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Serie

Unter der Autobahn riecht's nach Kindheit

Die Raststätte Thurau Süd bei Wil hat einen McDonald’s, Thurau Nord gegenüber ein Restaurant mit Service. Wollen Autofahrer lieber auf der anderen Strassenseite essen, haben sie ein Problem. Und eine Lösung: eine Fussgängerunterführung.
Katharina Brenner
Die Fussgängerunterführung unter der Autobahn bei Wil ist rund 80 Meter lang. (Bild: Benjamin Manser)

Die Fussgängerunterführung unter der Autobahn bei Wil ist rund 80 Meter lang.
(Bild: Benjamin Manser)

Ein Mann geht schnell vom Parkplatz auf das Raststättengebäude bei Zuzwil zu. Er ist hungrig, es ist Mittag. Vor einem grossen Schild bleibt er stehen. Unter dem Schriftzug «Thurau Süd mit Zugang von Thurau Nord» gehen zwei Strichmännchen mit Gliedern aus Pommes Frites Stufen hinab, einen Gang entlang, dann Stufen hinauf. Ihr Ziel: McDonald’s.

Der Mann, Typ Tagesausflügler, wirkt irritiert. Ich gehe an ihm vorbei und bin bereits ein paar Stufen Richtung Unterführung hinab gestiegen, als er mir nachruft: «Geht’s da lang zu McDonald’s? Unter der Autobahn durch?» Er seufzt, das sei doch verrückt und ein viel zu langer Weg. Doch kurz darauf kehrt seine Hoffnung zurück, denn ihm fällt ein: «Auf dieser Seite der Autobahn gibt’s doch auch ein Restaurant.» Er macht auf seinen Sandalen kehrt, betritt das Restaurant. Ich steige in die Unterführung hinab.

Die wohl unbekannteste Unterführung der Schweiz

Der «Fressbalken» bei Würenlos über der A1 ist wohl die bekannteste Autobahnüberführung der Schweiz – beworben als «die Wohlfühlbrücke». Die Unterführung unter der A1 bei Zuzwil ist ziemlich sicher die unbekannteste ihrer Art. Sie verbindet Thurau Süd und Thurau Nord. Selten sind sich zwei Orte zugleich so nah und so fern wie gegenüberliegende Autobahnraststätten.

Das Strichmännchen mit den frittierten Beinen geht die Stägeli ab, durch die Unterführung und die Stägeli uf. Sein Ziel: McDonald's. (Bild: Benjamin Manser)

Das Strichmännchen mit den frittierten Beinen geht die Stägeli ab, durch die Unterführung und die Stägeli uf. Sein Ziel: McDonald's. (Bild: Benjamin Manser)

«Plus minus 83,37 Meter» sei die Unterführung lang, heisst es bei der Raststättenbetreiberin Gruppe Thurau. Gemäss dem Bundesamt für Strassen (Astra) sind es 78 Meter, auf dem Schild mit den Pommes-Männchen sogar nur 50. Die frittierten Beine wollen besonders schnell auf der anderen Seite sein. Seit fünf Jahren, seit es hier einen McDonald’s gibt, werde die Unterführung häufiger frequentiert, sagt Roger Horner, Geschäftsleitung Raststätte Thurau AG. Davor hatten beide Seiten ein bedientes Restaurant. Das goldene «M» ist schon von Weitem zu sehen. Es hängt ganz oben an einem hohen, schmalen Masten. Ein kapitalistisches Storchennest. Nicht nur die Art zu werben, auch die Art, wie sich die Autobahn hier durchs Land zieht, lang und gerade, ist pretty American.

Die rote Tür lässt sich nur mit Zahlencode öffnen

Auf dem Weg hinab in die Unterführung begrüsst den Fussgänger der Hinweis: «Videokameras sind für Ihren Schutz installiert». Passiert sei noch nie etwas, sagt Horner. Man sei damit aber für Notfälle gewappnet. Vielleicht könnte man in so einem Notfall hinter der roten Tür gegenüber der Treppe Zuflucht suchen? Man würde keine finden. Abgeschlossen. Zum Öffnen ist ein Zahlencode nötig. Wird hier der Schatz der Happy Meals gehütet? Horner geht nicht ins Detail, er spricht von einem «internen Mitarbeiterdurchgang». Neben der Tür wird auf einem laminierten Stück Papier das «Sitzungszimmer A1-Süd» beworben. «Balkon mit Blick auf die Thur. Ruhig gelegen!» Drei, vier Mal im Monat werde das Zimmer vermietet, meint Horner.

Der Boden in der Unterführung ist leicht angeschrägt, einige der grauen Fliessen sind zersprungen. Es riecht modrig. In einem gusseisernen Abfluss hat sich Wasser angesammelt. Obwohl der Geruch unangenehm ist, löst er ein wohliges Gefühl aus. Mit Verzögerung kommt die Erinnerung: Die Waschküche der Grossmutter. Direkt über dem Abflussgitter riecht es dort genauso streng; doch der Rest des Raumes ist erfüllt vom Geruch frischer Wäsche und der warmen Stimme der Grossmutter.

Naive Kunst und eine tote Motte an der Wand

In der Unterführung ist es still und kühl. Ab und an rattert die Decke, wohl immer dann, wenn ein besonders schweres oder schnelles Autos darüber donnert. Doch die Geräusche sind gedämpft. Die Autobahn ist nichts mehr als ein Rauschen im Obergrund. In regelmässigen Abständen werfen die Neonleuchten grelle Lichtbalken auf Decke und Wände. Das Ganze könnte auch eine Kunstinstallation sein.

Im Untergrund ist die Autobahn nichts mehr als ein Rauschen im Obergrund. (Bild: Benjamin Manser)

Im Untergrund ist die Autobahn nichts mehr als ein Rauschen im Obergrund.
(Bild: Benjamin Manser)

Naive statt abstrakter Kunst findet sich auf halber Höhe des Tunnels. Dort hat jemand ein Tipi und ein Strichmännchen mit Feder auf dem Kopf gezeichnet. Die Wand ist nicht so weiss, wie man auf den ersten Blick meinen könnte: auf den zweiten sind die beigefarbenen Spritzer einer senfartigen Substanz, Kritzeleien und eine tote Motte zu sehen. Und jede Menge Stellen, an denen die weisse Farbe besonders dick aufgetragen ist. Seit dem Bau der Unterführung im Jahr 1979 müssen sie immer und immer wieder übermalt worden sein.

Drei Männer passieren die Unterführung

Während ich die Unterführung durchquere, begegnen mir insgesamt drei Männer. Einer trägt einen weissen Kittel mit auffälliger schwarzer Knopfleiste. Wahrscheinlich ein Koch. Wie viele Personen die Unterführung jährlich passieren, ist nicht bekannt. 1,5 Millionen Bezahlungen werden auf beiden Seiten der Thurau Raststätte jährlich getätigt, sagt Horner. Dazu gehören die Speisen im Restaurant Thurau Nord genauso wie der Kaugummi im Shop von Thurau Süd – auf der
McDonald’s-Seite. Das Fast-Food-Restaurant besuchen jedes Jahr um die 60000 Gäste, heisst es auf Anfrage.

Fussgängerunterführungen unter der Autobahn gibt es gemäss Astra sehr wenige, «maximal ein halbes Dutzend». Allgemeine Unterführungen unter Schweizer Nationalstrassen hingegen jede Menge: 1605. Viele davon sind landwirtschaftliche Strassen.

Die Gruppe Thurau hat kürzlich expandiert: Sei betreibt jetzt auch eine Raststätte ennet dem Rhein, im vorarlbergischen Hörbranz. Und neben der in Wil noch zwei weitere in der Region: eine am Walensee und eine im Rheintal. Dort verbindet eine Brücke die beiden Seiten. Die Raststätten Thurau Süd und Thurau Nord sind jeweils behindertengerecht, die Unterführung ist allerdings nicht auf Rollstuhlfahrer ausgerichtet. Es gibt zwar einen Aufzug, aber nur für Lasten und Mitarbeiter. Der hungrige Mann, Typ Tagesausflügler, hätte es ohne Mühe in seinen Sandalen von der einen auf die andere Seite geschafft. Man braucht nur eine gute Minute oder 117 Schritte. Aber es ist nun mal nicht irgendeine Unterführung: Wer hier entlang geht, kommt unter die Räder.

Sommerserie: Im Tunnel

In unserer Sommerserie tauchen wir ab in den Ostschweizer Untergrund. Wir erkunden Tunnel und Durchgänge aller Art – von der unterirdischen Verbindung zweier Autobahnraststätten über einen Eisenbahntunnel bis zum Bergwerk.

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