Umweltverbände ziehen Reissleine

WWF und Pro Natura haben gegen zwei Pegelstationen in St. Margrethen Einsprache erhoben. Damit verzögern sie Wasseruntersuchungen im Rahmen des Rheinbauprojekts Rhesi, beklagen die Planer.

Marcel Elsener
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Umstritten: Brunnen der Trinkwasserversorgung im Rheinvorland. (Bild: Ralph Ribi (Widnau, 13. April 2016))

Umstritten: Brunnen der Trinkwasserversorgung im Rheinvorland. (Bild: Ralph Ribi (Widnau, 13. April 2016))

Mehrfach haben die Naturschutzorganisationen beklagt, zu wenig in die Planungen des Hochwasserschutzprojekts Rhesi einbezogen zu werden. Nun ist den Verbänden WWF und Pro Natura der Kragen geplatzt: Sie haben gegen Trinkwasseruntersuchungen Einsprache erhoben.

Bei der Internationalen Rheinregulierung (IRR) kommt dies nicht gut an: «Nach langer gemeinsamer Vorbereitung und Durchführung der ersten Untersuchungsetappen überraschen die Naturschutzorganisationen mit einer Einsprache gegen die dritte Etappe auf Schweizer Seite», teilt die IRR mit und befürchtet «grosse Verzögerungen».

Einsprache in dritter Untersuchungsetappe

Die Verzögerungen betreffen das «Jahrhundertprojekt» Rhesi. Mit dem Projekt soll nicht nur der Hochwasserschutz im Rheintal verbessert werden, heisst es in der Mitteilung der IRR, «sondern es muss auch die Versorgung der Rheintaler Bevölkerung mit Trinkwasser sichergestellt werden – und zwar während und nach der Bauphase». Im Hinblick auf die konkrete Planungen von Widnau bis Höchst werde seit Monaten eine detaillierte Trinkwasser-Begleitplanung mit Gemeinden, Verbänden und beteiligten Akteuren gemacht.

Zwei Untersuchungsetappen sind bereits umgesetzt. «In der dritten und letzten Etappe werden auf der Schweizer Seite fünf, in Österreich acht zusätzliche Pegelmessstationen errichtet. Im Bewilligungsverfahren dieser Etappe haben nun WWF und Pro Natura – am letzten Tag der Frist – eine Einsprache erhoben», erklärt Urs Kost, Vorsitzender der Gemeinsamen Rheinkommission. «Die Einsprache richtet sich gegen zwei Pegel in St. Margrethen, dies kann die gesamte Untersuchung auf der Schweizer Seite stark verzögern.»

Begründet wird die Einsprache mit dem Argument, dass man keine weiteren Brunnen im Rheinvorland wolle, daher seien auch keine zusätzlichen Messstationen notwendig. Projektleiter Markus Mähr erklärt dazu: «Diese Pegel bedeuten nicht, dass neue Brunnen ins Rheinvorland kommen. Die Messstationen benötigen wir, um den Grundwasserkörper grossflächig beobachten zu können. Bei den Untersuchungen werden die Brunnen in Widnau, Au, Lustenau, St. Margrethen und Höchst abwechselnd voll eingeschaltet und dann wieder vom Netz genommen. Wir beobachten dabei die Veränderungen der Wasserpegel an allen Standorten bzw. wie schnell sie sich wieder erholen.» Damit gewinne man, so Mähr weiter, «vertiefte Erkenntnisse über die Zusammenhänge der Grundwasserkörper – auch für die Bereiche ausserhalb des Rheinvorlands. Diese Ergebnisse brauchen wir für die Planungen, und später im Bewilligungsverfahren benötigen sie die Behörden, welche die Auswirkungen des Projekts beurteilen müssen.»

Auch die Naturschützer fordern bei Rhesi fundierte Grundlagen, wie sie auf Anfrage schreiben: «Gegen Grundwasseruntersuchungen ist nichts einzuwenden, nur sollten diese auch ausserhalb der Dämme stattfinden.» Das passiere aktuell nicht – und wohl auch in Zukunft nicht. Für WWF und Pro Natura ein Affront: «Von wegen gemeinsamer Suche nach einer guten Lösung für alle Bereiche. Das jetzige Programm zielt klar auf den Erhalt möglichst aller Brunnen sowie den Ausbau zusätzlicher Versuchsbrunnen im Rheinvorland ab, und zwar wegen der Intervention einzelner Gemeinden.»

Auf frühere Einsprache gutgläubig verzichtet

Somit resultiere eine ungenügende Projektvariante punkto Gewässerschutz. «Unsere Einsprache richtet sich gegen das einseitige Vorgehen zu Gunsten der Wasserversorgung», meint Lukas Indermaur vom WWF. Darüber dürfe niemand erstaunt sein. «Seit sechs Jahren bemängeln wir, dass die heutigen Brunnen zu nahe am Rhein liegen und den Bundesanforderungen über die Schutzzonen nicht genügen. Rhesi böte die Chance, die langfristigen Risiken für die Trinkwassernutzer zu minimieren. Dafür müssten die Brunnen, deren Konzessionen z. B. bei Widnau um 2023 ohnehin enden, ausserhalb des Gewässerraums errichtet werden, was nachweislich ohne weiteres möglich ist.»

Laut Umweltverbände werden Alternativen wie eine Seewasserleitung «tabuisiert, weil Einzelpersonen <täubelen>» – und letztlich das Scheitern eines Milliardenprojektes riskierten. «Für 5 Millionen Einwohner in der Seeregion ist das Seewasser gut genug, aber offenbar nicht für die Gemeinde Widnau und Red Bull.» Vor einem Jahr verzichteten die Verbände auf die Einsprache gegen zehn Versuchsbrunnen (wovon sieben im Rheinvorland), wie sie schreiben. «Die Projektverantwortlichen sicherten zu, dass der Perimeter für die Ersatzwasserbeschaffung massiv geweitet werde, dass mehr Standorte ausserhalb der Dämme untersucht würden und dass die Umweltverbände bei der Konzeption der Untersuchungen einbezogen würden. Nichts davon ist geschehen.»

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