Um die Wette gebaut: 150 Jahre Kirchenbau im Thurgau

Reformierte und Katholiken haben heute mehr Kirchen, als sie brauchen. Zum Jubiläum der Landeskirchen erzählt die Denkmalpflege die Geschichte des Thurgauer Kirchenbaus in den letzten 150 Jahren.

Thomas Wunderlin
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Die paritätische Kirche Hüttwilen wurde 1964 abgerissen.
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Ein prachtvoller neugotischer Innenraum zeichnet die Dussnanger Marienkirche aus.
Frauenfeld: Die Schönste.
In Wittenwil dient eine ehemalige Kapelle seit 200 Jahren als Schmiede.
Die katholische Kirche Sulgen wurde von Le Corbusier inspiriert.
Lengwil und Arbon: Vorbild Landesmuseums-Turm.
Amriswil: der Höchste.

Die paritätische Kirche Hüttwilen wurde 1964 abgerissen.

Bild: PD

Die Reformierten verlieren seit Jahren Mitglieder. Bei den Katholiken haben sich die Gläubigen vermehrt, doch fehlen die Priester. Was daraus folgt, sagt der evangelische Kirchenrat Rolf Bartholdi:

«Gewisse Kirchen werden heute kaum mehr genutzt, verursachen aber weiterhin hohe Kosten.»

Dabei haben die beiden Thurgauer Landeskirchen ihre räumlichen Kapazitäten erst in den letzten 150 Jahren ausgebaut. 60 der rund 200 Gotteshäuser stammen aus dieser Zeit.

1869 hatte der Kanton Thurgau in seiner neuen Verfassung die beiden Konfessionen in den Status von Landeskirchen erhoben; das Jubiläum wird derzeit begangen. Danach boomte der Kirchenbau im Kanton. Die Gründe waren nicht die staatliche Anerkennung. Vielmehr brauchten die Kirchgemeinden wegen der allgemeinen Bevölkerungszunahme mehr Platz für ihre Gläubigen. Da sie gleichzeitig mehr Kirchensteuerzahler bekamen, hatten sie auch das Geld dafür.

Einen Überblick über diese Baugeschichte und ihre Hinterlassenschaft bietet die Thurgauer Denkmalpflege in einer umfangreich illustrierten Geschichte des neueren Kirchenbaus im Kanton; ihm entstammen das obige und die folgenden Zitate.

Wohlhabendere Kirchgemeinden wollten eigene Kirchen

Viele Kirchgemeinden konnten es sich leisten, aus den paritätischen Kirchen auszusteigen. Ein Befürworter war der Fischinger Franziskus von Streng, von 1936 bis 1967 Bischof von Basel. Bei der Auflösung einer Paritätsgemeinschaft hatte der ausziehende Teil Anrecht auf einen Anteil am Schätzungswert des Gebäudes. Davon wurde ein Anteil an den notwendigen Renovationskosten abgezogen.

Paritätische Kirchen

Eine Besonderheit des Kantons Thurgau sind die von beiden Konfessionen genutzten Kirchen aus der Zeit der Gemeinen Herrschaft. Da die regierenden Orte konfessionell gespalten waren, herrschte im Thurgau eine gewisse Religionsfreiheit. In vielen Gemeinden konnten sich Reformierte und Katholiken den Bau einer Kirche aber nur gemeinsam leisten. Rund 30 paritätische Kirchen prägten nach Angaben von Silvana Rageth einst die Thurgauer Kirchenlandschaft. Eine der letzten entstand 1864/64 in Bichelsee; die evangelische Gemeinde zog 1954 aus. Heute gibt es noch neun paritätische Kirchen: Amlikon-Bissegg, Basadingen, Ermatingen, Frauenfeld (Oberkirch), Güttingen, Pfyn, Romanshorn, Sommeri, Uessllingen-Buch. Dazu kommt eine paritätische Kapelle in Ermatingen. (wu)

Um 1900 dominierte im Kirchenbau der Stil des Historismus, der sich an den Formen des Barock oder der Gotik orientierte. Die Ostschweiz hat laut dem Leiter der Thurgauer Denkmalpflege, Ruedi Elser, eine führende Stellung in der Epoche des Historismus.

«Prachtvollster neugotischer Kirchenraum im Thurgau»

Frauenfeld: die Schönste.

Frauenfeld: die Schönste.

(Bild: Nana Do Carmo)

Zu verdanken hat sie das den drei herausragenden Kirchenbauarchitekten Albert Rimli (Frauenfeld), August Hardegger (St.Gallen) und Adolf Gaudy (Rorschach). Die 1904 bis 1906 erbaute katholische Frauenfelder Stadtkirche gilt als Rimlis Meisterwerk und als bedeutendste Neubarockkirche der Schweiz. Rimli baute auch die katholischen Kirchen von Egnach-Winzelnberg, Horn, Kreuzlingen-Emmishofen, Mammern und Weinfelden, ausserdem 1934/35 noch die katholische Kapelle St.Johannes und Mauritius in Affeltrangen.

Über den «prachtvollsten neugotischen Kirchenraum des Kantons Thurgau» verfügt die katholische Marienkirche Dussnang, meint Birgit Seidenfuss, Inventarisatorin im Amt für Denkmalpflege. Pfarrer Johann Jakob Eugster baute die Dussnanger Wallfahrtskirche 1889/90 in Eigenregie «in freier Aneignung des Musters der Wallfahrtskirche von Lourdes». Dabei handelt es sich um die erste Betonkirche der Schweiz, wovon allerdings wenig zu sehen ist. Aussen ist die Kirche mit Steinplatten verkleidet, innen ist sie verputzt und bemalt.

Die Raumaufteilung nach dem Vorbild eines spätmittelalterlichen Münsters eignet sich schlecht für den evangelischen Predigtgottesdienst; das zeigte sich laut dem Zürcher Kunsthistoriker Urs Baur in der 1892 erbauten evangelischen Kirche Amriswil. Die evangelischen Kirchen in Weinfelden und Romanshorn zeigen, dass es auch in Stilformen des Historismus geht. An ein kurzes Langhaus sind hier zwei breite Querhausarme angefügt.

«So entsteht der Eindruck eines Zentralbaus, der in Weinfelden zusätzlich mit dem achteckigen Glockenturm über der Vierung betont wird.»

Bei den Katholiken waren die baulichen Vorschriften nicht verhandelbar. Die zulässigen Bautypen waren über Jahrhunderte hinweg erprobt. Zur Auswahl standen einzig die Stilrichtungen des Historismus und neu das Dekor des Jugend- und Heimatstils. Die «farbenfrohe und kunstreiche Innenausstattung» der katholischen Kirche St.Johannes in Romanshorn beispielsweise wirkt laut Baur «im Wechselspiel zur schwer lastenden Architektur der Neuromanik heiter und leicht».

Ende des 19. Jahrhunderts grassierte ein Turmbauboom

Kirchen und besonders Kirchtürme haben eine identitätsstiftende Funktion. Sie stehen seit jeher auch für Macht und Pracht. Zwischen 1877 und 1907 entstanden im Thurgau rund 10 neue Kirchtürme; dazu wurden 17 Türme bestehender Kirchen neu gebaut, wie Regine Abegg, Erforscherin der Thurgauer Kunstdenkmäler, gezählt hat. Fast jedes Jahr wurde ein neuer Turm fertig. Mit ein Grund für den Turmbauboom war ein Brandschutzgesetz. Es verlangte, dass bis 1899 sämtliche Schindeldächer ersetzt werden.

Lengwil: Vorbild Landesmuseumsturm.

Lengwil: Vorbild Landesmuseumsturm.

(Bild: Nana Do Carmo)

Der 1894 erbaute 60 Meter hohe Turm des Landesmuseums in Zürich wurde zum Vorbild der Türme der katholischen Kirche St.Martin in Arbon und der evangelischen Kirche Oberhofen in der Gemeinde Lengwil. In Lengwil wurde der 1899 gebaute «Wunderturm» anfangs angefeindet. Er passe nicht in die ländliche Umgebung und sei viel zu teuer. «Längst haben sich die Wogen geglättet», schreibt Abegg. Wie in Arbon werde auch in Lengwil der weitherum sichtbare Turm «mit seinem buntziegelig gemusterten Helm mittlerweile als Wahrzeichen des Dorfs geschätzt».

Die evangelische Kirche Stettfurt erhielt einen auffälligen, 44 Meter hohen Turm, weil man ein neues, grösseres Geläut wollte. Ein führender Kirchturmarchitekt war der Romanshorner August Keller, der in Kreuzlingen-Egelshofen ein 60 Meter hohes Exemplar baute. Von ihm stammen auch die Kirchtürme von Matzingen, Scherzingen und Hugelshofen.

Amriswil: der Höchste.

Amriswil: der Höchste.

(Bild: Michel Canonica)

Alterswilen hatte 1891 den höchsten Turm des Kantons, bis ein Jahr später der Turm der evangelischen Kirche Amriswil fertig wurde – bis heute ist dieser mit 75 Meter der höchste Kirchturm des Kantons.

Historismus wurde als schwülstig und oberflächlich betrachtet

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Neubarock seinen Reiz verloren. Wie auch die Neugotik wurde er als schwülstig und oberflächlicher Dekorationsstil empfunden. «Mit der Kraft und Zuversicht des Aufbruchs und in guter Absicht, etwas Echtes und Wahres zu schaffen, wurde entstaubt und aufgeräumt, zuweilen sehr gründlich», schreibt Elser. Ein radikales Beispiel ist die katholische Kirche St.Verena in Rickenbach. Nach dem Läuterungsprozess, wie ihn der Denkmalpfleger nennt, finden Historismus wie auch Jugendstil wieder zögerlich Anerkennung. Schon nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Architekten allmählich damit aufgehört, Kirchen wie Denkmäler aufzustellen. Nun wurden schlichte Längsbauten im Stil der Neuen Sachlichkeit erstellt. Baur nennt als Beispiele die evangelische Stadtkirche Frauenfeld sowie die evangelischen Kirchen von Sirnach und Münchwilen.

In dieser Zeit entstand auch die katholische Kirche Bussnang. «Den Unendlichkeitstopos des Kreises setzt der Architekt in verblüffender Konsequenz um – der Bau ist eine einzige baukünstlerische Feier des Kreises in seiner reinen Gestalt wie auch in seinen Ableitungsformen Halbkreis und Rundbogen.» Nicht dazu passt laut Seidenfuss einzig der kantige Vorhallenkasten, der denn auch nicht aus der Erbauungszeit stammt.

Inspiriert von Le Corbusier

Ruedi Elser, Denkmalpfleger Thurgau.

Ruedi Elser, Denkmalpfleger Thurgau.

(Bild: Pd)

Der Stil der Moderne kam im Thurgau leicht verspätet an, was Elser mit der katholischen St.Johanneskirche Wängi von 1957/58 und der evangelischen Kirche Bichelsee von 1959 belegt. Gemäss Seidenfuss erreichte die Moderne den Thurgau bereits Ende der 1930er-Jahre mit dem Bau der katholischen Kirche St.Stephan in Amriswil.

Im Thurgau steht auch eine Kirche, die von Le Corbusiers berühmter Wallfahrtskirche Ronchamp inspiriert wurde: die katholische Kirche Sulgen von 1959/61 des St.Gallers Ernest Brantschen. Ihr Betondach entfaltet laut Seidenfuss im Innern «eine Wirkung von archaischer Wucht». Die katholische Kirche von Hüttwilen bezeichnet sie als «eine in ihrer Expressivität für den Thurgau einzigartige Kirche». Das Panorama der stilistischen Vielfalt vervollständigt die katholische Kirche Münchwilen mit ihrem «Sichtbetonturm in brutalistischen Formen».

Die paritätische Kirche Hüttwilen wurde 1964 abgerissen.

Die paritätische Kirche Hüttwilen wurde 1964 abgerissen.

(Bild: PD)

Die Energiewende hielt im Kirchenbau schon 1993 Einzug, als die Steckborner Katholiken die Südseite des Turms der Kirche St.Jakobus mit Solarzellen verkleideten.

Umgenutzte Gotteshäuser in Arbon, Erdhausen und Wittenwil

Nach Mitte der 1970er-Jahre bauten vor allem die Freikirchen noch neue Gotteshäuser. Bei den Landeskirchen war der Boom vorbei. Beide Konfessionen verfügen inzwischen über einen Leitfaden für die Umnutzung nicht mehr benötigter Kirchen. Sowohl Abbruch wie auch Umnutzung eines Kirchengebäudes sind heikel; «auch bei kirchenfernen Bürgern können sie erhebliche emotionale Reaktionen hervorrufen», warnt die Thurgauer Denkmalpflegerin Eva Schäfer. 1964 kannte man in Hüttwilen keine Skrupel. Nachdem sich beide Konfessionen eine eigene Kirche gebaut hatten, brachen sie die zuvor gemeinsam genutzte Kirche von 1451 ab.

Eine katholische Kirche gilt als heiliger Ort und wird in einem speziellen Ritus geweiht. Kirchenrechtlich ist festgelegt, dass ein geweihtes Kirchgebäude keinen «unwürdigen» Gebrauch erfahren darf, weshalb der Bischof einer Umnutzung zustimmen muss. Um die Kirche einer andern Nutzung zuzuführen, muss sie entweiht werden.

Im Unterschied dazu wird das evangelische Kirchengebäude laut Schäfer meistens als «Gottesdienstraum» angesehen, «der allenfalls in Anwesenheit der Gemeinde eine besondere ‹geheiligte› Aura erhalten kann».

Die Leitfäden beider Landeskirchen schliessen die Nutzung durch andere Konfessionen aus. Auch eine kommerzielle Nutzung gilt als ungeeignet. Hingegen wird argumentiert, dass eine soziale und kulturelle Nutzung in Kirchgemeinden und der breiteren Öffentlichkeit auf Zustimmung stiessen.

In einem Expertengespräch nennt der ehemalige Thurgauer Denkmalpfleger Jürg Ganz die Basler Elisabethenkirche und die Luzerner Maihofkirche als Beispiele, wie mehrere, auch nichtkirchliche Organisationen gemeinsam eine Kirche nutzen. Der Architekt Hansjörg Affolter hält ihm entgegen: «Welche möglichen Zweit- oder Drittnutzer gibt es aber in ländlichen Orten wie Andwil oder Braunau?» Der Präsident des katholischen Kirchenrats, Cyrill Bischof, will eine Umnutzung nicht «auf Teufel komm raus» erzwingen: «Kirchengebäude können auch eine Zeit lang leer stehen.»

Umgenutzt zu Schmiede, Brockenhaus und Wohnungen

Umnutzungen sind nichts Neues, wie das Beispiel der spätmittelalterlichen Arboner St.Johanneskapelle zeigt, die 1777 profaniert wurde und von 1972 bis 2007 ein Brockenhaus beherbergte. Nach der Restaurierung der fragilen Wandmalereien kann sie heute als Versammlungsort gemietet werden.

In der 1656 erbauten katholischen Kapelle von Wittenwil befindet sich seit fast 200 Jahren eine Schmiede. Die Kapelle St.Jakob in Erdhausen verlor ihre Bedeutung als Gotteshaus, nachdem die Egnacher Reformierten 1728 eine neue Kirche im späteren Neukirch bauten. Heute enthält sie zwei Wohnungen; von aussen ist sie kaum noch als Kapelle zu erkennen. Die alte evangelische Kirche Amriswil wurde nach dem Bau der Kirche von 1892 nicht mehr gebraucht. Sie diente lange als Kirchgemeindehaus; die neue Nutzung ist offen. Das Beispiel ist laut Schäfer typisch: «Umnutzungen bleiben selten beständig.»

Am einfachsten wird das Problem gelöst, wenn das Gebäude an einem andern Ort demselben Zweck dient: Die katholische Kirche St.Joseph in Bürglen wurde 1923 in Schlieren gebaut und 1958 von der Kirchgemeinde Bürglen erworben und nach Bürglen versetzt.

Hinweis

Kirchenbau 1869-2019, 150 Jahre Landeskirchen im Kanton Thurgau. Herausgegeben vom Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau. Basel, 2020.

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