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Franziska Ryser soll die St.Galler Grünen nach Bern führen: «Was heute politisch entschieden wird, betrifft uns morgen»

Franziska Ryser ist die grosse Nachwuchshoffnung der St.Galler Grünen. Mit ihrer Kandidatur will die Partei von der aktuellen Klimadebatte profitieren – und den verlorenen Nationalratssitz zurückgewinnen.
Michael Genova
«Eine moderne junge Frau»: Die St.Galler Grünen setzen Franziska Ryser an die Spitze ihrer Nationalratsliste. (Bild: Benjamin Manser)

«Eine moderne junge Frau»: Die St.Galler Grünen setzen Franziska Ryser an die Spitze ihrer Nationalratsliste. (Bild: Benjamin Manser)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Franziska Ryser ist es gewohnt, früh da zu sein. Mit 21 zog sie für die Jungen Grünen ins St.Galler Stadtparlament, mit 25 wurde sie jüngste Parlamentspräsidentin der Stadtgeschichte und seit dieser Woche ist die 27-Jährige neue Spitzenkandidatin der St.Galler Grünen für den Nationalrat. Am wenigsten erstaunt über ihr Tempo ist sie selbst. Auf die Frage, warum ihre Partei sie auf den ersten Listenplatz gesetzt hat, antwortet sie mit einer entwaffnenden Gegenfrage: «Warum nicht?»

In der Pressemitteilung hat sie ihre Partei als «junge und politisch trotzdem bereits erfahrene» Frau angepriesen. Nun sitzt Franziska Ryser im Café St.Gall in der St.Galler Hauptpost und sinniert über ihr politisches Engagement. Um den Hals hat sie einen schwarzen Schal geschlungen, eine schwarze Brille betont ihre wachen Augen. Es sei nur logisch, dass sich junge Menschen politisch engagierten, sagt sie. «Was heute politisch entschieden wird, wird uns morgen betreffen.» Dazu komme, dass ihre Generation viele Themen anders sehe.

ETH-Ingenieurin und Robotik-Spezialistin

Franziska Rysers Themen sind die Klimafrage, die Gleichstellung von Mann und Frau und der technologische Wandel. In Bundesbern würde sie sich wenig überraschend für das grüne Kernanliegen einsetzen: die Senkung des CO2-Ausstosses. Auch der Schweizer Finanzplatz müsse aufhören, in fossile Energien zu investieren, sagt sie. Sie fordert gleiche Löhne für Frauen und Männer, mehr Teilzeitmodelle für Väter sowie ausreichend und bezahlbare Krippenplätze. Und schliesslich will sie sich Gedanken darüber machen, wie man den technologischen Wandel gestalten könne.

Mit dem dritten Thema ist Franziska Ryser beruflich verbunden. Die studierte Maschinenbauingenieurin forscht zurzeit an der ETH an neuen Lösungen im Bereich der medizinischen Rehabilitation. Eine mögliche Anwendung sind Roboter-Skelette zum Anziehen. Sie sollen zum Beispiel einseitig gelähmte Schlaganfall-Patienten bei Bewegungen unterstützen. «Die Chancen der neuen Technologien überwiegen klar», sagt sie. Weil Automatisierung und Digitalisierung aber auch Jobs überflüssig machen werde, brauche es parallel dazu eine gesellschaftliche Debatte. «Wir müssen die Menschen in diesem Wandel begleiten.»

St.Galler Grüne strotzen vor Selbstvertrauen

Das grosse Thema des laufenden Wahljahres ist allerdings der Klimawandel. Der Hitzesommer 2018 und die streikende Klimajugend haben dem Kernthema der Grünen viel Aufmerksamkeit verschafft. Mehrere Umfragen zeigen, dass der Klimawandel die Wahlberechtigten stark beschäftigt. Den Grünen und Grünliberalen werden im Wahlherbst deshalb beträchtliche Gewinne vorausgesagt. Würde heute gewählt, könnten sie gemäss Tamedia-Wahlumfrage ihre Wähleranteile um 2 bis 2,5 Prozentpunkte steigern. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam bereits im Februar das Wahlbarometer der SRG.

Angesichts solcher Umfragewerte strotzen die St. Galler Grünen vor Selbstvertrauen. Die aktuelle Nationalratsliste zeige, dass die Partei zurzeit personell gut aufgestellt sei, sagt Franziska Ryser. «In St.Gallen werden wir einen Sitz gewinnen.» Gelingen soll dies dank dem «Spitzen-Trio», wie es die Partei nennt. Das sind neben Nachwuchshoffnung Franziska Ryser, der Hochschuldozent Patrick Ziltener und die ehemalige Nationalrätin Yvonne Gilli, die 2015 nach acht Jahren in Bundesbern knapp nicht mehr wiedergewählt wurde. Diese Schmach wollen die Grünen im Herbst überwinden. «Jemand von uns Dreien wird den Sitz holen», ist Franziska Ryser überzeugt.

Nationalratswahlen seit 2007

Wähleranteile der St. Galler Grünen und Grünliberalen (in Prozent)
2007
2011
2015
GrüneGLP0246

Das dürfte jedoch nicht einfach werden. Vor vier Jahren wurden den Grünen und Grünliberalen ihre wenig schlagkräftigen Listenverbindungen zum Verhängnis – sie verloren entscheidende Wähleranteile. Die Grünen spannten 2015 wie üblich mit der SP zusammen. Da die SP jedoch unerwartet viele Stimmen verlor, konnten die Grünen Yvonne Gillis Nationalratssitz nicht halten. Die Grünliberalen ihrerseits mussten sich mit der Piratenpartei als Partnerin begnügen. Das reichte nicht, um den Sitz von GLP-Nationalrätin Margrit Kessler zu sichern. Im Nachhinein bezeichnete Yvonne Gilli es als Fehler, dass SP, Grüne und Grünliberale auf eine gemeinsame Listenverbindung verzichtet hatten.

Ob dieses Jahr eine breitere Koalition gelingt, ist zurzeit noch unklar. Zwar haben Grüne und Grünliberale in Umweltfragen grosse Übereinstimmungen. In der Sozial- oder Wirtschaftspolitik klaffen ihre Positionen jedoch auseinander. Die St.Galler Grünen streben laut Franziska Ryser erneut eine Listenverbindung mit der SP an.

«Wir sind aber auch interessiert an einer Zusammenarbeit mit den Mitteparteien GLP, BDP und EVP.»

Sie wählte die Politik, ihre Brüder die Kunst

Unabhängig von solch rechnerischen Überlegungen hat sich Franziska Ryser entschieden, voll auf die Karte Politik zu setzen. Sie kann sich vorstellen, dass aus dem «erfüllenden Hobby» schon bald mehr wird. Auf die Frage nach dem Ursprung ihres politischen Interesses muss sie überlegen. Sie komme aus einer politischen, aber nicht parteipolitischen Familie. Ihr Vater habe sie und ihre Brüder schon als Kinder an 1. Mai-Demonstrationen mitgenommen. Später kam sie an der Kantonsschule Burggraben mit dem Sozial- und Umweltforum Ostschweiz in Kontakt. «Das hat mich stark geprägt.» Gegründet wurde das Projekt vom heute in Bern wirkenden St.Galler Pfarrer Andreas Nufer nach dem Vorbild des Weltsozialforums.

Franziska Ryser kommt aber auch aus einer künstlerischen Familie. Ihr 2014 verstorbener Vater Tobias Ryser war lange Leiter des Figurentheaters St.Gallen. In der Kanti gründete sie mit ihrem Zwillingsbruder Sebastian das noch heute aktive Theaterkollektiv «E0B0FF».

Während Franziska Ryser sich für Politik und Wissenschaft entschied, beschreiten ihre Brüder eine künstlerische Laufbahn. Sebastian lässt sich in Berlin zum Puppenspieler ausbilden, ihr älterer Bruder Benjamin ist Komponist.

Jung, grün, weiblich – und irritierend erfolgreich

In den kommenden Monaten wird Franziska Ryser derweil vermehrt auf der politischen Bühne zu sehen sein. Als Politikerin ist sie vor allem in der Stadt St.Gallen bekannt. Sie werde deshalb in den Sommermonaten auf Strassen und Plätzen im ganzen Kanton präsent sein. Einige Bürger und Altpolitiker werden dann wohl über die «moderne junge Frau» staunen, welche die St.Galler Grünen vor Monaten angekündigt hatten.

Einige werden vielleicht sogar leicht irritiert reagieren. So wie der St.Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin. An Rysers Wahlfeier zur Parlamentspräsidentin hielt er eine altväterliche Rede, in der er sich über die zielstrebige Karriere der grünen Politikerin wunderte. Und dabei nicht vergass zu erwähnen, dass er sich auf Abende mit einer schönen jungen Frau freue.

Franziska Ryser nimmt’s gelassen. Im Gespräch über politische Themen verfliege die Irritation in der Regel rasch.

Patrick Ziltener verzichtet auf zweiten Ständerats-Wahlgang

(mge) Der Grüne Patrick Ziltener tritt am 19. Mai nicht mehr zur St. Galler Ständerats-Ersatzwahl an. Seinen Verzicht gab er gestern an der Kantonalparteiversammlung in St. Gallen bekannt. Im ersten Wahlgang landete Ziltener auf dem vierten Platz. Damit kommt es am 19. Mai zum Dreikampf zwischen Regierungsrat Benedikt Würth (CVP), Kantonsrätin Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP) und SVP-Nationalrat Mike Egger.
Die St. Galler Grünen nominierten gestern zudem einstimmig sechs Frauen und sechs Männer für den Nationalratswahlkampf. An der Spitze der grünen Nationalratsliste steht wie vom Parteivorstand vorgeschlagen die St. Galler Stadtparlamentarierin Franziska Ryser. Den zweiten Listenplatz erhält Patrick Ziltener und auf Platz drei steht die ehemalige Nationalrätin Yvonne Gilli aus Wil.

Die weiteren Listenplätze belegen die Exekutivmitglieder Daniel Stutz (Wil) und Tanja Zschokke (Rapperswil-Jona), gefolgt von Kantonsrat Basil Oberholzer, der sich auf nationaler Ebene als Mitinitiant der Zersiedlungsinitiative einen Namen gemacht hat. Auf der Liste stehen zudem die Kantonsräte Meinrad Gschwend, Marco Fäh und Parteipräsident Thomas Schwager. Auch die Wiler Stadtparlamentarierin Eva Noger, die ehemalige Kantonsrätin Franziska Wenk sowie Rahel Würmli, Alt-Stadträtin von Rapperswil Jona, stellen sich zur Verfügung. Die Jungen Grünen treten mit einer eigenen Liste an, ausserdem wollen die St. Galler Grünen eine Senioren-Liste aufstellen.

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