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Türöffnerin für Tibeter

Nechung Engeler ist Anlaufstelle für viele Tibeterinnen und Tibeter. Die engagierte Frau war sieben, als sie ins Kinderdorf Pestalozzi kam. Am Samstag gibt es in St. Gallen ein Begegnungsfest – auch als Dankeschön für die Schweizer Hilfe damals.
Regula Weik
Nechung Engeler in ihrem Änderungsatelier in der St. Galler Altstadt. (Bild: Urs Bucher)

Nechung Engeler in ihrem Änderungsatelier in der St. Galler Altstadt. (Bild: Urs Bucher)

St. Gallen. Es klingelt, ein Mann betritt das Atelier. Er legt eine Hose auf den Ladentisch. «Sie ist neu und zu lang. Ich habe eine alte mitgenommen – als Muster.» Er grifft ein zweites Mal in den Rucksack. Ein Stammkunde. Nechung Engeler-Zingshuk begrüsst ihn mit Namen. Sie nimmt das Messband, streicht die alte Hose flach und misst die Länge der Hosenbeine. Sie notiert: 74 cm links, 75 cm rechts. «Sie können die Hose in einer Woche abholen.» Der Kunde grüsst und verlässt den Laden.

Nechung Engeler lädt den Gast in den dahinterliegenden Raum. Nähmaschinen, Fäden, Bänder – das eigentliche Änderungsatelier. Sie führt es seit 19 Jahren. Nechung Engeler ist gelernte Damenschneiderin. Ihr Name verrät: Ihre Wurzeln sind nicht in St. Gallen – in Tibet. Ihre Familie gehört zu den 80 000 Tibetern, die 1959 vor den chinesischen Besatzern aus Tibet nach Indien flüchteten. Nechung war damals drei.

Die älteste Schwester blieb in Tibet, fünf Geschwister waren mit auf der Flucht, vier verloren dabei ihr Leben. «Meine Mutter hat nie viel von der Flucht erzählt. Mein Vater war lange Zeit im Gefängnis, er wurde immer wieder verlegt – und die Mutter reiste ihm mit uns Kindern einfach nach.»

In Nordindien lebte die Familie in Notzeltlagern; die Kinder auf der Strasse. «Meine Eltern waren entwurzelt», sagt Nechung Engeler. «Seine Heiligkeit der 14.

Dalai Lama überzeugte sie, die Kinder in speziellen Auffanglagern in Dharamsala unterzubringen, wo seine Heiligkeit lebt.» So kam Nechung ins Kinder-Auffanglager, ihr älterer Bruder ins Kloster.

Gute Kindheit in Trogen

Das Lager war für sie nicht Endstation. 1964 – sie war damals sieben – kam sie mit fünfzehn weiteren tibetischen Kindern in die Schweiz, ins Kinderdorf Pestalozzi nach Trogen. Was wusste sie von der Schweiz? «Dass es dort Schnee gibt.

» Mehr nicht. «Als Kind», sagt sie, «fokussiert man auf das Neue.» Und so sei sie guten Mutes auf die Reise gegangen.

«Ich hatte eine sehr gute Kindheit – besser als manches Schweizer Kind», schaut Nechung Engeler bis heute dankbar auf die Zeit im Kinderdorf zurück. «Die Hauseltern halfen und unterstützten uns – immer und überall.»

Familie zusammengeführt

Klar ist aber auch: Die Eltern kann niemand ersetzen. Und mit ihnen hatte das Mädchen viele Jahre nur Briefkontakt. Wieder klingelt es an der Ladentür. Nechung Engeler begrüsst einen jungen Mann. Er zieht um – und hätte die Vorhänge der alten Wohnung am liebsten gleich geändert. Die Schneiderin lächelt verständnisvoll. In wenigen Tagen kann der Mann die «neuen» Vorhänge abholen. Sie kehrt zurück ins Atelier und nimmt den Gesprächsfaden wieder auf. Als 17-Jährige sei sie dann nach Indien gereist und habe erstmals ihre Eltern und Verwandten besucht.

«Ich erkannte sie aufgrund der Fotos, die sie mir geschickt hatten», sagt sie. Und: «Wir mussten den Kontakt neu aufbauen.» Auch jenen zur ältesten Schwester, die in Tibet geblieben war. Nechung Engeler – sie hatte nach der Schule eine Lehre als Damenschneiderin in St. Gallen absolviert und hier auch ihren Ehemann kennengelernt – machte das Dorf ihrer Schwester in Tibet ausfindig.

Später trafen sich die drei Geschwister und die Eltern in Indien – erstmals, nach dreissig Jahren Trennung. «Ein einschneidender Moment in meinem Leben.» Und dann: «Diese Entwurzelung, dieses Auseinanderreissen von Familien – das dürfte niemandem passieren.»

Drei Wünsche

Eine junge Tibeterin betritt den Laden und unterhält sich angeregt mit Nechung Engeler. Sie ist zu einer wichtigen Anlaufstelle für ihre Landsleute geworden. «Ich bin fast immer da.

» Sie hilft ihnen bei der Wohnungs- und Jobsuche, sie übersetzt, sie erledigt Telefone mit den Ämtern – und sie rät ihnen: lernt Deutsch. In ihrer Heimat heisse das: jemandem den Weg zeigen. Und ihr Weg? Sie lacht. Sie habe drei Wünsche gehabt: ein eigenes Atelier, eine tibetische Modeschau, ein tibetisches Kochbuch. Alle drei habe sie sich erfüllt. Gibt es nun einen vierten, noch unerfüllten Wunsch? Sie lächelt: «Wer weiss.

» Der Gast tritt auf die Gasse und reicht dem nächsten Kunden die Klinke.

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