Uniform statt Adamskostüm

Nacktbadestrand, Schiessanlage und bald Ausbildungsstätte für Feuerwehrleute: Das Grenzgebiet zwischen Häggenschwil und Waldkirch musste bereits für verschiedenste Interessen herhalten. Die Bevölkerung setzte sich zur Wehr, mehrmals.

Noemi Heule
Drucken
Teilen
Am grünen Sitterufer fanden einst Nudisten ihr «Paradies». (Bild: PD)

Am grünen Sitterufer fanden einst Nudisten ihr «Paradies». (Bild: PD)

Noemi Heule

noemi.heule

@tagblatt.ch

Nackte Betonwände ragen in den Himmel, ein verlassenes Dorf aus Rohbeton. Die Fenster der kahlen Fassaden sind mit Holzbrettern verschlagen. Kein Mensch weit und breit. Ab und zu donnert ein Lastwagen in Tarnfarbe über den Asphalt. Die Schiessanlage Hilteren am Rande von Häggensch­wil gleicht einer Geistersiedlung nach Kriegsende. Das war nicht immer so.

Als «wahres Paradies» bezeichnete eine Zeitschrift den Ort in den 1960er-Jahren, wo die Sitter in einer engen Kurve die Gemeindegrenze zwischen Waldkirch und Häggenschwil zeichnet. Im Hintergrund thront die Burgruine Ramschwag, im Vordergrund plätschert der Fluss. Ein idyllisches Stück Land, das Nudisten damals zu ihrem Garten Eden erkoren. Sie planten ein Nacktbade-, Freizeit- und Ferienzentrum in der Sittersenke. Diese Pläne wiederum störten die ländliche Idylle in Häggensch­wil. Das Gebiet wurde zum Zankapfel – und sollte es jahrelang bleiben.

Das Schandmal unter dem Wahrzeichen

Die «Blüttler», wie die Boulevardpresse bald schrieb, hielten vorerst unbemerkt Einzug. Der Kleinbauer, der das Grundstück lange bewirtschaftet hatte, verkaufte Haus und Umschwung 1966 an einen Arzt aus Winterthur, der seine Pläne erst im Nachhinein enthüllte. Im gleichen Jahr wurden erste Nackt­bader gesichtet – ein Skandal im katholischen Häggenschwil. Behörden und Bevölkerung missfiel das Schauspiel, das sich just unter dem Wahrzeichen des Dorfes, der Ruine Ramschwag, zutrug. Während die freizügigen Gäste das Dorfgespräch bestimmten, wurde die Gemeinde beim Regierungsrat vorstellig, um gegen das Nacktkulturzentrum vorzugehen.

Dieser gab der Gemeinde teilweise recht und ­befand, dass die Nacktkultur der Landbevölkerung «wesensfremd» sei, ja einem Affront gleichkomme. Dennoch verstiessen die Nacktbader nur dort gegen Sitte und Ordnung, wo sie öffentlich zu sehen seien. Er ­präzisierte: «Derjenige, der zum Fernrohr greift, kann nicht geltend machen, er fühle sich belästigt.» Die Akten der Verhandlungen gehören Dokumenten an, welche die Historikerin Regula Zürcher auf der Webseite des Staatsarchivs St. Gallen zur Causa Nacktbader zusammentrug.

Während der Gemeinderat den Rechtsweg einschlug, setzte sich die Bevölkerung gleich selbst zur Wehr. Und das wenig zimperlich. In Nacht-und-Nebel-Aktionen wurden Reifen zerstochen oder Jungtannen, die als Sichtschutz dienten, kurzerhand abgeholzt. Mit derlei Störaktionen gegen die «Eiterbeule», das «Schandmal von Häggensch­wil» schafften es die Dorfbewohner gar landesweit in die Schlagzeilen. Trotz allen Widerstands herrschte teilweise reger Betrieb am Sitterstrand. In einschlägigen Zeitschriften wurde das «milde Klima» inmitten des Nadelholzwaldes angepriesen und die «heimelige» Anlage mit Aufenthaltsraum, vier Doppelzimmern, kleinem Bassin sowie Volleyballfeld beworben. Da er rechtlich nichts gegen die Nacktbader unternehmen konnte, verlegte der Gemeinderat die Bemühungen auf die Zufahrtsstrasse. Bis zu 100 Autos täglich passierten zur Hauptsaison die schmale, steile Strasse zur Sitter, wie sich Anwohner erinnern. Die Gemeinde wandte sich abermals an den Kanton. Mit Erfolg. Noch 1981 lehnte der Regierungsrat eine Umklassifizierung der Strasse ab und verwies auf den Naturschutz, auf eine «malerische Gegend», die durch den Verkehr zu Schaden komme. Er verhinderte damit einen Ausbau des Anwesens; Pläne sahen einen Badeteich, Sportplätze, eine Sauna und ­einen biologischen Garten vor.

Unbemerkt, wie sie einst gekommen waren, zogen sich die Nudisten irgendwann zurück. «Die Sache hat sich von selbst ­erledigt», sagt Franz Rüdisüli. Noch immer blickt der ehemalige Häggenschwiler Gemeindeammann ungern zurück. Zwei Geschäfte bereiteten dem heute 90-Jährigen in 41 Amtsjahren Sorgen. Beide drehten sich um das Grenzgebiet an der Sitter, beide gingen nahtlos ineinander über. 1969 befürworteten die eidgenössischen Räte einen Landkauf in besagtem Gebiet. Dort sollte ein Truppenübungsplatz entstehen. Wieder setzten sich die Häggenschwiler zur Wehr. Zwar überwog diesmal die Sympathie für die Schweizer Armee, dennoch befürchteten Anwohner Lärm und Emissionen. «Alles zu tun und nichts zu unterlassen, um einen Schiessplatz an der Sitter zu verhindern», beauftragten die Bürger den Gemeinderat 1971.

Armee vertreibt Nudisten endgültig

Knapp 20 Jahre später, nach zähen Verhandlungen, wurde der Truppenübungsplatz dennoch errichtet. Eine Schiessanlage, eine unterirdische Unterkunft sowie eine landwirtschaftliche Siedlung umfasst die militärische Anlage heute. Auch wurde eine Häuserzeile aus Rohbeton errichtet, um Einsätze in überbautem Gebiet zu üben. Bald halten auch an­dere Uniformierte Einzug: Auf demselben Landstrich, am gegenüberliegenden Flussufer, wird am 9. September das Ostschweizer Feuerwehr-Ausbildungszentrum eröffnet.

Während sein Vorgänger das Seilziehen negativ in Erinnerung behält, haben die Verhandlungen für Gemeindepräsident Hans-­Peter Eisenring auch Vorteile. Sie fruchteten etwa im Lärmschutz, weshalb es heute keine Klagen gebe. Die Aussicht auf Kriegsspiele an der Sitter vertrieb dagegen die Nudisten aus ihrem «Paradies». Ganz vergessen ist dieses allerdings noch nicht: Noch vor kurzem fragte ein Nutzer in einem FKK-Forum nach dem Nacktstrand an der Sitter. Nicht ahnend, dass dort nun Männer in Uniform und nicht im Adamskostüm verkehren.