Uni St.Gallen
«Wir stehen vor einer Berufungswelle»: Wie die HSG ihre Spitzenforschung stärken will

Die Universität St.Gallen möchte Anreize für bessere Forschung schaffen und das Betreuungsverhältnis verbessern. In Sachen Gleichstellung sei man auf Kurs. Der Lehrstuhl des spesenfreudigen Brasilienspezialisten Peter Sester bleibt vorerst vakant.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Forschungswissen soll an der HSG nicht einfach in der Bibliothek verschwinden, sondern eine gesellschaftliche Wirkung erzielen.

Forschungswissen soll an der HSG nicht einfach in der Bibliothek verschwinden, sondern eine gesellschaftliche Wirkung erzielen.

Bild: Michel Canonica (St.Gallen, 21. Januar 2021)

Der Elfenbeinturm, einst Sinnbild eines kreativen künstlerischen Rückzugsorts, ist in der heutigen Wissenschaftsdebatte eher ein Unwort: Wer im Elfenbeinturm sitzt, an dem geht die Welt vorbei. HSG-Prorektor Thomas Zellweger, zuständig für den Bereich Forschung & Faculty, betont an der virtuellen Jahresmedienkonferenz der Universität St.Gallen denn auch, dass Forschung nicht nur im Elfenbeinturm stattfinden solle. Vielmehr wolle die HSG ihre «wirkungsorientierte Spitzenforschung» stärken. Wissenschaft also, die einen Einfluss auf das Weltgeschehen hat.

Die HSG wolle die internationale Anschlussfähigkeit ihrer Forschung verbessern, so Zellweger. Man werde sich dazu stärker auf Mittel aus dem Schweizer Nationalfonds und der EU ausrichten und mit Auszeichnungen wirkungsorientierte Forschung auch belohnen.

HSG-Rektor Bernhard Ehrenzeller.

HSG-Rektor Bernhard Ehrenzeller.

Bild: Michel Canonica

Thematisch hat die Universität St.Gallen im Coronajahr neue Gefilde erschlossen. Seit Herbst bildet sie Ärztinnen und Ärzte aus; im Sommer wurde die School of Computer Science gegründet. Das bedeute auch, dass sich die Universität ein Stück weit neu erfinden müsse, sagt Rektor Bernhard Ehrenzeller vor den über Youtube zugeschalteten Medienschaffenden. Dafür sei wichtig, dass ihr die Politik mit dem neuen Universitätsgesetz den nötigen Spielraum lasse. Das Universitätsgesetz kommt voraussichtlich 2022 in den Kantonsrat.

Optimistisch in Sachen Gleichstellung

Dieses Jahr kommt es an der HSG zu vielen personellen Wechseln. «Wir stehen vor einer Berufungswelle», sagt Monika Kurath, Direktorin Forschung & Faculty. Durchschnittlich werden pro Jahr 15 bis 20 Professorinnen und Professoren an die Universität St.Gallen berufen. Dieses Jahr sind 47 Verfahren geplant. Zur Häufung kommt es unter anderem, weil viele Assistenzprofessuren auslaufen, und auch weil neue Professuren vorgesehen sind. «Um die Forschung zu stärken, wollen wir das Betreuungsverhältnis verbessern», sagt Kurath. Die Studierenden sollen in kleineren Gruppen unterrichtet werden.

Adrian Sulzer wird neuer HSG-Kommunikationschef

Auf den 1. Februar 2021 wird Adrian Sulzer der neue Leiter Corporate Communication an der HSG. Sulzer hat an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) Journalismus und Organisationskommunikation studiert sowie den MAS in Communication Management and Leadership absolviert. Gemäss Mitteilung der HSG ist er seit bald 20 Jahren in der Kommunikation tätig und arbeitet seit zehn Jahren im Hochschulumfeld. Als ehemaliger Leiter Kommunikation der ZHAW School of Management and Law (SML) habe Sulzer eine umfassende Social-Media-Präsenz aufgebaut, eine Content-Marketing-Strategie entwickelt und umgesetzt sowie eine eigene Lehrmittelreihe realisiert. Sulzer lebt mit seiner Frau in Zürich. In der Freizeit betreibt er die Kampfkunst Wing Tsun, wandert, liest oder besucht Konzerte und Museen. (al)

Bis 2025 will die HSG den Frauenanteil bei ordentlichen, assoziierten und Assistenzprofessuren auf 30 Prozent erhöhen. In einigen Schools sei dieses Ziel schwieriger zu erreichen als in anderen, sagt Kurath. «In der Soziologie zum Beispiel ist es einfacher, gute Frauen zu finden, als in der Informatik.» Dennoch habe man auf der Stufe der assoziierten und Assistenzprofessuren mit einer derzeitigen Frauenquote von je rund 40 Prozent das Ziel bereits übererfüllt. Das lasse hoffen, dass bald auch mehr Frauen den Aufstieg zur ordentlichen Professur schafften, wo derzeit nur jede fünfte Stelle von einer Frau besetzt ist.

Weniger Doktoranden pro Professor

Neu ausgerichtet werden auch die Doktoratsprogramme. Von derzeit 617 Doktorierenden haben nämlich nur 20 Prozent vor, eine akademische Karriere einzuschlagen, eine im internationalen Vergleich tiefe Zahl. Neu soll bei den Doktoraten der Schwerpunkt stärker auf wissenschaftlicher Exzellenz liegen. Und auch hier soll sich das Betreuungsverhältnis verbessern. «Eher drei bis fünf Doktoranden pro Professor statt zehn oder mehr», sagt Kurath.

Dies sei auch eine Reaktion auf den Unmut unter den Doktorierenden. 2019 zeigte eine Umfrage, dass jeder vierte Doktorierende an der HSG mit seinen Arbeitsbedingungen unzufrieden ist. Die Studierenden forderten daraufhin unter anderem, die Anzahl der Doktoranden pro Professor auf maximal zehn zu beschränken.

Eine Stelle bleibt verwaist

Ein Lehrstuhl am Rosenberg harrt weiterhin einer Nachfolge. Wie Rektor Bernhard Ehrenzeller bestätigt, bleibt die Stelle des Rechtsprofessors Peter Sester vorerst vakant.

Sester war vor bald drei Jahren über eine Spesenaffäre gestolpert, was Diskussionen um neue Kontrollmechanismen an der HSG ins Laufen brachte. Der Brasilienexperte hatte sich über mehrere Jahre hinweg Spesen in sechsstelliger Höhe auszahlen lassen. Im Mai 2019 trat er zurück, ein Strafverfahren endete mit einem aussergerichtlichen Vergleich.

Der besagte Lehrstuhl für Law & Economics wird von der Stiftung des milliardenschweren, in Rapperswil wohnhaften brasilianischen Unternehmers Jorge Lemann auf Jahre hinaus jährlich mit 400'000 Franken finanziert. Der Vertrag mit der Stiftung verlangt auch für die Nachfolge eine Person, die brasilianisches Wirtschaftsrecht als Forschungsschwerpunkt hat. Laut Rektor sollte sie auch bereit sein, am dortigen Hub der HSG zu lehren.

Eine Person – mit Blick auf die Geschlechterquote an der Law School gar eine Frau – mit diesem Profil zu finden, sei nicht einfach, so Ehrenzeller. «Aber die Berufungskommission bleibt dran.»