Turnen wie ein Uhrwerk

Im Juli findet in Lausanne die Gymnaestrada statt – die Festspiele des Weltgymnastikverbandes. Dabei ist der Schweizer Abend am 11. Juli einer der Höhepunkte. Mit dabei sind Ringturner aus Wil, Wattwil und Wald. Ein Trainingsbesuch.

Christof Lampart
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Bis zur Gymnaestrada haben die 65 Turnerinnen und Turner noch viel Detailarbeit zu leisten. (Bild: Christof Lampart)

Bis zur Gymnaestrada haben die 65 Turnerinnen und Turner noch viel Detailarbeit zu leisten. (Bild: Christof Lampart)

wil. Es ist Sonntag, und draussen herrscht schönstes Frühlingswetter. Doch das kümmert die 65 Turnerinnen und Turner, welche sich zu diesem Zeitpunkt in der Turnhalle Lindenhof in Wil versammelt haben, herzlich wenig. Sie verfolgen alle seit gut zwei Jahren zielstrebig ein Ziel, und dieses ist nun zum Greifen nahe: die Schweiz würdig an der Gymnaestrada in Lausanne zu vertreten. Das soll an einer riesigen Ringanlage geschehen.

Die Besten der Besten

Sechs «Rahmen» mit zwölf Ringen sind der Länge nach aufgebaut und mit einem eigens dafür entworfenen Halterungssystem aneinander und auf dem Boden fixiert worden. «Wir könnten diese Anlage somit überall aufstellen, solange es sich um einen normalen Hallenboden handelt», erklärt Matthias Sprecher auf der Tribüne. Von dort oben hat man einen hervorragenden Überblick. Matthias Sprecher ist der Hauptleiter der Gruppe Swissrings 2 und als begeisterter Ringturner auch selbst mit von der Partie. «Ich turne schon seit 20 Jahren an den Ringen; für mich gibt es nichts Schöneres», sagt der 30-Jährige aus dem ausserrhodischen Dorf Wald.

Ähnlich denken seine 64 Kolleginnen und Kollegen. Sie alle sind die Besten der Besten und haben sich über ein Vorturnen für die Aufgabe qualifizieren müssen. Die Swissrings 2 setzen sich je zur Hälfte aus Mitgliedern der Kantonalen Gerätegruppe Zürich und aus der Ostschweizer Formation WWW & Friends zusammen – die Abkürzung steht nicht für World Wide Web, sondern für Wald, Wil und Wattwil.

«Wir haben riesigen Spass, aber es braucht schon einiges, bis alles so funktioniert, wie man es sich vorstellt», sagt Sprecher. Zum Beispiel Disziplin. Und diese ist nicht nur bei den Turnübungen, sondern auch beim Abbau des Gerüsts von Nöten. Drei Minuten haben sie maximal, bis die nächste Nummer am Schweizer Abend auf der Bühne stehen wird.

Wettlauf gegen die Zeit

Ein erster Probelauf misslingt. «Wir haben drei Minuten 40 gebraucht, aber bei zwei Minuten und 45 Sekunden müsste alles weg sein», wird den schwitzenden Athleten erklärt. Also noch einmal von vorne. Und noch einmal. Und gleich noch einmal. «Das muss einfach wie am Schnürchen klappen», sagt Sprecher. Selbst das Hinlegen des gigantischen Gestells muss geübt sein: Senkt eine Gruppe ihr Teil zu abrupt ab, könnte es schon sein, dass sich das Gestell verbiegt. Und das darf, das kann nicht sein. Jeder Einzelne hat hier seine Aufgabe, seine fixen Handgriffe. Und bei jedem Durchgang geht jeder noch ein wenig professioneller zu Werke. «Es wird noch zu viel geschwatzt», reklamiert Sprecher. Dabei hatte der Journalist wenige Minuten zuvor für sich noch das weitestgehend stumme und effiziente Abräumen der Turner-Truppe bewundert. So unterschiedlich können individuelle Anforderungen und Wahrnehmungen auf diesem Niveau sein. Was für den Laien ein Höchstmass an Effizienz zu sein scheint, qualifiziert der Drillmeister schlicht als «engagiert, aber trotzdem noch zu wenig».

Endlich an die Ringe

Dann – nach eineinhalb Stunden (!) Gerüsteauf- und -abbaus – ist es endlich so weit: Die Turnerinnen und Turnen dürfen an die Ringe. Geturnt wird ein «noch nie dagewesenes Schaukelring-Programm», das das Wesen einer Schweizer Uhr charakterisieren soll. Davon sieht das Laienauge an diesem Nachmittag allerdings noch nichts. Vieles wird markiert, nicht ausgeturnt – doch ist ersichtlich, dass auf Details wie die Synchronisation der Schwünge geachtet wird. «Das muss auf die Zehntelsekunde stimmen», ruft ein Leiter und der Turner nickt. Schöne, anspruchsvolle Turnerwelt.