Unbequem bis zur Lästigkeit: Mario Andreotti warnt 52 Mal vor dem kulturellen Untergang 

Wenn es um Sprach- und Bildungskritik geht, ist der Germanist und Autor Mario Andreotti immer noch eine der ersten Adressen. Sein jüngstes Werk ist nicht nur für Kulturpessimisten eine ideale Bettlektüre.  

Andri Rostetter
Drucken
Teilen
Der erhobene Zeigefinger ist eines seiner wichtigsten Werkzeuge: Mario Andreotti. (Bild: Michel Canonica)

Der erhobene Zeigefinger ist eines seiner wichtigsten Werkzeuge: Mario Andreotti. (Bild: Michel Canonica) 

Ein Germanist ist zwangsläufig auch Pessimist. Er muss täglich mit ansehen, wie der Gegenstand seines Interesses missverstanden, misshandelt, zugrunde gerichtet wird. Ein guter Germanist ist deshalb ein steter Warner vor dem Niedergang, unbequem bis zur Lästigkeit. Einer, der morgens schon mit erhobenem Zeigefinger aus dem Bett steigt. Mario Andreotti ist ein solcher Germanist.

Andreotti, 1947 in Glarus geboren, studierte in Zürich bei Emil Staiger, damals einer der meistbeachteten Literaturprofessoren des deutschen Sprachraums. Nach der Promotion kam er als Lehrer an die Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen. Seine Unerbittlichkeit war berüchtigt, sein pädagogischer Stil respektiert bis gefürchtet. Es galt das Diktum: Wer Andreotti übersteht, hat im Germanistik-Grundstudium nichts mehr zu tun, weil er den ganzen Stoff schon kennt. 

Nebenher arbeitete Andreotti in der Lehrerfortbildung, dozierte an Hochschulen, leitete Seminare für Schriftsteller. Er schrieb mehrere Bücher, dazu Essays und Kolumnen, auch für diese Zeitung. Sein Standardwerk von 1983, «Die Struktur der modernen Literatur», gehört heute zur Grundausrüstung jeder halbwegs seriösen germanistischen Bibliothek.

Nun liegt sein jüngstes Werk vor: «Eine Kultur schafft sich ab» versammelt 52 Kolumnen in Buchform (Verlag Format Ost, mit Vorwort von Jürg Ackermann, stellvertretender Chef­redaktor des «St.Galler Tagblatts»). Beim Wiederlesen der Texte zeigt sich Andreottis Meisterschaft: Kaum einer verbindet beissende Sprach- und Bildungskritik, stilistische Eleganz und zeitlose Relevanz so formvollendet. Man möchte gleich selber Pessimist werden.

Kolumne

Dürfen Kinder fehlerhaft schreiben?

Studien zeigen, dass Schüler, die nach der klassischen Methode unterrichtet wurden, am Ende der Primarschule in Rechtschreibung deutlich besser waren als ihre Kameraden, die frei nach Gehör schreiben gelernt hatten. Dem Beispiel Nidwalden werden deshalb weitere Kantone folgen.
Mario Andreotti
Kolumne

Wieso den Schulen immer mehr Lehrer davonlaufen

Der Lehrermangel in der Schweiz spitzt sich zu. Das hängt auch damit zusammen, dass Schulbehörden und Schulleitungen den Lehrkräften in teilweise forscher Gangart neue, sich am Lehr- plan 21 orientierende Lernkonzepte verordnen wollen.
Mario Andreotti