Kommentar

Thurgauer BDP-Politiker nach Hitler-Tweet ausgeschlossen: «Ungeschicktheit ist keine Todsünde»

Der ehemalige Präsident der Jungen BDP im Thurgau muss die Partei verlassen. Zum Verhängnis wurde ihm ein Hitler-Tweet. Ronnie Grob, stellvertretender Chefredaktor «Schweizer Monat», äussert sich zum Tweet und der Reaktion der Medien.

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Ronnie Grob, stellvertretender Chefredaktor «Schweizer Monat», Medienkolumnist «NZZ am Sonntag». (Bild: Julien Barrat)

Ronnie Grob, stellvertretender Chefredaktor «Schweizer Monat», Medienkolumnist «NZZ am Sonntag». (Bild: Julien Barrat)

Der Publizist Sebastian Haffner hat in seinen «Anmerkungen zu Hitler» 1978 zwei von sieben Kapiteln Adolf Hitlers Leistungen und Erfolgen gewidmet. Hitler, so schrieb er, erwies sich «nach 1933 als ein überaus tatkräftiger, einfallsreicher und effizienter Macher». Schon zuvor hätte sein Organisationstalent auffallen müssen, «genauer gesagt, seine Fähigkeit, sich leistungsfähige Macht­apparate zu schaffen und sie zu beherrschen». Und auch: «Von 1930 bis 1941 gelang Hitler innen- und aussenpolitisch und schliesslich auch militärisch so gut wie alles, was er unternahm, zum Staunen der Welt.»

Moralisch dagegen gibt es, so sind sich nicht nur die Schweizer Medien einig, bei Hitler gar nichts zu loben.

Störend allerdings ist, dass nicht einmal ein Mindestansatz von Differenzierung möglich scheint.

Wer etwa wie der Thurgauer Thomas Keller eines Abends auf Twitter den Versuch wagt, in Hitler «nicht nur den menschenverachtenden Tyrannen und Diktator zu sehen» und «so unendlich schlecht kann dieser Mann nicht gewesen sein» schreibt, erfährt die volle Gnadenlosigkeit des Medienbetriebs: Der «Blick» etwa widmete dem unbedachten Tweet des BDP-Lokalpolitikers Mitte Juli drei Seiten einer Ausgabe. Als Bauunternehmer ist Keller eher Privatmann als politisches Schwergewicht. Er war lediglich Präsident der Jungen BDP Thurgau und im Vorstand der BDP Weinfelden.

Und dann geht es rasch: Kellers Name verschwindet von der BDP-Website, ein Parteiausschlussverfahren wird eingeleitet. Ex-«Blick»-Chefredaktor Werner de Schepper nennt ihn auf Twitter einen «Holocaust-Verharmloser», einige fordern Keller gar zum Suizid auf. Vielen Medien ist zugute zu halten, dass sie sich insoweit nicht beteiligen, als sie das Thema nicht aufgreifen. Kein Medium aber verteidigt aktiv den ungeschickten Keller, der als Antwort auf den Empörungssturm twitterte: «Meine Kernaussage war doch, dass jeder Mensch etwas Gutes hat. Was ist daran falsch?»

Die Debatte um Hitler, so zeigt es Haffner, haben die Publizisten auch schon mal besonnener geführt. Heute führen sich viele von ihnen auf als Hüter und Wächter einer gegenwärtig akzeptierten öffentlichen Moral und urteilen apodiktisch, wie das früher nur Kirchenfürsten machten. Wen der Bannstrahl traf, sah sich aus der Gemeinschaft exkommuniziert, die nach der Todesstrafe härteste moralische Sanktion. Für lässliche Sünden, aber auch für Todsünden hält die katholische Kirche das Instrument der Beichte bereit. Man kann es für verlogen halten, auch noch von den grössten Fehltritten befreit werden zu können, wenn man sie denn nur beichtet.

Aber es ist liberal, seinen Mitmenschen die kleineren Sünden zu verzeihen.

Und für die grossen Sünden wurde der Rechtsstaat geschaffen, den ein jeder anrufen kann, wenn er denn ein Verhalten für strafbar hält.

Dass die Parteien echte Rassisten dennoch ausschliessen, ist weiterhin richtig und wichtig. Ob Keller einer ist, bleibt offen, denn das ist nicht jeder, der sich ungeschickt äussert oder unpassende Fragen stellt. Dieser Zeitung sagte er: «Ich entschuldige mich für den Vergleich mit Adolf Hitler. Ich bin wirklich kein Rassist.» Sollte seine Beichte zutreffend und aufrichtig sein, es wird ihm nichts mehr nützen. Das mediale moralische Schnellgericht (und damit die breite Öffentlichkeit) hat das Urteil längst gefällt. Das Ausmass des Schadens einer ­solchen medialen Hinrichtung begreifen viele erst später, nämlich dann, wenn sie von der Öffentlichkeit geschnitten werden, entlassen werden oder keine Aufträge mehr erhalten.

«Nicht eine Sekunde würde ich nachdenken, etwas über Hitler zu posten. Da kannst du nur verlieren», zitiert diese Zeitung auch Ueli Fisch, einen Thurgauer Kantonsrat der Grünliberalen. Das ist mit Sicherheit eine lebenskluge Haltung, aber auch eine dramatische Einbusse von Freiheit. Müssen die Bürger eines der freisten Länder der Welt wirklich Themen aussparen, weil sie als heikel eingestuft werden? Misst sich die Freiheit eines Bürgers nicht auch daran, was er alles frei aussprechen kann?

Am Montag hat der Vorstand der BDP Thurgau entschieden, dass Thomas Keller aus der Partei ausgeschlossen wird.