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Und plötzlich ist es Tradition

Es steht für alles, was die Schweiz an Heimat und Klischees zu bieten hat: Das Edelweisshemd. Dabei liegt sein Ursprung weder in der Tracht noch im Schwingsport.
JULIA NEHMIZ

Zart gestickte Blüten, auf sanftblau gemustertem Grund: Kein anderes Kleidungsstück kommt so unschuldig traditionell daher, und ist gleichzeitig ideologisch so aufgeladen. Das Lustige daran: Das Edelweisshemd, auch Sennenhemd genannt, ist eine Erfindung der Neuzeit. «Kein Senn im 19. Jahrhundert hat solch ein Hemd getragen», sagt Volkskundlerin Birgit Langenegger. Sennenhemden waren schlicht aus weissem Stoff, damit man sie in der Kochwäsche sauber bekam. Langenegger hat etliche Publikationen zu Schweizer Trachten veröffentlicht – und nein, nicht einmal der Stoff, aus dem die berühmten Hemden sind, hat eine lange Geschichte.

Dafür eine ungewöhnliche, wie der Zürcher Kulturwissenschafter Tobias Scheidegger erforschte: Der Stoff mit dem charakteristischen Blumenmuster wurde erstmals von der Weberei Gugelmann & Co. im bernischen Roggwil hergestellt, und zwar erst in den 1960er- oder 70er-Jahren. So ganz genau weiss niemand mehr, wer das Muster erfunden hat, wann genau es erstmals gewebt wurde.

Nur eine Schweizer Weberei

Auch weiss man nicht, wer aus dem Stoff erstmals ein Hemd schneiderte. Es gibt mehrere Firmen, die für sich proklamieren, die erste gewesen zu sein. Aber Belege dafür finden sich nirgends, sagt Scheidegger.

Heute gibt es nur noch eine Weberei in der Schweiz, die den Edelweissstoff herstellt: Das Toggenburger Traditionsunternehmen Meyer-Mayor webt im zürcherischen Russikon wenige Tausend Meter Edelweissstoff pro Jahr. Die Kunden sind kleine Ateliers, Trachtenschneiderinnen und Designer, die schätzen, dass ihre Produkte wirklich «made in Switzerland» sind. Die grossen Hersteller der Edelweisshemden kaufen den Stoff im Ausland zu einem Preis, den Meyer-Mayor nicht bieten kann. «Die Schlacht um Menge und Preise ist geschlagen», sagt Geschäftsführer André Meyer.

Im Jahr 2006 machten die Bauern das Hemd erst so richtig bekannt. Für eine PR-Kampagne der Schweizer Landwirtschaft schlüpften Promis wie Michelle Hunziker oder Michael Schumacher in das Edelweisshemd – und lösten einen Boom aus, der bis heute anhält. Und der sich vor Grossanlässen wie Schwingfesten bemerkbar macht, wenn sich Fans im Discounter mit Hemden und Shirts im Edelweisslook eindecken.

Es gibt kein «Schwingerhemd»

Doch auch im Schwingsport hat das Edelweisshemd keine lange Tradition. «Es ist falsch zu behaupten, das Edelweisshemd sei das Schwingerhemd», sagt Paul Vogel, Obmann des Eidgenössischen Schwingerverbandes. Es gebe kein eigentliches Schwingerhemd. Im Reglement steht, dass ein Sennenschwinger kein allzu farbiges Hemd und dunkle Hosen tragen muss. Für Turnerschwinger sind weisse Hosen und Leibchen Vorschrift. Anfangs habe man dem Edelweisshemd wenig Beachtung geschenkt, es sei langsam aufgekommen und irgendwann zur Tradition geworden. «Es ist ein guter Stoff, sieht gut aus und passt dazu», sagt Vogel. Knapp die Hälfte der Schwinger trage ein Edelweisshemd.

Aber wie kommt es, dass man das Edelweisshemd als «Schweiz pur» wahrnimmt? Für die St. Galler Soziologin und HSG-Dozentin Monika Kritzmöller liegt es auf der Hand: Zum einen ist es der Stoff, aus dem Edelweisshemden gemacht werden. «Das Kleidungsstück ist stark aufgeladen mit Schweizer Symbolik», sagt Kritzmöller und verweist auf die lange Textiltradition. Zum anderen trage das Muster des Stoffes dazu bei: Das Edelweiss ist eine Art Nationalpflanze. «Diese Blume gilt als schützenswert. Sie repräsentiert die Bergwelt, welche oft als gefährdet wahrgenommen wird.» So könne man das Edelweiss auf dem Hemd als Vertreter der erhaltenswerten Schweiz sehen.

Kritzmöller möchte Mode nicht als oberflächlich oder beliebig abtun. «Es hat immer einen Grund, warum etwas <in> ist.» Sie zitiert den deutschen Philosophen Walter Benjamin, der in den 1930er-Jahren sagte: «Jede Saison bringt in ihren neuesten Kreationen irgendwelche geheimen Flaggensignale der kommenden Dinge. Wer sie zu lesen verstünde, der wüsste im Voraus nicht nur um neue Strömungen der Kunst, sondern um neue Gesetzbücher, Kriege und Revolutionen.» Das Edelweisshemd wurde in einer Zeit der Fortschrittsverdrossenheit kreiert. Ein klassischer Barchent-Stoff mit Edelweiss-Muster, ein währschaftes Gewebe, wurde zum Hemd geschneidert, während knallbunte Chemiefasern die Mode fluteten.

Die Frage nach der Identität

Wer sich heute ein Edelweisshemd anziehe, setze sich nicht nur mit der nationalen Identität auseinander, er bekenne sich auch dazu. Dieser Impuls komme auf, wenn man in globalisierten Gesellschaften das Bedürfnis nach heimatlicher Verwurzelung habe. «Das Interesse an Edelweisshemden zeigt, Schweizer Identität ist kollektiv Thema geworden», sagt Kritzmöller. Trotzdem könne man das Hemd auch lässig im Ausgang tragen. «Vorausgesetzt, es passt zu mir.» Denn: «Es bedarf einer Aneignung im psychologischen Sinne.» Man müsse sich die Bedeutung des Hemdes verinnerlichen, es solle in Einklang mit der eigenen Haltung sein. «Erst dann ist es stimmig.»

Dagegen hat auch Volkskundlerin Birgit Langenegger nichts einzuwenden. Sie fügt nur an: «Heimat ist mehr als ein Edelweisshemd.»

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