Leere Betten, Kurzarbeit, ein Loch in der Kasse: Die groteske Situation der Ostschweizer Spitäler in der Coronakrise

Die Coronakrise hat dazu geführt, dass die Ostschweizer Spitäler derzeit massiv unterbelegt sind – teilweise liegt die Auslastung unter 50 Prozent. Die Spitalverbunde haben Kurzarbeit beantragt. 

Adrian Vögele
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Weniger Notfälle, keine Wahleingriffe: Derzeit sind die Spitäler wegen des Coronavirus stark unterbelegt, die Einnahmen sinken.

Weniger Notfälle, keine Wahleingriffe: Derzeit sind die Spitäler wegen des Coronavirus stark unterbelegt, die Einnahmen sinken.

Ralph Ribi

Kaum je standen die Spitäler und ihr Personal derart im Rampenlicht wie jetzt. Sie haben alles getan, um für einen Ansturm von Corona-Patienten gerüstet zu sein. Alle Behandlungen, die verschoben werden können, sind verschoben, zusätzliche Ressourcen wurden aufgebaut. Auch der nationale Lockdown hat vor allem ein grosses Ziel: Die Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern. Das funktioniert bis jetzt. Die Situation der Ostschweizer Spitäler ist dennoch alles andere als komfortabel. Derzeit sind sie stark unterbelegt – mit negativen wirtschaftlichen Folgen. Die Spitalverbunde der Kantone St.Gallen und Ausserrhoden haben Kurzarbeit beantragt, ebenso die Spital Thurgau AG.

Mindestens jedes zweite Bett ist leer

Am Kantonsspital St.Gallen sind im Normalfall über 90 Prozent der Betten belegt. Vor Ostern waren es unter 50 Prozent – «Tendenz weiter sinkend», wie Mediensprecher Philipp Lutz sagt. Dieselben Zahlen meldet der Spitalverbund Fürstenland-Toggenburg. In Altstätten, Grabs und Walenstadt sind die Spitalbetten noch zu 40 bis 45 Prozent besetzt, regulär sind es etwa 85 Prozent. Im Ausserrhoder Spitalverbund variiert die Auslastung derzeit zwischen 30 und 50 Prozent. Leicht höher ist die Belegung am Spital Linth, mit 60 Prozent.

Nicht nur die verschobenen, nicht-dringlichen Behandlungen machen sich bemerkbar, auch die Zahl der Notfälle ist gesunken. Da die Bevölkerung aufgefordert ist, zu Hause zu bleiben, ereignen sich weniger Unfälle im Verkehr, bei der Arbeit, im Sport. Zudem melden sich weniger Leute wegen medizinischer Bagatellen bei den Notfallstationen. «Wir können aber auch nicht ausschliessen, dass Patienten trotz medizinischer Dringlichkeit zögern, den Notfall aufzusuchen», sagt Andrea Bachmann, Mediensprecherin des Spitalverbunds Rheintal-Werdenberg-Sarganserland (RWS). Das Signal der Ostschweizer Spitäler hierzu ist klar: Sie stehen für Notfälle offen, wie die Medienstellen betonen. Auch das Bundesamt für Gesundheit hat vor kurzem an die Bevölkerung appelliert, sich bei dringenden medizinischen Problemen unbedingt weiterhin behandeln zu lassen.

«Kurzfristige Liquidität» ist gesichert

Was bedeutet die aktuelle Lage für die Finanzen der Spitäler? Während die Spital Thurgau AG mit einem Verlust von rund einer Million Franken pro Tag rechnet (Ausgabe vom 6. April), gibt es aus anderen Regionen bislang keine konkreten Zahlen. «Die Massnahmen reissen auch bei uns ein Loch in die Kasse, welches heute noch nicht bezifferbar ist», sagt Paola Giuliani, CEO des Spitalverbunds Appenzell Ausserrhoden. Die St.Galler Spitalverbunde sind daran, die März-Ergebnisse zu analysieren. Im Spitalverbund RWS sei die Liquidität sichergestellt, sagt Bachmann. «Wir können allen unseren finanziellen Verpflichtungen nachkommen.» Das werde auch in den kommenden Wochen der Fall sein. «Engpässe würden sich erst ergeben, wenn die Coronavirus-Krise noch deutlich länger als zwei Monate andauern würde.» Auch Philipp Lutz vom Kantonsspital St. Gallen sagt, die «kurzfristige Liquidität» sei gesichert.

Die Kurzarbeit betrifft an den Thurgauer Spitälern vorerst rund hundert Angestellte. An den anderen Ostschweizer Spitälern ist es noch nicht so weit. Die St.Galler Spitalverbunde haben die Kurzarbeit in Absprache mit dem Kanton als Eigentümer beantragt, nun läuft die Prüfung. Die Anmeldung betreffe «zahlreiche Abteilungen», heisst es bei den Spitalverbunden RWS und Fürstenland-Toggenburg. Der Ausserrhoder Spitalverbund hat die Voranmeldung vorsorglich eingereicht: «Ob Kurzarbeit in gewissen Berufsgruppen zum Thema wird, kann heute noch nicht beurteilt werden.»

Bei Engpässen sollen Studierende mithelfen

Auch wenn die St.Galler Spitäler bislang nicht von Coronapatienten überrannt wurden: Mögliche personelle Engpässe aufgrund der Pandemie bleiben ein Thema. Nach einem Aufruf des Kantons meldeten sich über 500 Fachkräfte, die das Gesundheitswesen bei Bedarf unterstützen wollen. Der Arzt und CVP-Kantonsrat Thomas Warzinek hat zudem vorgeschlagen, dass Studierende aus geeigneten Fachbereichen die Spitäler als Praktikanten unterstützen könnten, etwa Pflegestudentinnen und -studenten der Fachhochschule. Die Regierung gibt dem CVP-Parlamentarier recht. Sie erachte einen Praxiseinsatz von Studierenden in Medizin, Pflege oder allenfalls Pädagogik in der jetzigen Situation unter bestimmten Bedingungen als sinnvoll, schreibt sie in der Antwort auf Warzineks Vorstoss. Wenn Pflegestudierende in Spitälern eingesetzt würden, sei darauf zu achten, «dass sie nicht systematisch überfordert werden» – und sie sollen nicht auf Covid-19-Stationen oder Intensivstationen arbeiten müssen. Die Einsätze sollen laut Regierung freiwillig sein und zwei Monate nicht überschreiten. Die Aufgaben sollen darauf abgestimmt sein, wie weit die Studierenden in ihrer Ausbildung bereits sind. Allerdings: Solche Hilfseinsätze könnten nicht als studienübliche Pflegepraktika angerechnet werden, schreibt die Regierung. Eine kurzfristige Änderung der Gesetzesgrundlage sei nicht möglich. Angehende Ärzte im St.Galler Medical-Master-Studium könnten allenfalls in den kantonalen Corona-Testzentren mithelfen. Insgesamt behalte das Gesundheitsdepartement den Einsatz von Studierenden im Auge, so die Regierung. Sie werde bei Bedarf mit den Schulen Kontakt aufnehmen. (av)

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