchtet wird? Schulleiter Thomas Allmann beschwichtigt: «Das ‘Schaffe’ nimmt immer mehr Raum ein im Kindergarten. Mit den Projekten fällt der Übertritt zur Schule leichter», sagt er. Das Modell überzeuge gerade deshalb, weil den Kindern schon früh die Scham vor Auftritten genommen werde. «Kinder unserer Schule sind später selbstständiger und haben überdurchschnittliche Arbeitskompetenzen und Selbstvertrauen.» Allmann sieht weitere Vorteile. Mit dem Modell sei man «topaktuell» auf den neuen Lehrplan eingestellt, weil Kinder übergeordnete Kompetenzen lernten.

Experten fordern stufengerechte Umsetzung

Experten stimmen dem Schulleiter teilweise zu. Evelyne Wannack, Leiterin der Geschäftsstelle für Forschung und Entwicklung der pädagogischen Hochschule Bern, ist zwar skeptisch gegenüber isolierten Förderprogrammen. Vom SEM könnten aber alle Kinder profitieren, wenn es ihren individuellen Fähigkeiten angepasst und stufengerecht umgesetzt werde, sagt sie. «Vortrag ist nicht gleich Vortrag. Stufengerecht heisst, dass Kindergartenkinder ihren Ausdrucksmöglichkeiten entsprechend auch etwas vorzeigen oder vorspielen können», sagt Wannack.

Ähnlich sieht es Bernhard Hauser, Leiter des Masterstudiums Early Childhood Studies – der Pädagogik der frühen Kindheit – an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen. Er hält die Diskussion um die Verschulung des Kindergartens ohnehin für hochgespielt. «Fakt ist: Bildungsnahe Eltern sorgen schon seit Jahrzehnten dafür, dass ihre Kinder früher schreiben und rechnen können. Den Vorsprung holen Kinder aus bildungsfernen Familien in der Regel nicht mehr auf.» Umso wichtiger sei es, dass bereits im Kindergarten Unterschiede zwischen den Kindern ausgeglichen würden. Hauser geht sogar noch weiter: «Wenn uns die Chancengleichheit wichtig ist, sollten wir sogar noch mehr Mathematik und Sprache im Kindergarten einführen.»

Wannack warnt aber: Wenn die Kinder zu enge Vorgaben zu befolgen hätten oder sie einfach auswendig Gelerntes wiedergeben müssten, könne dies ihnen die Neugier und Lernfreude nehmen. Auch Hauser betont, es sei wichtig, die Kinder auf spielerische Weise an solche Aufgaben heranzuführen. So findet er es auch «nicht grundsätzlich problematisch», dass bereits Fünfjährige kurze Vorträge halten sollen. «Wenn der Rahmen stimmt, ist dies ein wunderbarer Anlass, an der Präsentationskompetenz der Kinder zu arbeiten», sagt Hauser. Wichtig sei, dass die Kinder «auf ihre Art verstehen, was sie tun».

Kritik an zunehmender Verschulung des Kindergartens

Anderer Meinung ist Kinderarzt Hannes Geiges aus Rüti. Er stellt fest, dass im Kindergarten vermehrt schulische Inhalte eingesetzt werden, eine Verschulung also tatsächlich stattfindet. Der Lehrplan-21-Kritiker befürchtet, dass das ­kognitive Lernen zunehmend überbewertet wird.
 

Hannes Geiges, Kinderarzt. (Bild: pd)

Hannes Geiges, Kinderarzt. (Bild: pd)

Selbstorganisiertes Lernen sei zwar wichtig. «Die Frage ist aber, ab welchem Alter dies geschieht.» Und Geiges schiebt nach: «Wenn kognitives Lernen schon im Kindergarten wichtiger wird als Gefühlsschulung wie Märchen hören, Rechenspiele wichtiger werden als manuelles ‹Schaffen›, Singen oder Tanzen, ist das in Zukunft ein Problem für unsere Kinder und die Gesellschaft.» Geiges plädiert auch dafür, dass den Kindern in diesem Alter wieder mehr Einfühlungsvermögen statt Konkurrenzdenken beigebracht werde.

Auch das freie Spiel sei sehr wichtig. «Man muss die Kinder unbedingt sich auch langweilen lassen.» Nur so liessen sie sich etwas «einfallen» und entwickelten eigene Ideen.

«Falsch, von Projektarbeit und Vorträgen zu sprechen»

Zu den besagten Vorträgen hat er eine gemischte Haltung. Dass Kinder etwa ihre «Bäbis», Haustiere oder selbst gebastelte Autos in den Kindergarten mitbringen, um sie den anderen Kindern vorzustellen und zu erklären, sei nichts Neues. Er findet es aber falsch, wenn man bei Kindergärtlern von Projektarbeit, Vorträgen oder Präsentationskompetenz spreche. «Das verunsichert die Eltern sehr.» Geiges berichtet denn auch von Eltern, die mit A4-Blättern bei ihm vorbeikamen, auf denen die Kindergartenlehrperson die Kompetenzen und Defizite ihres Kindes aufgelistet hatte. Geiges rät stattdessen, etwa von «Erzähltag» zu sprechen und die Vorträge von den Kindern nicht «einzufordern», sondern als Arbeitsinstrument möglichst auf freiwilliger Basis einzusetzen.

Schulleiter Thomas Allmann indes ist überzeugt davon, dass die Eltern, die derzeit kritisch eingestellt seien, «später einmal begeistert sein werden, wenn ihr Kind in der 6. Klasse ist».

School Enrichment Model

Das Schulische Enrichment Model (SEM)wurde an amerikanischen Schulen entwickelt.Es soll Lernende ermutigen, ihre Fähigkeiten und Talente in begabungsgerechten Projekten zu entwickeln, was kreativ-produktive Hochleistungen zutage fördern kann. In Lernateliers bearbeiten die Schüler Themen oder Problemstellungen und entwickeln in Begleitung der Lehrperson in sieben Schritten eigene Projekte. Dabei lernen sie möglichst professionelle Arbeits- und Denktechniken kennen. Das soll ihren Horizont erweitern und neue Interessen wecken. Mehrere Schulen in der Schweiz arbeiten nach dem Begabungsförderungsmodell. Die Primarschule Untereggen hat das Modell 2003 eingeführt. 2006 gewann sie dafür den Lissa- Preis – ein Preis für Schulen, die Wert auf Stärken und Begabungen legen. (jan)