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Trotz Attacken: Weshalb Ostschweizer Rettungssanitäter – anders als ihre Zürcher Kollegen – keine schusssicheren Westen und Pfeffersprays wollen

Zürcher Rettungssanitäter schützen sich neu mit schusssicheren Westen vor Angriffen. Auch in der Ostschweiz kommt es zu Attacken – hier setzen die Rettungsdienste vorläufig aber noch auf die Unterstützung durch die Polizei.
Daniel Walt
Erste Hilfe vor Ort: Rettungssanitäter rücken immer öfter aus – teils werden sie im Einsatz zur Zielscheibe von Angriffen. (Symbolbild: Archiv/Ralph Ribi)

Erste Hilfe vor Ort: Rettungssanitäter rücken immer öfter aus – teils werden sie im Einsatz zur Zielscheibe von Angriffen. (Symbolbild: Archiv/Ralph Ribi)

«Natürlich gehen solche Meldungen nicht spurlos an mir vorbei.» Das sagt Günter Bildstein, Leiter Rettung St.Gallen, zur Nachricht, dass Schutz und Rettung Zürich ihre Mitarbeitenden neu konsequent mit schusssicheren Westen ausstattet. Wie es aus der Limmatstadt heisst, hat sich die Sicherheitslage in den letzten Jahren wesentlich verändert – immer wieder kam es zu Angriffen auf Sanitäter. Drei Viertel von ihnen tragen schon seit längerem Pfeffersprays auf sich. Und nun liegt in den Stadtzürcher Ambulanzen schon bald für jede Sanitäterin und jeden Sanitäter eine schusssichere Weste bereit, die angezogen werden kann, wenn Gefahr im Verzug ist.

Auch bei der Rettung St.Gallen wird immer wieder geprüft, ob Pfeffersprays oder schusssichere Westen angeschafft werden müssen. Tünger Bildstein:

«Die Situation bei uns präsentiert sich glücklicherweise aber anders als in der Stadt Zürich.»

Und er wartet mit Zahlen auf: Rund 17'000 Rettungseinsätze werden im Kanton pro Jahr geleistet. In rund 30 Fällen kommt es zu Aggressionen gegenüber den Sanitätern. Wiederum 90 Prozent davon sind verbaler Natur. «Selbst bei Annahme einer Dunkelziffer kommt es somit in weniger als einem Prozent der Einsätze zu Problemen», sagt Bildstein.

Anstatt Pfeffersprays oder Spezialwesten anzuschaffen, rufen die St.Galler Sanitäter bei Bedarf die Polizei oder ziehen sich schlimmstenfalls aus dem Einsatzgebiet zurück.

Günter Bildstein, Leiter Rettung St.Gallen. (Bild: pd)

Günter Bildstein, Leiter Rettung St.Gallen. (Bild: pd)

Schläge, Tritte, Bisse

Wenn Sanitäter im Kanton St.Gallen zu Opfern von körperlichen Aggressionen werden, sind es meistens Schläge, Bisse oder Tritte, die sie einstecken müssen. «Typischerweise ereignen sich solche Situationen in den frühen Morgenstunden – entweder bei einem Einsatz im Umfeld von Discos oder sonstwo im öffentlichen Raum», sagt Günter Bildstein. Teils ist übermässiger Alkohol- beziehungsweise Drogenkonsum für Übergriffe auf Sanitäter verantwortlich. «Oftmals befinden sich die entsprechenden Personen aber auch in einem psychischen Ausnahmezustand», weiss der Chef der Rettung St.Gallen.

Patienten oder Umstehende als Aggressoren

Christian Hollenstein ist Standortleiter Rettungsdienst für die Region Frauenfeld/Weinfelden/Sirnach. Er sagt:

«Pöbeleien und Gewalt gegen Rettungssanitäter sind nicht nur in der Stadt Zürich, sondern auch im Thurgau ein Thema.»

Er erwähnt grössere Feste oder beispielsweise die Fasnacht als typische Anlässe, bei denen es zu Übergriffen auf Einsatzkräfte kommen kann. Oftmals geschehe das in Verbindung mit übermässigem Alkoholkonsum. Die Aggressionen können dabei sowohl von jenen ausgehen, welche eigentlich verarztet werden müssten, als auch von umstehenden Personen.

Christian Hollenstein, Standortleiter Rettungsdienst im Kanton Thurgau. (Bild: pd)

Christian Hollenstein, Standortleiter Rettungsdienst im Kanton Thurgau. (Bild: pd)

«Trotzdem haben wir noch nie erwogen, schusssichere Westen anzuschaffen», sagt Christian Hollenstein. Und auch Pfeffersprays seien im Thurgau nicht im Einsatz. Darin müsse man sehr geübt sein – man setze eher auf Rückzug, anstatt Pfefferspray einzusetzen. «Die Dimensionen bei uns sind anders als in einer Grossstadt wie Zürich», begründet Hollenstein. Es komme zwar auch im Thurgau zu mehr Vorfällen, bei denen Aggressionen im Spiel seien – aber nicht überproportional zum generellen Anstieg der Rettungseinsätze in den vergangenen Jahren. Anstatt schusssicherer Westen oder Pfeffersprays setzen auch die Thurgauer Rettungssanitäter notfalls auf die Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei.

Gut geschulte Sanitäter

Dasselbe Bild präsentiert sich im Kanton Appenzell Ausserrhoden. «Die Situation in unserem Einsatzgebiet lässt sich betreffend Gewalt und Pöbeleien glücklicherweise nicht mit dem Zustand in der Stadt Zürich vergleichen», sagt Alain Kohler, Leiter Marketing und Kommunikation beim Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden. Im Umgang mit renitenten Patienten seien die Rettungssanitäter gut geschult und setzten auf Deeskalation. Körperliche Gewalt gegen Sanitäter ist im Kanton bei rund 3000 Einsätzen pro Jahr eine Ausnahme.

Alain Kohler, Leiter Marketing und Kommunikation Ausserrhoder Spitalverbund. (Bild: pd)

Alain Kohler, Leiter Marketing und Kommunikation Ausserrhoder Spitalverbund. (Bild: pd)

Weder schusssichere Westen noch Pfeffersprays sind für den Ausserrhoder Spitalverbund dementsprechend ein Thema. Laut Alain Kohler würden aber Massnahmen ergriffen, sofern sich Vorkommnisse mit Gewalt und Pöbeleien häufen.

Wenn einer wegen 37,8 Grad Fieber die Ambulanz ruft

Ein Mann lässt die Ambulanz kommen, weil er 37,8 Grad Fieber hat. Was wie ein Witz tönt, hat sich vor wenigen Tagen tatsächlich ereignet. Auch diese Schlagzeile stammte aus der Stadt Zürich. Günter Bildstein von der Rettung St.Gallen ordnet ein: «Ruft jemand die 144 an, wird zunächst beurteilt, ob der Rettungsdienst überhaupt ausrücken muss. Der Mann muss somit Aussagen gemacht haben, die darauf hindeuteten, dass ein Rettungseinsatz nötig war.»

Auch in der Ostschweiz kommt es vor, dass der Rettungswagen im Nachhinein betrachtet nicht hätte ausrücken müssen. «Der Klassiker ist eine auf einer Bank liegende Person, die uns als bewusstlos gemeldet wird, aber nur schläft», sagt Günter Bildstein. Da sei man als Rettungsdienst einfach verpflichtet vorbeizugehen – vor allem wenn die Person, die Alarm schlage, erste Vor-Ort-Abklärungen nicht selbst vornehmen wollen. Genauso verhält es sich, wenn ältere Menschen daheim stürzen und von ihren Angehörigen nicht mehr vom Boden hochgehoben werden können. «Da muss jemand helfen – und manchmal sind es dann halt wir», sagt Bildstein.

Christian Hollenstein, Standortleiter Rettungsdienst Frauenfeld/Weinfelden/Sirnach, pflichtet seinem St.Galler Kollegen bei: «Es kann vorkommen, dass jemand seit Wochen unter Atemnot leidet – und nachts um 3 will er dann plötzlich mit dem Rettungswagen ins Spital.» Natürlich könne man rückblickend sagen, der Transfer wäre auch ein paar Stunden später auf anderem Weg möglich gewesen. Bei den 9542 Einsätzen, die im Thurgau im vergangenen Jahr gefahren wurden, trafen die Sanitäter in 320 Fällen Personen an, die bloss leicht erkrankt oder leicht verletzt waren. «Damit müssen wir leben», so Hollenstein, laut dem der Rettungswagen lieber einmal zu viel als einmal zu wenig gerufen werden soll.

Alain Kohler vom Ausserrhoder Spitalverbund ergänzt, bei allen Einsätzen stünden der Patient und dessen subjektives Leidensempfinden im Mittelpunkt. «Sollte sich nach einer genauen Untersuchung des Patienten herausstellen, dass er keinen Rettungsdienst braucht, so werden ihm anderweitige Optionen, so beispielsweise der Besuch des Hausarztes, vorgeschlagen.» (dwa)

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