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UMSTRITTEN: Türkischer Fernsehprediger in Wattwil: "Ich mag keine Politik"

Er wolle zwischen den Kulturen vermitteln, sagte der türkische Fernsehprediger Nihat Hatipoglu im Thurpark in Wattwil. Zuvor hatten Kurden vor einer politischen Propagandaveranstaltung gewarnt. Aus Angst blieben einige dem Anlass trotzdem fern.
Michael Genova
Der türkische Starprediger Nihat Hatipoglu spricht im Thurpark Wattwil über die Kraft des Glaubens.

Der türkische Starprediger Nihat Hatipoglu spricht im Thurpark Wattwil über die Kraft des Glaubens.

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: <strong style="margin: 0px; padding: 0px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;"><em style="margin: 0px; padding: 0px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;">www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Wütend ist er nicht, aber etwas verstimmt vielleicht schon. «Wir haben nichts zu verbergen», sagt Tuncay Zagli, Vorstandsmitglied der Stiftung des Islamischen Kulturzentrums Wattwil. Er ist ungewollt zum Sicherheitschef befördert worden. In zwei Stunden tritt der bekannte türkische Fernsehprediger Nihat Hatipoglu im Thurpark Wattwil auf. Gemeinde und Pächter haben Zagli deshalb dazu verknurrt, ein Sicherheitskonzept vorzulegen. Nun stehen vor dem Gebäude zwei private Sicherheitsleute und am Ende der Zufahrtsstrasse einige Kantonspolizisten.

«Wir sind religiös und organisieren religiöse Anlässe», sagt Zagli. Bislang habe es bei den jährlichen Veranstaltungen des Kulturzentrums nie Probleme gegeben. Es sei ärgerlich, dass die Anhänger der Kurdenpartei PKK ihm nun solche Umstände bereiteten. «Sie vergessen, dass nicht alle Kurden Anhänger ihrer Partei sind.»

Weltentreff im Thurpark

Kurden hatten vergangene Wochen in der «Ostschweiz am Sonntag» den ­bevorstehenden Aufritt von Hatipoglu kritisiert. Sie befürchteten, dass er den Anlass als Propagandaplattform für den türkischen Präsidenten Erdogan missbrauchen könnte. Am 24. Juni finden in der Türkei vorgezogene Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. In Folge der Berichterstattung wurde auch der St. Galler Sicherheitsdirektor Fredy Fässler aktiv. Doch Anfang Woche gab die Kantonspolizei St. Gallen Entwarnung. Es gebe keinen Grund, einen Antrag für ein Verbot der religiösen Veranstaltung zu stellen.

Die Luft im Thurpark riecht nach Honig und Olivenöl. Im kleinen Saal ist ein Kermes eingerichtet, ein türkischer Basar. Es gibt Börek, Baklava und gefüllte Weinblätter. Im grossen Saal hängt die türkische Flagge vom Balkon, flankiert vom Schweizer Kreuz. Rot neben Rot. Hier treffen sich Welten. An einem Tag tritt ein türkischer Fernsehprediger auf. Drei Tage später steht Komiker Peach Weber mit seiner Show «iPeach» auf der Bühne – das ist basisdemokratische Programmgestaltung.

Kurz vor halb acht ist der Saal gefüllt, nur wenige Plätze bleiben frei. Das Programm beginnt. Zagli hatte zuvor gewarnt: Mit einem pünktlichen Start sei nicht zu rechnen. Frauen mit Kopftüchern sitzen neben Frauen mit Hochsteckfrisuren. Der religiöse Sänger Sedat Ucan singt melancholische Lieder. Prediger Nihat Hatipoglu bittet den Reporter hinter die Bühne.

«Politik schafft nur Auseinandersetzungen»

Er sei nach Wattwil gekommen, weil er nicht nur am Fernsehen predigen wolle. «Ich brauche den Kontakt zu den Menschen», sagt Hatipoglu. Er sehe sich als Vermittler zwischen den Kulturen, als Botschafter der Menschheit. Verbreitet er auch politische Botschaften? Hatipoglu macht eine Kunstpause und legt väterlich die Hand auf den Arm des Reporters. Er sei nun 62 Jahre alt. Habe 5000 Stunden im Fernsehen gepredigt, 220 Tage ohne Unterbruch gesprochen. Und noch nie habe man ihm nachweisen können, dass er sich politisch geäussert habe. «Ich mag keine Politik – sie schafft nur Auseinandersetzungen», sagt er. Seine Aufgabe sei es, Menschen zusammenzubringen.

Nun steht Hatipoglu auf der Bühne, umrahmt von orientalischen Spitzbögen. Er trägt einen dunklen Anzug, beiges Gilet und rote Krawatte. Er spricht ruhig und bedächtig wie ein Märchenonkel. Sein erstes Thema: die Gleichheit von Mann und Frau. Um seine Argumente zu untermauern, erinnert er daran, wie in frühen Zeiten Kinder getötet wurden, nur weil sie Mädchen waren. «Wir brauchen ein gemeinsames ethisches Verständnis», ermahnt er. Gelangt Hatipoglu an einen zentralen Punkt, kommt er ins Dozieren. Dann wird seine Stimme lauter, und er erhebt seinen Zeigefinger. Zum Abschluss ertönt im Hintergrund ein Gong.

Später spricht der Fernsehprediger über die Kraft des Glaubens. «Wenn wir ihn verlieren, verlieren wir unsere Stabilität.» Er erinnert daran, wie sehr der Prophet Mohammed seine Kinder liebte. Und wie wichtig es sei, dass Eltern ihre Zuneigung zeigen («Kinder sind wie der Duft des Himmels»). Und er will mit Vorurteilen aufräumen und betont, wie zentral im Islam die Tierliebe sei.

Dolmetscher fürchten sich vor Anfeindungen

Es war nicht einfach, einen Dolmetscher für die Berichterstattung über die Veranstaltung zu finden. Zwei türkische Übersetzerinnen und ein Übersetzer hatten im Vorfeld abgesagt. Ihre Begründung: Sie wollten sich keinen Anfeindungen aussetzen. Und weiterhin ohne Schwierigkeiten in die Türkei einreisen können. Tuncay Zagli vom Kulturzentrum kann sich dies nicht erklären. «Ein normaler Türke sollte keine Angst haben.» Nochmals spricht er von den Anhängern der PKK, welche die Politik ins Spiel gebracht hätten. Und nochmals betont er, dass das islamische Kulturzentrum unparteiisch sei: «Die Politiker sollen in Ankara Politik machen.»

Seit dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei schwappen die innenpolitischen Spannungen zunehmend auch auf die Schweiz über. Führt dies zu Konflikten unter türkischen Migrantinnen und Migranten in europäischen Ländern? «Ich spüre keine solche Spannung», sagt Nihat Hatipoglu. Und er hoffe, dass sich solche Auseinander- setzungen nicht ausbreiten werden.

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