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«Eine fragwürdige Art der Gewaltprävention»: St. Galler Jungpolitiker kritisieren die Wegweisungspolitik der Polizei

Die Wegweisung von über 500 jungen Erwachsenen am Ostersonntag für 30 Tage sei unverhältnismässig, finden Jungpolitiker von links bis rechts. Sie fordern mehr Dialog mit Jugendlichen oder offene Beizen.

Janina Gehrig
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Kaum kamen sie am Hauptbahnhof an, wurden viele Jugendliche am Ostersonntag gleich wieder nach Hause geschickt.

Kaum kamen sie am Hauptbahnhof an, wurden viele Jugendliche am Ostersonntag gleich wieder nach Hause geschickt.

Bild: Sandro Büchler

Was sagen St. Galler Jungpolitiker zu den Vorkommnissen am Osterwochenende? Rebekka Schmid, Stadtparlamentarierin und Co-Präsidentin der Jungen Grünen des Kantons St.Gallen, drückt ihr Unverständnis über die Art und Weise aus, wie in diesen Tagen protestiert wird. «Ich bin schockiert über die Bilder und die Gewalt gegen Beamte», sagt die 23-Jährige. Sie verstehe, dass man wieder ausgehen und sich treffen wolle. Das gehe allen so, unabhängig vom Alter. «Dass man sich dafür aber zu Hunderten trifft und Dinge kaputtmacht, ist nicht nachvollziehbar. Es ist schade, dass es so ausgeartet ist.» Schliesslich rücke dies all jene Jugendlichen in ein schiefes Licht, die sich an die Regeln hielten und die derzeit gerade viel einstecken müssten. Schmid hält die polizeilichen Wegweisungen für 30 Tagen, die am Ostersonntag gegen über 500 Personen ausgesprochen wurden, aber für problematisch. «Dass grundsätzlich alle, die am Bahnhof ankamen und zwischen 15- und 30-jährig waren, auseinandergenommen wurden, ist eine fragwürdige Art der Gewaltprävention», sagt sie.


Wut verständlich, Gewalt nicht zu rechtfertigen

Ähnlich sieht es die St.Galler Juso-Präsidentin Anna Miotto. «Ich verstehe die Wut der Jugendlichen, immer noch zu Hause zu sitzen», sagt sie. Die Wut gegen die Willkür gewisser Massnahmen und die Wut darüber, dass alles, was Spass mache, verboten werde. Das sei auch dem bürgerlichen Management der Krise zu verdanken, welche die Wirtschaft zu lange vor einschneidenden Massnahmen habe schützen wollen. Die Wut rechtfertige jedoch in keiner Weise die Gewalt und die Sachbeschädigungen. So hält Miotto die erhöhte Polizeipräsenz und die Bemühungen, weitere Ausschreitungen bereits im Keim zu ersticken, denn auch für berechtigt. Die Wegweisungen für 30 Tage seien aber eindeutig unverhältnismässig und kontraproduktiv.

Johannes Rüesch, Regionalleiter der Jungen SVP Kanton St. Gallen, zeigt sich «überrascht, dass es so ausartete. Ich dachte, es würde nur kleinere Scharmützel geben.» Auch der 27-Jährige versteht, dass viele Junge am Anschlag seien.

«Mich stört es nicht, wenn sich Jugendliche in kleineren Gruppen auf dem roten Platz treffen. Das hätte ich als Teenager auch so gemacht.»

Ihm habe die Wegweisungsstrategie der Polizei zwar missfallen, jedoch sei diese nach den Ausschreitungen verständlich gewesen. «So übertrieben der Aufmarsch wirkte, am meisten wirkt am Ende wohl doch die Präsenz der Polizei.» Rüesch mutmasst, die Chaoten hätten sich St. Gallen ausgesucht, weil es hier schon lange nicht mehr – zuletzt 2008 – derart «ausartete». «In Zürich wäre wohl früher ein Wasserwerfer aufgetaucht.»

Es fehlt weiterhin an Perspektiven

Dass es für viele Jugendliche in der Coronazeit auch weiterhin keine Perspektiven gebe, mache die Sache nicht einfacher. Umso mehr loben Schmid und Miotto den Ansatz der Stadtpräsidentin Maria Pappa, den Dialog mit jenen zu suchen, die friedlich vor Ort zusammenkamen. Für den St. Galler SVP-Nationalrat Mike Egger, der die Gewalt und Sachbeschädigungen ebenfalls verurteilt, liegt jedoch eine andere Lösung auf der Hand:

«Auf Bundesebene fordern wir schon lange, dass Beizen und andere betroffene Branchen unter Auflagen wieder öffnen dürfen.»

Die gereizte Stimmung könne so aufgelockert werden, ist er überzeugt.