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TRANSPLANTATION: Sie hat ihm ein Organ geschenkt

Werner Baselgias Nierenfunktion war immer schlechter geworden, dreimal die Woche musste er zur Dialyse. Heute kann der St. Galler mit seiner Frau Anita wieder Velotouren machen – weil er eine ihrer Nieren in sich trägt.
Katharina Brenner
Anita und Werner Baselgia in ihrer Wohnung im Westen der Stadt St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Anita und Werner Baselgia in ihrer Wohnung im Westen der Stadt St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

«2016 war ein schlechtes Jahr», sagt Werner Baselgia. «Das stimmt nicht ganz», ergänzt seine Frau Anita. «Es hat schlecht angefangen, aber gut aufgehört.» Zu Beginn des Jahres hatte sich Werner Baselgias Gesundheitszustand nach und nach verschlechtert. Er wusste seit Langem, dass seine Niere mit Zysten befallen ist. Und lange lebte er gut damit. Doch die Nierenfunktion nahm stetig ab, sie lag zuletzt bei 15 Prozent. Als Entzündungen hinzukamen, musste eine Niere operativ entfernt werden. Weil die andere seinen Körper nicht mehr entgiften konnte, musste Werner Baselgia ab dem Frühjahr 2016 zur Dialyse ans Kantonsspital St. Gallen: Blutwäsche, immer montags, mittwochs und freitags für je fünf Stunden. «Wir waren plötzlich sehr eingeschränkt. Dabei sind wir so gerne unterwegs. Aber an Velotouren war nicht mehr zu denken», sagt der 65-Jährige. Eine Skulptur aus Bodensee-Schwemmholz ist eine Erinnerung an diese Ausflüge. In der Stube des Ehepaars im Westen der Stadt St. Gallen steht auch eine alte mechanische Nähmaschine der Marke Phoenix. Wie der Phönix aus der Asche – ein Bild, das zu Werner Baselgia passt.

Als sich sein Zustand im Frühling 2016 verschlechterte, gab es zwei Optionen: ein Leben lang Dialyse oder ein Leben mit Spenderniere. In einem Kurs am Kantonsspital St. Gallen wurden dem Paar die Verfahren aufgezeigt. Im Sommer dann die Frage eines Nephrologen: Könnte sich Anita Baselgia vorstellen, ihrem Mann eine Niere zu spenden? Bei einer gesunden Person ist dies bereits zu Lebzeiten möglich. «Für mich war das eine Selbstverständlichkeit», sagt die 60-Jährige. «Für dich, ja, für mich nicht», sagt ihr Mann. In seiner Stimme liegen Dankbarkeit und Demut. Ihr Umfeld habe positiv auf die Entscheidung reagiert, auch die beiden erwachsenen Kinder. Doch der Wille allein reicht für eine Lebendspende nicht aus. Unter ­anderem müssen die Blutgruppen von Spender und Empfänger verträglich sein.

Gemäss dem Schweizer Lebendspender-Gesundheitsregister kommt ein Grossteil der Spenden aus dem engen Familienkreis. In 34 Prozent der Fälle handelt es sich um den Partner, gefolgt von Eltern und Geschwistern. Es gibt auch Fälle, in denen der Spender den Empfänger nicht kennt; sie machen knapp zwei Prozent der Lebendspenden aus. «Im letzten Jahr haben wir am Kantonsspital St. Gallen keine altruistische, nicht gerichtete Lebend-Nierenspende durchgeführt, jedoch stellen sich immer wieder interessierte Leute bei uns vor», sagt Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals St. Gallen.

Operation verlief ohne Komplikationen

«Für mich war klar, dass es passen würde», sagt Anita Baselgia. «Ich war weniger optimistisch», sagt Werner Baselgia. Ihr Gefühl sollte sie nicht täuschen – sie war für eine Spende geeignet. Das Kantonsspital stellte dem Paar den 3. und den 23. November 2016 zur Auswahl. «Auf einmal ging alles schnell. Mein Bauchgefühl hat auf den 23. gesetzt», sagt Anita Baseliga. Es sollte sie auch dieses Mal nicht täuschen – die Operation verlief ohne Komplikationen. Phi­lipp Lutz nennt das Ehepaar Baselgia ein typisches Beispiel. Schwere Komplikationen seien bei Transplantationen sehr selten. Die Operationen seien extrem standardisiert, die Verläufe danach werden genau überwacht. Bei einer Lebend-Nierenspende könne man alles auf den Punkt planen, ein erheblicher Vorteil ­ im Vergleich zur Verstorbenen-Nieren­spende, die immer als Notfalleingriff zu sehen sei. In St. Gallen wurden vergangenes Jahr 30 Nieren verpflanzt (siehe Kasten). Die Warteliste für Transplantationen wird von Swisstransplant im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit geführt. Und sie ist lang. Ende 2017 warteten 1124 Personen in der Schweiz auf eine Niere; bei ihnen sind alle anderen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft. Zwar steigt die Zahl der Spender seit 2011, trotzdem starben vergangenes Jahr 26 Personen, weil nicht rechtzeitig eine Spenderniere verfügbar war.

Um mehr Personen für eine Organspende zu gewinnen, will die Volksinitiative «Organspende fördern – Leben ­retten» die vermutete Zustimmung bei Verstorbenenspenden einführen. Das bedeutet: Wer sich nicht ausdrücklich gegen eine Organspende ausgesprochen hat, gilt nach dem Tod als Spender (Ausgabe vom 22. Februar). Der Ticker auf der Homepage von Swisstransplant hat von Mitte Oktober bis jetzt über 14000 Unterschriften gezählt. Anita und Werner Baselgia unterstützen die Initiative. «Es ist besser, sich schon vor dem Ernstfall mit einer Spende auseinanderzusetzen», sagt er. «Organspenden würden viel selbstverständlicher», sagt sie.

In getrennten Räumen aufgewacht

Als Anita Baselgia nach der Transplantation aufwachte – mit einer Niere weniger –, war ihr Mann nicht bei ihr. Als er aufwachte – mit einer neuen Niere –, war seine Frau nicht bei ihm. «Das war schade, aber wir verstehen den Grund.» Die örtliche Trennung von Spender und Empfänger habe unter anderem zum Zweck, dass keiner der beiden sich im «Schatten des anderen» sehe, jederzeit die volle Aufmerksamkeit des Behandlungsteams geniesse und dies auch so empfinde, sagt Philipp Lutz. Während der Empfänger die ersten 24 bis 48 Stunden nach dem Eingriff auf der Intensivstation sei, könne der Spender nach einem kurzen Aufenthalt im Aufwachraum auf sein Zimmer verlegt werden.

Am Abend nach der Transplantation durften Anita und Werner Baselgia telefonieren. Worüber sie genau gesprochen haben, bleibt privat, aber es ist ihnen anzumerken, dass ihnen dieses Gespräch viel bedeutet hat. Am Tag darauf sahen sie sich wieder. «Ich war sehr erleichtert. Die Niere hat von Anfang an funktioniert», sagt Werner Baselgia.

In der ersten Zeit nach der Operation musste er zweimal die Woche zur Nachkontrolle, dann einmal die Woche, inzwischen nur noch alle drei Monate. Jeden Tag, für den Rest seines Lebens, muss Werner Baselgia Immunsuppressiva nehmen, Medikamente, die dafür sorgen, dass sein Körper das fremde Organ nicht abstösst. Eine Tablette täglich und viermal jährlich ein Arztbesuch – das war’s. Abgesehen davon führt der 65-Jährige ein Leben ohne Einschränkungen. Er ist gesund, kann verreisen, essen, was er möchte. Auch Velotouren kann das Paar wieder machen. «Es geht mir tipptopp. Es ist eine ganz neue ­Lebensqualität», sagt Werner Baselgia. Und auch Anita Baselgia geht es gut. Ihr fehlt eine Niere, sonst nichts.

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