ÜBERNACHTUNG: Vom Bauer zum Butler

Köbi Dietrich ist Butler im Null-Stern-Hotel in Gonten. Obwohl er kaum Englisch spricht, freut er sich über den Besuch aus aller Welt.

Laura Widmer
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Köbi Dietrich, bevor er sich mit Hemd, Fliege und weissen Handschuhen für die Arbeit als Butler rüstet. (Bild: Jil Lohse)

Köbi Dietrich, bevor er sich mit Hemd, Fliege und weissen Handschuhen für die Arbeit als Butler rüstet. (Bild: Jil Lohse)

Weit herumgekommen in der Welt ist Köbi Dietrich bislang nicht. Nach Österreich sei er mit der Familie schon verreist, aber nur für ein paar Tage am Stück. «Wir freuen uns alle, wenn wir wieder heimkommen», sagt er. Seit Dietrich als Butler im Null-Stern-Hotel der Brüder Riklin arbeitet, kommt die Welt zu ihm. Von überall her reisen die Gäste ins Appenzellerland: aus Mexiko, Frankreich, USA und sogar Korea.

Zum Job als oberster Butler im Null-Stern-Hotel in Gonten kam Dietrich ganz unverhofft. Beworben hat er sich für die Stelle nicht. «Ich wurde von Frank und Patrik Riklin angefragt, ob ich mir vorstellen könnte, als Butler mitzumachen.» Bei einem Spaziergang im Januar hätten die beiden den Gipfel Göbsi entdeckt und beschlossen, ein Hotelzimmer unter freiem Himmel zu errichten. «Ich habe mir das Angebot eine Viertelstunde durch den Kopf gehen lassen, und dann direkt zugesagt» Natürlich habe er auch noch den Besitzer des gepachteten Landes gefragt. Von Anfang an sei auch seine Frau Ursula hinter dem Projekt gestanden, sagt Dietrich. Sie habe nur gemeint: «Da haben sie ja den Richtigen gefunden.» Auch seine Kinder, der sechsjährige Röbi und die zweijährige Sonja, hätten Freude. «Wenn ich das weisse Arbeitshemd anziehe, kommt Sonja zu mir und will sich auch gleich umziehen.» Beide Kinder tragen ebenfalls weisse Hemden, wenn die Gäste kommen. Die Butleruniform besteht aus Hemd, schwarzer Fliege und weissen Handschuhen. Hose und Schuhe wählt der Bauer selbst. Bei schönem Wetter ist Dietrich barfuss. Obwohl der Gast meinen könnte, mit der Kleiderordnung nehme man es hier oben nicht so genau, ist auch dieser Aspekt des Null-Sterne-Hotels gut durchdacht.

Das Leben am dünnen Faden

Das Null-Stern-Hotel hat von Juni bis August jeden Tag geöffnet. Zuviel wird es Dietrich trotz der vielen Abendschichten nie. «Die Arbeit als Butler ist fast wie Therapie für mich, psychisch und physisch», sagt er. Gesundheitlich ist Dietrich seit einem Unfall vor rund zehn Jahren angeschlagen. Sein Rücken wurde versteift, und auch mit dem Bein hat er manchmal noch Probleme. Bei einer Operation kam es zu Komplikationen, weil die Hauptarterie verletzt wurde. «Nach dem Unfall hing mein Leben an einem dünnen Faden», sagt Dietrich. «Ich konnte knapp ein Jahr lang nichts Richtiges tun.» Das sei schwierig gewesen für ihn. Er hatte die Ausbildung zum Landwirt gemacht und immer körperlich hart gearbeitet. Er habe sich schon gefragt, was er im Leben noch machen solle. «Ich war tief unten», sagt Dietrich. «Zum Glück hatte ich die Unterstützung meiner Frau. Ich weiss nicht, was ich ohne sie gemacht hätte.» Heute führt Ursula den Hof mit den 20 Milchkühen, die im Sommer auf dem Göbsi weiden. Köbi arbeitet bei der SOB in der Mechanikabteilung.

Fremdsprache kein Hindernis

Dietrich bezeichnet sich selbst als weltoffen, er redet gerne mit Menschen. Schwierigkeiten bereitet im manchmal die Sprache: Köbi Dietrich spricht kaum Englisch. Das sei schon schade, sagt er in breitem Appenzeller Dialekt. So erfahre er von Ausländern zwar, woher sie kommen, tiefgründige Gespräche sind aber schwierig. Der Tourismusverband Innerrhoden habe ihm Wörterlisten gegeben, sagt er. Darauf vermerkt sind Alltagsbegriffe wie «Frühstück», «Abendessen», die Uhrzeiten und das Wetter. Mittlerweile komme er mit den paar Brocken Englisch zurecht. «Verständigen kann ich mich immer irgendwie – wenn’s sein muss, mit Handzeichen».

Der seltsamste Besuch bisher seien eindeutig die Koreaner gewesen, sagt Dietrich, «ein Mann und zwei Frauen». Gebucht hatten sie zwei Nächte im Null-Stern-Hotel. Übernachtet hätten sie dort aber nicht. Stattdessen seien sie nur gekommen, um Fotos von sich mit dem Bett zu machen. Dann seien sie gegangen, um in einem Hotel in Österreich zu nächtigen.

Die Familie Dietrich plant, etwas Ähnliches wie das Null-Stern-Hotel auf die Beine zu stellen. Übernachtungen mit Butler-Service wollen sie anbieten, in einem familiären Rahmen bei sich zu Hause in Herisau. «Uns hat’s richtig gepackt», sagt Dietrich.