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UNBEIRRT: Vom "Nebelspalter" ins Gemeindehaus: Die vielen Karrieren des Werner Meier

Er schulte Manager, war Chef des "Nebelspalters", höchster Ausserrhoder und Gemeindeschreiber. Werner Meier aus Lutzenberg ist einer der ältesten Ostschweizer Gemeindepräsidenten – und liebäugelt mit einer weiteren Amtsperiode.
Michael Genova
Sein zweiter Lauf: Werner Meier, 71, ist seit 2013 Gemeindepräsident von Lutzenberg – beim ersten Mal war er Ende 30. (Bild: Hanspeter Schiess (Wienacht-Tobel, 1. März 2018))

Sein zweiter Lauf: Werner Meier, 71, ist seit 2013 Gemeindepräsident von Lutzenberg – beim ersten Mal war er Ende 30. (Bild: Hanspeter Schiess (Wienacht-Tobel, 1. März 2018))

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch

Werner Meier ist 71 Jahre alt, und wieder einmal erlebt er einen Sturm. Es ist Mitte Februar und der Gemeindepräsident von Lutzenberg muss sich öffentlich erklären. Es geht um eine umstrittene Unterschrift für eine Baubewilligung. Der im Streit zurückgetretene Baupräsident hatte eine Aufsichtsbeschwerde eingereicht, kritisierte Vorgehen und Kommunikation des Gemeinderats. Meier, früher Journalist, setzt sich an den Computer und tippt in eine Pressemitteilung des Gemeinderats den Satz: «Es bestand kein strafrechtlich relevanter Wille.»

Drei Wochen später sitzt Werner Meier in seinem Wohnzimmer in Wie­nacht-Dorf, gemütliches Lächeln, offener Blick. Mit seinem akkurat gestutzten Schnauz, den Bundfaltenhosen und dem schwarzen Jackett mit weiss gepunktetem Pochettli sieht er aus wie ein Hoteldirektor. Meier sagt, wie man sicher durch den Sturm der öffentlichen Entrüstung navigiert: «Kommunikation, alles ist Kommunikation.» Man müsse alles auf den Tisch legen, keine Ausreden suchen, die Lehren aus den eigenen Fehlern ziehen. Auf dem Fussboden wacht der 16-jährige Norwich-Terrier Jasper Junior («er hört nicht gut, sieht nicht gut») über die Ausführungen seines Herrchens.

Meier erfand sich alle paar Jahre neu

Warum tut er sich in seinem Alter ein solches Amt noch an? Für Meier eine sonderbare Frage. «Ich mache es mir zuliebe, damit ich eine Aufgabe habe, die auch anderen Leuten etwas nützt.» Meier war bereits pensioniert, als er 2013 als Gemeindepräsident von Lutzenberg kandidierte. Zum zweiten Mal, denn als 37-Jähriger präsidierte er schon einmal die Gemeinde. Das ist typisch für einen, der sich während seines Berufslebens mehrmals neu erfunden hat.

Nach seinem Studium an der Universität St. Gallen Mitte der 1970er-Jahre arbeitet Werner Meier als Unternehmensberater und schult Manager in Führungsverhalten. Zu seinen Kunden gehören etwa das Versandhaus Quelle oder der Chemiekonzern Bayer. Eines seiner Trainings bei Quelle besucht auch eine Betriebsrätin namens Renate Schmidt –die spätere Bundesministerin für Familie im Kabinett Schröder.

Irgendwann hat Werner Meier das ständige Reisen satt. Er erinnert sich dar­an, wie er schon als Schüler als freier Sportreporter für den «Zürcher Oberländer» schrieb. Wie er im Zürcher Hallenstadion Eishockeyspiele verfolgte und die Berichte vor Ort auf der Hermes Baby seines Vaters tippte. Und wie er auf dem Heimweg das Manuskript aus dem offenen Zugfenster dem Stationsvorstand von Wetzikon zusteckte, der es an die Redaktion weiterleitete.

Meier zögert deshalb nicht, als 1980 die Anfrage kommt, ob er Redaktionsleiter des «Ostschweizer Tagblatts» in Rorschach werden wolle. Seine wichtigste Rolle erhält er jedoch vier Jahre später, als er Chefredaktor des «Nebelspalters» wird. Plötzlich ist er Chefhumorist der Nation. Die Weltwoche schreibt in einem Porträt zu seinem Antritt maliziös: «Seine Frau sagt, er hat Humor.»

Als Politiker im Strudel der Frauenbewegung

Die Rolle als Dirigent eines Orchesters von Karikaturisten behagt ihm. «Es war eine eigene Welt», sagt Werner Meier rückblickend. Davon zeugen auch die vielen Cartoons, die an den Wänden seines Hauses hängen. In jener Zeit muss der 71-Jährige gelernt haben, gelassen zu bleiben. Regelmässig hagelt es Leserbriefe und Abo-Kündigungen. Zum Beispiel als ein Karikaturist Leonardo da Vincis Abendmahl neu interpretiert und hinter Jesus Christus einen Kellner postiert, der eine saftige Rechnung in der Hand hält. Oder als ein anderer Zeichner die damalige SP-Bundesratskandidatin Christiane Brunner den bürgerlichen Parteien als Kröte auf einem Silbertablett serviert. Nach neun Jahren geht die Ära zu Ende. Die Auflage des «Nebelspalters» ist stark gesunken, Verleger und Chefredaktor können sich nicht auf eine Strategie einigen. In einem seiner letzten Interviews sagt Meier ernüchtert: «Ein total sattes und träges Volk ist die falsche Adresse für Satire.»

Doch Werner Meier fällt auf die Füsse. Er wird 1993 Redaktionsleiter des «Appenzeller Tagblatts» in Teufen. Und er hat auch noch seine politische Karriere. Zwei Jahre zuvor ist er zum Präsidenten des Ausserrhoder Kantonsrats gewählt worden. Zudem gilt er als Favorit für die nächsten Regierungsratswahlen. Doch es sollte anders kommen.

Überraschend nominieren die Ausserrhoder Freisinnigen 1994 zwei Frauen: Marianne Kleiner und Alice Scherrer. Der «Frauencoup der Appenzeller FDP», titeln die «Luzerner Neuesten Nachrichten». Werner Meier ist in den Strudel der Frauenbewegung geraten. Im Auto auf dem Weg zur Landsgemeinde sieht er viele Familien mit Kinderwagen, die zu Fuss nach Trogen unterwegs sind. «Da wusste ich, dass ich keine Chance habe.» Er hat die klassische Ochsentour absolviert: 9 Jahre Gemeinderat, 9 Jahre Gemeindehauptmann, 14 Jahre Kantonsrat. Und trotzdem bleibt die Belohnung aus. «Im Moment war ich enttäuscht, doch ich hatte ja Alternativen», sagt Meier. Er habe Enttäuschungen immer schnell abgehakt und in Varianten gedacht.

Variantenreich verläuft auch sein weiterer Weg. Meier wird Direktor des Schweizerischen Verbands Dach und Wand und schliesslich – mit 55 Jahren – Gemeindeschreiber von Heiden. Damit ist er zurück in der kommunalen Politik. Einige sagen ihm, für einen wie ihn, sei dies doch ein beruflicher Abstieg. Doch Meier sieht es anders. Er hat eine interessante Tätigkeit, einen guten Lohn und über den Mittag kann er sogar nach Hause. Nur im Herbst steht er zwischen Heiden und Wienacht bisweilen im Stau, wenn Viehherden über die Strasse getrieben werden.

Präsident einer Idylle

Es ist Donnerstagabend, Werner Meier sitzt im «Treichli» in Unterwienacht, wo sich die Wienacht-Töbliger Bürgerinnen und Bürger einmal im Monat zum Stamm treffen. Man ist per Du, begrüsst sich per Handschlag. Meier bestellt flambiertes Rindermark mit Selleriepüree, dazu ein Einerli Weissen. Die Gläser ­klirren, flotte Trinksprüche fliegen durch die Luft.

Werner Meier ist Präsident einer Idylle, bestehend aus malerischen Weilern mit klingenden Namen: Wienacht, Tan, Grund, Tobel, Brenden, Hof und Haufen. Lutzenberg bietet beste Wohnlagen mit Aussicht auf den Bodensee. In den vergangenen Jahren sind die Steuereinnahmen gestiegen, im innerkantonalen Finanzausgleich ist Lutzenberg eine Gebergemeinde. Im kommenden Jahr wird der Gemeinderat neu gewählt. Meier wird dann 72 Jahre alt sein. «Ich habe mich noch nicht entschieden», sagt er. Aber seine Ausführungen machen deutlich: Er liebäugelt mit einer weiteren Amtsperiode.

Hat er nicht Angst, mit 72 nochmals eine Wahl zu verlieren? Meier lächelt und sagt: «Verloren hast du nur, wenn du es gar nicht versuchst.»

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