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Trockenheit war in der Ostschweiz ein Jahrhundertereignis

Im Sommer war die Trockenheit in aller Munde, doch sie dauert unbemerkt an. Im November erreichten die Niederschläge
in der Ostschweiz neue Tiefstwerte. Meteo Schweiz spricht von einem Jahrhundertereignis für die Region.
Kaspar Enz
Auch im Herbst blieb der Regen aus. (Gian Ehrenzeller/Keystone, Arbon, 22.10.2018)

Auch im Herbst blieb der Regen aus. (Gian Ehrenzeller/Keystone, Arbon, 22.10.2018)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

«Die Christbäume vertragen das gut», sagt Rolf Angehrn. «Die haben das sogar gern.» Zumindest die Nordmanntannen, die rund 80 Prozent seiner Pflanzung ausmachen. «Sie ist ein Tiefwurzler, sie holt das Wasser von weit unten.» Aber das gilt nicht für alle Tannen. Gerade einheimischen Arten geht beim trockenen Klima schnell das Wasser aus. «Fichten haben flachere Wurzeln», sagt Angehrn.

Auch die Tännchen, die er diesen Frühling frisch setzte, hatten es nicht leicht. «Da gab es Ausfälle.» Fünf bis sechs Jahre wächst ein Weihnachtsbaum heran. «Das heisst aber nicht, dass es deswegen in fünf Jahren zu wenig Christbäume hat.» Zumindest nicht, wenn nächstes Jahr genug Regen fällt.

Nur 59 Prozent des Regens

Schweizweit lagen die Niederschläge seit April 31 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt, heisst es bei Meteo Schweiz. Nur zwei Jahre waren seit Messbeginn 1864 trockener. Besonders trocken war es dieses Jahr in der Ostschweiz. 59 Prozent des üblichen Regens fielen hier. Hier habe sich die Regenarmut zu einem Jahrhundertereignis entwickelt, schreibt Meteoschweiz in seinem Jahresbulletin, das nächste Woche erscheint. Dabei waren nicht nur die Sommermonate regenarm.

Nachdem der Januar in der Ostschweiz noch sehr feucht war, erreichten die Niederschläge einen ersten Tiefpunkt im April: Neun Prozent der üblichen Werte mass Meteoschweiz in Steckborn, zehn Prozent in Kirchberg, nur an wenig Messstationen verzeichnete man mehr als einen Viertel der üblichen Regenmengen. Im November erreichten noch mehr Messstationen Tiefstwerte unter zehn Prozent des Durchschnitts: Ebnat-Kappel und Elm, Obstalden, Sevelen und Weesen.

Thurgau hofft auf Westwindwetter

Trotz dieses trockenen Herbstes hob der Thurgau letzte Woche das Wasserentnahmeverbot auf. Das vergangene Wochenende brachte einige Regengüsse. Der Bodensee hat wieder mehr Wasser. Der Grundwasserspiegel hat sich etwas erhöht. Einige fast versiegte Bäche sind wieder gefüllt, wenn auch noch lange nicht voll.

Aber «wir haben Westwindwetter», sagt Marco Baumann, Leiter Wasserbau beim Thurgauer Amt für Umwelt. Das bringt Hoffnung auf feuchtes Wetter. Doch es fehlt der Regen von drei Monaten. «Die Böden sind trocken. Manche Quellen, die auf Niederschlag angewiesen sind, versiegt.»

Zu trocken für Gras

Das hat in den letzten Monaten auch die Landwirtschaft gespürt. Auf vielen Alpen und abgelegenen Höfen fehlte das Wasser, weil die Quellen versiegten. Zu trocken war es aber nicht nur dort. Die Ostschweizer Landwirtschaft ist vor allem Viehwirtschaft, Gras für das Vieh die wichtigste Pflanze. Doch das Gras braucht Niederschläge und Wasser nahe der Oberfläche.

So blieben die Futtererträge weit hinter den Erwartungen zurück. «Viele Landwirte mussten Silage einkaufen und Vieh verkaufen», sagt Roger Peterer, Leiter des St.Galler Landwirtschaftsamtes. Die Preise für Vieh und Rindfleisch brachen ein. «Es kam auch zu Überreaktionen.»

Drei Tonnen tote Fische

Einbussen gab es auch bei der Fischerei. Zuletzt gab in Frümsen eine Forellenzucht auf. Die Quelle, die sie spies, war versiegt. Weiter rheinabwärts ereignete sich schon im Sommer eine Katastrophe. «Wir mussten drei Tonnen Fisch entsorgen», sagt Mirco Müller, Fischereiaufseher für die Region Untersee und Rhein. Die genauen Auswirkungen der Trockenheit soll ein Bericht im Frühling darlegen. Noch bis nächsten Herbst ist das Fischen von Äschen und Forellen verboten.

Den Fischen fehlt in trockenen Jahren aber nicht nur das Wasser. Wird es warm, gedeihen Pflanzen. «Doch warmes Wasser hat weniger Sauerstoff», sagt Marco Baumann. Den Fischen geht die Luft aus, «sie sind gestresst und so anfällig für Krankheiten.»

Turbinen standen still

Nicht nur Kühen und Fischen fehlte Wasser, auch den Kraftwerken. Im letzten Quartal dieses Jahres produzierten die Wasserkraftwerke der St.Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke (SAK) nur halb so viel Strom wie üblich. Im Sommer standen gar einige Kraftwerke still. Die SAK produzierten nur einen Viertel des üblichen Stroms aus Wasserkraft. «Lediglich im Jahrhundertsommer 2003 war die Produktion tiefer», sagt SAK-Sprecher Roman Griesser.

Auf die zwölf Monate von Oktober 2017 bis im September dieses Jahres blieb der Rückstand trotzdem bescheiden, bei nur elf Prozent auf die normalen Werte. «Die starke Schneeschmelze im Frühjahr lieferte gute Bedingungen für Stromproduktion», sagt Griesser.

Sonne tut Wein und Obst gut

Die Trockenheit gab auch zu positiven Meldungen Anlass. «Im Pflanzenschutz mussten die Landwirte weniger Mittel einsetzen», sagt Andreas Widmer, Geschäftsführer des St.Galler Bauernverbandes. Gerade Pilzkrankheiten gedeihen eher bei feuchtem Wetter. Obst und Wein gedeihen dank der Sonne aber gut. Und wenn auch bei manchen Kulturen die Ernte kleiner war als sonst, «sie war von guter Qualität», sagt Widmer.

«Es gab in den letzten Tagen 80 bis 120 Millimeter Niederschlag», sagt Andreas Widmer. Das habe die Situation etwas entschärft. «Aber wir müssen noch 300 bis 400 Millimeter haben. Wird es aber zu kalt, fällt er als Schnee. Dann nützt es wenig.»

Wird das nächste Jahr ähnlich trocken, die Hitze gar zum Normalfall, hat das schwerwiegendere Auswirkungen. Getreideanbau sei weniger das Problem. «Getreide ist in vielen trockenen Gebieten die Hauptpflanze.» Ob die Obstbäume dann noch ans Wasser gelangen, sei fraglich. Aber am meisten gefährdet seien die Naturwiesen. Grosse Ertragsausfälle wären die Folge.

Neue Bäume in Bergwäldern

Auch der Wald könnte sich verändern. Trockene Jahre bedeuten gerade für Buchen Stress, sagt Roger Peterer. Föhren, die tiefere Wurzeln haben, könnten sie auf Dauer ersetzen. «Das sind langsame Prozesse», sagt er. Gerade Kalkstein und Karst speichern Wasser schlecht – Böden, wie sie in Teilen des Alpsteins, im Toggenburg oder den Buchser Alpen vorkommen. Hier wird auch die Landwirtschaft schwieriger, wenn die Sommer trockener werden. «Es braucht neue Quellen und Reservoirs. Man kann das Wasser nicht jedes Jahr mit dem Heli auf die Alp bringen.»

Immerhin, den Menschen dürfte das Wasser so schnell nicht ausgehen – zumindest wenn ihre Wasserversorgung eine Röhre zum Bodensee hat. «Das, was alle Wasserversorgungen in einem Tag aus dem Bodensee herausnehmen, fliesst in einer halben Stunde in den See hinein», beruhigt Marco Baumann.

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