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ÜBERLASTET: Ostschweizer Kantilehrer wollen mehr Geld

Lange galten sie als die Privilegierten ihrer Berufsgruppe. Nun wollen die Ostschweizer Gymnasiallehrkräfte gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehrern im ganzen Land für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Viele fühlen sich überlastet.
Michael Genova
Immer mehr administrative Zusatzaufgaben warten nach dem Unterricht auf die Gymnasiallehrer. (Bild: Getty)

Immer mehr administrative Zusatzaufgaben warten nach dem Unterricht auf die Gymnasiallehrer. (Bild: Getty)

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch

Ihre Klassen werden immer grösser, die Zeit für die Schüler fehlt, die Löhne stagnieren: Die Unzufriedenheit der Gymnasiallehrer in der Ostschweiz wächst. Die Arbeitsbedingungen hätten sich in den vergangenen Jahren schleichend verschlechtert, sagt Andreas Egli, Vorstandsmitglied des Kantonalen Mittelschullehrerinnen- und Mittelschullehrer-Verbands St. Gallen (KMV). «Wenn sich die Schule so weiterentwickelt, sehen wir schwarz.»

Egli stützt die Einschätzung des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer (VSG), der in der vergangenen Woche Alarm geschlagen hat. Der Verband warnt davor, dass die heutigen Anstellungsbedingungen das hohe Engagement der Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr gewährleisten könnten. Seine Einschätzung untermauert der VSG mit zwei eigenen Studien. Eine Befragung hatte ergeben, dass immer mehr Lehrpersonen an Gymnasien und Fachmittelschulen Teilzeit arbeiten, weil sie eine Vollzeitbeschäftigung als zu belastend empfinden. Die zweite Studie geht davon aus, dass der Lebenslohn der Kantonsschullehrer im Schweizer Durchschnitt seit 1993 um drei bis sechs Prozent gesunken ist.

St. Galler Kantonsschullehrer fordern Lohnerhöhung

Andreas Egli ist seit 14 Jahren Gymnasiallehrer und unterrichtet an der Kantonsschule Wattwil Musik. «Ich will eine Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern aufbauen», sagt er. Das sei in den vergangenen Jahren schwieriger geworden. Die Zeit für das eigentliche «Kerngeschäft» fehle zunehmend. Das hänge auch damit zusammen, dass Lehrpersonen viele Zusatzaufgaben ausserhalb des eigentlichen Unterrichts übernehmen wie beispielsweise das Klassenlehreramt, die Absenzenkontrolle oder die Leitung einer Mediathek. Egli wie auch der VSG sind der Meinung, dass die Gymnasien die Lehrer und Schulleitungen für solche Zusatzaufgaben mehr entlasten sollten.

Dennoch bezeichnet Egli die Stimmung unter den St. Galler Gymnasiallehrpersonen insgesamt als gut. «Die Mehrheit arbeitet gerne.» Was die Lohnentwicklung anbelangt, seien sie allerdings sehr unzufrieden. «Unsere Löhne sind nicht mehr konkurrenzfähig», sagt Egli. So liege etwa der Einstiegslohn im Kanton St. Gallen bei 95543 Franken und befindet sich damit auf Rang 21 der 24 Kantone. Deshalb fordert der KMV nach mehreren Nullrunden auf Anfang 2018 eine generelle Lohnerhöhung von mindestens einem Prozent. Darüber hinaus beharren die Lehrer auf der 200-Millionen-Einlage in die Pensionskasse des Staatspersonals. Im Herbst wird der St. Galler Kantonsrat darüber beraten. «Der Kanton soll sein Versprechen einlösen», fordert Egli.

Bildungsdirektor findet Bedingungen angemessen

Auf den Appell des KMV reagiert der St. Galler Bildungsdirektor Stefan Kölliker betont gelassen. Es gehöre zum Kerngeschäft von Personalverbänden, solche Forderungen zu platzieren. Mittelschullehrpersonen seien kantonale Angestellte. «Es ist somit klar, dass sie nicht anders behandelt werden können als das übrige Staatspersonal.»

Die Arbeitsbedingungen der Gymnasiallehrpersonen im Kanton St. Gallen bezeichnet der Bildungsdirektor als «insgesamt angemessen». Die Erfahrung zeige, dass bei Neuanstellungen nur in seltenen Fällen der Lohn ein Thema sei. «So schlecht kann die Besoldung also nicht sein», sagt er. Beim Einstiegslohn von 95543 Franken handle es sich primär um einen technischen Lohn. Einer überwiegenden Mehrheit der Lehrpersonen könnten bei der Anstellung Erfahrungsjahre aus früheren Tätigkeiten angerechnet werden, sodass der effektive Einstiegslohn höher liege. Ausserdem liege gemäss einer aktuellen Studie aus dem Kanton Bern das Gehalt im Kanton St. Gallen bereits ab dem fünften Dienstjahr über dem Durchschnitt relevanter Vergleichskantone.

Laut Kölliker stellt auch das St. Galler Bildungsdepartement fest, dass viele Gymnasiallehrpersonen häufig kein ­volles Pensum unterrichten. «Wir gehen davon aus, dass dies in vielen Fällen mit der jeweiligen privaten Lebenssituation begründet werden kann.» Unbestritten sei, dass die Arbeitsbelastung im Gymnasiallehrerberuf in den ersten Jahren am grössten ist. «Dass sie generell steigt, können wir so nicht bestätigen.»

Grosser Einschnitt im Thurgau

Auch die Thurgauische Konferenz der Mittelschullehrpersonen (TKMS) unterstützt die Forderungen des VSG. Auf den ersten Blick biete der Kanton Thurgau gute Arbeitsbedingungen für Gymnasiallehrer, sagt Co-Präsident Andreas Schreier. Bei genauerem Hinschauen sehe es allerdings nicht mehr ganz so rosig aus. Die Einführung eines neuen Abrechnungssystems im Jahr 2006 sei ein grosser Einschnitt gewesen. Seither werden Schulwochen vom Lehrerlohn abgezogen, die wegen Maturaprüfungen, Sprachaufenthalten oder aus an­dere Gründen ausfallen. «Dadurch mussten Lehrpersonen auf einen Schlag zehn Prozent mehr arbeiten, um auf denselben Lohn zu kommen.»

Zur Konkurrenzfähigkeit der Lehrerlöhne sagt Schreier: «Ein Vergleich mit anderen Kantonen ist schwierig.» Bislang habe der Kanton Thurgau die Lohnerhöhung nach Dienstjahren regelmässig gewährt. Im Kanton Zürich etwa mussten Lehrer aus Spargründen bereits mehrfach darauf verzichten. «Für uns ist zentral, dass dieser Stufenanstieg auch in Zukunft erhalten bleibt», sagt Schreier. Wie die St. Galler Lehrerkollegen fordert auch Schreier, dass die Leistungen der Pensionskasse nicht weiter reduziert werden.

Zusatzaufgaben gehen zu Lasten des Unterrichts

Die Thurgauer Bildungsdirektorin Monika Knill beurteilt die Arbeitsbedingungen ihrer Mittelschullehrpersonen «insgesamt als gut». Dies zeigten der interkantonale Vergleich sowie die Resultate der Lehrerbefragung 2015. Die Löhne lägen im «guten Mittelfeld». Auch im Thurgau gebe es eine gewisse Tendenz zu mehr Teilzeitpensen. Dies habe aber verschiedene Gründe. Teilzeitpensen kämen insbesondere Mittelschullehrpersonen entgegen, die daneben noch familiäre oder andere Verpflichtungen haben. Sie unterstütze die Bemühungen der Schulleitungen und Schulverwaltungen, die administrativen Zusatzaufgaben so gering wie möglich zu halten, sagt die Regierungsrätin. «Das Kerngeschäft der Lehrpersonen ist der Unterricht.»

Angesichts immer neuer Bildungs­offensiven haben Lehrkräfte jedoch zunehmend Mühe, genügend Zeit für ihre Kernaufgaben zu finden. So sei die zurzeit forcierte Digitalisierung des Unterrichts sehr zeitaufwendig, sagt Clemens Müller, Gymnasiallehrer und St. Galler Stadtparlamentarier. Es reiche nicht, einfach Geld in neue Laptops und Tablets zu investieren. «Die Lehrer brauchen auch Zeit für ihre Weiterbildung», sagt Müller. Zudem vermisse er eine fundierte Debatte darüber, wie die Schulen Informatik sinnvoll in den Unterricht einbinden können.

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