Uni St.Gallen
Untersuchung abgeschlossen: HSG entlastet ihren Starprofessor Simon Evenett von allen Vorwürfen – «Keine Indizien oder gar Beweise gefunden»

Der MBA-Direktor der Universität St.Gallen, der Brite Simon Evenett, sah sich im Herbst mit Rassismus- und Diskriminierungsvorwürfen konfrontiert. Nichts davon sei wahr, stellt nun die eingesetzte Untersuchungskommission fest. Sie bescheinigt dem viel gefragten Welthandelsexperten ein jederzeit korrektes Verhalten und findet keine Hinweise auf Ausgrenzung.

Marcel Elsener
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Simon Evenett am Symposium St.Gallen im Jahr 2019.

Simon Evenett am Symposium St.Gallen im Jahr 2019.

Bild: Urs Bucher

Nicht schon wieder, wunderte sich das Publikum. Und die HSG kam ins Rotieren: Kaum waren die Nebenmandats- und Spesenskandale an der Universität St.Gallen halbwegs aufgearbeitet worden, standen im September 2020 plötzlich happige Vorwürfe wegen Rassismus und Diskriminierung im Raum. Erhoben wurden sie in der «Sonntags-Zeitung» von einem früheren Studenten aus Brasilien, der sich aufgrund seiner Herkunft benachteiligt fühlte und Studenten aus anderen Schwellenländern vor der «Willkür» warnen wollte.

Dies ausgerechnet bei der international ausgerichteten Management-Masterschule, also beim MBA (Master of Business Administration) und seinem akademischen Direktor, dem britischen Professor Simon Evenett. Und der zählt als renommierter Experte für internationalen Handel zu den Aushängeschildern der HSG: Wenn CNN oder «New York Times» bei der St.Galler Wirtschaftsuni anklopfen, dann wegen Evenett, der in Cambridge und Yale studierte und eine Professur in Oxford innehatte. Allein in den letzten Monaten hat er zum Welthandel in Zeiten von Corona mehrere Interviews gegeben, und diese Woche nahm er an einem WEF-Panel zum Thema «Preparing for Deglobalization» teil.

Brasilianischer Student sah sich wegen seiner Herkunft benachteiligt

Die Vorwürfe des Studenten aus Brasilien gehen auf das Jahr 2018 zurück: Der damals 31-jährige Anwalt in der Finanzwirtschaft hatte in St.Gallen seinen MBA machen wollen, doch war er laut «Sonntags-Zeitung» rasch enttäuscht von den Verhältnissen. So seien Studenten, die nicht aus der Schweiz oder aus Deutschland stammten, als schwächere Schüler gebrandmarkt worden und habe man ihm mitgeteilt, dass er das Studium wohl nicht bestehen werde.

Er geriet in eine Krise und erlitt ein ärztlich diagnostiziertes Burnout. In der Folge machte er den MBA-Abschluss in Frankreich, wo er heute bei einer Vermögensverwaltung arbeitet. Weitere ehemalige MBA-Studenten an der HSG bestätigten die negativen Erfahrungen: So klagte laut dem Zeitungsbericht ein Inder über «institutionellen Rassismus» und erwähnte dabei einen anderen Studenten, der diskriminierende Sprüche eines deutschen Dozenten über laute Türken mit teuren Autos gehört habe.

Die HSG-Leitung hatte keine Kenntnis von den Vorwürfen, nahm sie jedoch «sehr ernst» und leitete Abklärungen ein. Sprich, sie setzte eine Untersuchungskommission mit drei internen und externen Persönlichkeiten ein: HSG-Professor Urs Fueglistaller, ab 1. Februar Prorektor Institute und Weiterbildung; Peter Gomez, ehemaliger HSG-Rektor und Management-Lehrgangsgründer; Viviane Sobotich, Zürcher Verwaltungsrichterin und frühere Ombudsfrau der Stadt Winterthur.

«Keine Indizien oder gar Beweise gefunden»

Das Ergebnis der mehrmonatigen Prüfung liegt nun vor: «Keiner der im besagten Artikel behaupteten Vorwürfe hat sich bestätigt», teilt die HSG mit.

«Weder für eine Ausgrenzung, rassistische Aussagen noch Benachteiligungen des ehemaligen MBA-Studenten konnten Indizien oder gar Beweise gefunden werden.»

Und die MBA-Mitarbeitenden hätten sich dem Mann gegenüber «stets korrekt» verhalten sowie «stets höflich und inhaltlich verständlich kommuniziert».

«Wir haben wirklich nicht den geringsten Hinweis darauf gefunden, der solchen Vorwürfen einen Nährboden gäbe», sagt Urs Fueglistaller auf Nachfrage. «Dabei haben wir in längeren Interviews mit den betroffenen Personen und anhand aller öffentlichen Schriftstücke und des internen Mailverkehrs sehr genau hingehört und hingeschaut, besonders auch die Richterin.» Demnach gebe es keinerlei Aussagen oder Handlungen von Professor Evenett und seinem Team, die Anlass zu Beanstandungen böten, erklärt Fueglistaller. Man habe sich in der Untersuchung auf die MBA-Mitarbeitenden konzentriert, räumt er ein.

«Die externen Dozenten prüften wir nicht, das hätte den Aufwand überstiegen.»

Professor zunächst schockiert und nun erleichtert

Das Vorgehen der Kommission war mit der Unileitung abgestimmt. «Für uns ist der Fall nach bestem Wissen und Gewissen untersucht und abgeschlossen», sagt Fueglistaller. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Nachspiel gibt.» Auf die möglichen Gründe für die Vorwürfe kann der künftige Prorektor nicht eingehen, deutet aber an, dass es um unterschiedliche kulturelle Erfahrungen und Ansprüche gehen könnte. Die Konsequenzen beträfen vor allem Professor Evenett, der erst im Herbst eine Stiftung für seine bei Institutionen wie der Weltbank hoch angesehene Forschungsarbeit im «Global Trade Alert» gründete. Evenett sei aufgrund der Vorwürfe «schockiert» und «am Boden zerstört» gewesen.

Entsprechend erleichtert ist Evenett, «dass sich die Anschuldigungen als falsch erwiesen», wie er auf Anfrage erklärt:

«Ich bin nicht nur glücklich für mich, sondern speziell für unseren MBA und all die wunderbaren und fleissigen Leute, die im Programm mitwirken.»

Erwägt der Brite nun noch rechtliche Schritte gegen die zwischenzeitliche Rufschädigung? «Alles, was ich wollte, war der offizielle Beweis, dass diese grundlosen Vorwürfe falsch sind», sagt er.

Zweiter Fall mit Vorwürfen noch hängig

Die HSG-MBA-Direktion ist aber noch mit weiterem Ungemach konfrontiert: Ebenfalls in der «Sonntags-Zeitung» waren kurz zuvor Unregelmässigkeiten bei Prüfungen und Ausschlussverfahren (nach nicht bestandenen Prüfungen) ans Licht gekommen. Die Rekurskommission hatte «grobe Verfahrensmängel» festgestellt, und auch der Universitätsrat unter Leitung von Bildungsdirektor Stefan Kölliker bestätigte nach einer zusätzlichen Aufsichtsbeschwerde einer St.Galler Anwältin gewisse Unkorrektheiten bei Leistungsverfügungen. Trotzdem verzichtete der Rat auf Massnahmen. Die Anwältin reichte daraufhin wegen der aus ihrer Sicht fraglichen Unabhängigkeit des Unirats als Beschwerdeinstanz eine Aufsichtsbeschwerde beim Regierungsrat und beim Kantonsrat ein. Diese Beschwerde war bis zu der jetzt abgeschlossenen Untersuchung im anderen Fall sistiert und ist demnach noch hängig.

Das angebliche Fehlverhalten bei den Prüfungsverfahren sei nicht Sache der Untersuchungskommission gewesen, erklärt Fueglistaller. Laut Auskunft der Unileitung hängen die Verfahren nicht zusammen und liegen ausserhalb ihrer Zuständigkeit: «Die Verfahrensleitung bei Rekursen an den Universitätsrat liegt beim Bildungsdepartement, und die Aufsichtsbeschwerde war an die Regierung adressiert.» Simon Evenett blickt dem noch laufenden Verfahren, zu dem er derzeit inhaltlich keine Stellung nimmt, zuversichtlich entgegen: «Wie schon in der zuvor erwähnten Angelegenheit habe ich auch diesbezüglich vollstes Vertrauen in die fachliche Kompetenz der zuständigen Stellen, die sich das genauer anschauen.»