Umgeben von Wolfsrudeln

Zum erstenmal seit langem hat die Schweiz wieder ein Wolfsrudel. An Euphorie fehlt es nicht, aber an Erfahrung. Frankreich und Italien, Länder mit weit grösseren Wolfspopulationen, haben unterschiedliche Strategien entwickelt.

Adrian Vögele
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Allmählich erobern die Wölfe Mitteleuropa zurück: Ein Rudel im Nationalpark Bayerischer Wald. (Bild: F1online/David & Micha Sheldon)

Allmählich erobern die Wölfe Mitteleuropa zurück: Ein Rudel im Nationalpark Bayerischer Wald. (Bild: F1online/David & Micha Sheldon)

Acht Wölfe leben am Calanda. Erwachsene, Jungtiere – das erste Wolfsrudel der Schweiz seit der Ausrottung der Art. Das allein wäre schon Sensation und Herausforderung genug. Doch die Vermutung liegt nahe, dass weitere Rudel aus der Gruppe hervorgehen werden. «Manche Jungtiere verlassen ihre Rudel bereits im ersten Winter, um ihr eigenes Territorium zu suchen», weiss David Gerke, Wolfsexperte, Schafhirte und Präsident der Organisation «Gruppe Wolf Schweiz». Es gebe Anzeichen, dass dies am Calanda bereits passiert sei: In Trimmis, auf der rechten Seite des Rheins, hat ein Raubtier vor einigen Tagen Rotwild gerissen. Ein gutes Stück vom Wolfsrudel entfernt, das sich soweit bekannt auf der linken Talseite aufhält.

Seltene Attacken auf Grossvieh

Ob Jungtiere, die sich vom Rudel getrennt haben, in der Gegend bleiben, ist jedoch nicht sicher. «Der Blick ins Ausland zeigt: Es gibt Fälle, in denen sich neue Rudel direkt neben den bestehenden ansiedeln», sagt Gerke. Als neues Territorium in der Nachbarschaft des Calanda sei zum Beispiel das Calfeisental jenseits der St. Galler Grenze denkbar. Manchmal legen einzelne Wölfe aber auch riesige Distanzen zurück: «Ein Tier aus einem Rudel in Deutschland, das mit einem Sender versehen war, ist quer durch Polen bis nach Weissrussland gewandert», sagt Gerke.

So oder so: Der Kern des Bündner Rudels wird wohl bis auf weiteres im Calanda-Gebiet bleiben. Im Hinblick auf den nächsten Alpsommer sehen Tierzüchter nicht nur Schafe und Ziegen, sondern auch Kälber, Rinder und Kühe gefährdet. «Dass Wolfsrudel Grossvieh angreifen, ist sehr selten», relativiert Gerke. Gemäss Erfahrungen in den französischen Alpen sei weniger als ein Prozent der gerissenen Nutztiere Grossvieh.

Während die Schweiz wieder neu lernen muss, mit einem Wolfsrudel umzugehen, haben die Nachbarn bereits einige Erfahrung damit – Österreich ausgenommen. Vor allem Italien ist den grauen Räuber gewohnt: Es ist das einzige Nachbarland der Schweiz, in dem die Art nie ausgestorben war. «Deshalb hat sich dort auch die Tradition des Herdenschutzes mit Hirten und Hunden lückenlos erhalten», sagt Gerke. Nachdem die Bestände stark geschrumpft waren, stellte Italien den Wolf im Jahr 1976 unter totalen Schutz – ohne die Option von bewilligten Abschüssen, wie sie die Schweiz kennt. Für getötete Nutztiere bezahlt der Staat. Die italienischen Wölfe leben dennoch nicht ungefährlich: Experten schätzen, dass jährlich über 15 Prozent Opfer von Wilderern werden. In manchen Regionen sind Bestrebungen in Gang, die Tiere besser vor illegalen Abschüssen und Vergiftungen zu schützen.

Von Italien aus ist der Wolf Anfang der 90er-Jahre nach Frankreich zurückgekehrt; heute leben dort wieder gegen 200 Tiere. Das Land hat mit einem detaillierten Wolfskonzept reagiert: Die Wölfe dürfen sich ausbreiten, der Staat fördert den Herdenschutz und vergütet Schäden – der Einsatz von scharfer Munition ist jedoch nicht ausgeschlossen. Die Behörden können in Gebieten, in denen sich die Raubtiere zu stark vermehren, pauschale Abschussquoten zur Regulierung des Bestandes erlauben («tir de prélèvement»). Allerdings dürfen derzeit in ganz Frankreich höchstens sechs Wölfe pro Jahr erlegt werden. Daneben können Hirten auf besonders gefährdeten Alpen beantragen, die Raubtiere mit Schrot vergrämen zu dürfen («tir de défense»).

Vorbild Frankreich

Die Schweiz weist gemessen an ihrem Wolfsbestand eine der höchsten Abschussquoten Europas auf – obwohl der Staat auch hier Herdenschutzmassnahmen unterstützt und für getötete Nutztiere aufkommt. Bundespolitiker fordern indes eine noch härtere Gangart: BDP-Nationalrat und Landwirt Hansjörg Hassler aus Domat/Ems verlangte per Motion, dass die Schweiz punkto Abschüsse das französische System übernimmt. Das Parlament unterstützte den Vorstoss, umgesetzt ist er aber noch nicht.

«Gültig ist nach wie vor das nationale Wolfskonzept aus dem Jahr 2008», sagt Gerke. Es enthält die berühmten Risszahlen, die ein Wolf erreicht haben muss, damit er getötet werden darf: Mindestens 25 Nutztiere in einem Monat oder mindestens 35 Nutztiere in vier aufeinanderfolgenden Monaten. Im zweiten Jahr, in dem ein Wolf Schaden anrichtet, reichen bereits 15 Risse. Voraussetzung für die Abschussbewilligung ist, dass sämtliche möglichen und finanzierbaren Schutzmassnahmen ergriffen wurden.

Die Zuordnung der Schäden zu bestimmten Wolfs-Individuen ist sehr schwierig und aufwendig. Mindestens so schwierig ist es, den Wolf für den Abschuss ausfindig zu machen. Die Bewilligung ist auf 60 Tage beschränkt. Verlängert wird sie nur, wenn der Wolf erneut Nutztiere reisst.

Eine Abschussquote «à la française» liesse da weit mehr Spielraum. Doch laut David Gerke unterscheidet sich die Situation in der Schweiz von jener in Frankreich: «Hierzulande gibt es noch keine Wolfspopulation, die derart gross wäre, dass man sie mit Abschüssen regulieren könnte, ohne ihren Weiterbestand zu gefährden.» Auch das Argument, in der Schweiz sei für Wölfe kein Platz, lässt Gerke nicht gelten: So seien das Wallis und der Kanton Graubünden weniger dicht besiedelt als die deutschen Bundesländer Sachsen und Brandenburg oder die französischen Départements Savoie und Haute-Savoie, welche Wolfsrudel beherbergen.

Harte Strafe für Abschuss

Die unterschiedliche Raubtierpolitik der mitteleuropäischen Länder führt bisweilen zu Spannungen. Italien sieht es nicht gerne, dass in den französischen und schweizerischen Grenzgebieten Wölfe legal erlegt werden können. «In Italien werden die Wölfe geschützt, in der Schweiz und in Frankreich werden sie getötet, diese Situation ist unerträglich», ärgerte sich der italienische Umweltminister Alfonso Pecoraro Scanio vor einigen Jahren.

Auf tatkräftige Unterstützung können die 18 Wolfsrudel in Deutschland zählen: Wird ein Wolf illegal getötet, setzt der deutsche Naturschutzbund bisweilen mehrere tausend Euro Belohnung aus für Hinweise, die zur Aufklärung des Falls führen. Jüngst stand ein Jäger vor Gericht, der in Rheinland-Pfalz illegal einen Wolf erlegt hatte. Er wird gebüsst und muss seinen Jagdschein abgeben. Es seit das erste Mal, dass ein illegaler Wolfs-Abschuss in Deutschland derart hart geahndet werde, schreibt der Naturschutzbund. Der Jäger gab zu Protokoll, den Wolf mit einem verwilderten Hund verwechselt zu haben.