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TRANS: Geboren im falschen Körper: Wenn der Bub ein Mädchen ist

Es ist nicht nur ein Leben im falschen Körper, es ist ein Leben in der falschen Identität: Transidente Menschen lehnen ihr biologisches Geschlecht ab. Auch Kinder und Jugendliche leiden darunter. Immer mehr suchen in Fachstellen Hilfe.
Julia Nehmiz
Mädchen oder Junge? Rosa oder blau? Ballett oder Bagger? Auch manche Kinder fühlen: Sie leben im falschen Körper. (Bild: Getty)

Mädchen oder Junge? Rosa oder blau? Ballett oder Bagger? Auch manche Kinder fühlen: Sie leben im falschen Körper. (Bild: Getty)

Das ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Da war der Ostschweizer Primarschüler, nennen wir ihn Paul, der kein Bub sein wollte. Er wusste einfach, er ist ein Mädchen – trotz Penis. Paul kleidete sich schon früh wie ein Mädchen, interessierte sich für Mädchenthemen, bewegte sich wie ein Mädchen. Und vor allem: Er wollte endlich offiziell ein Mädchen sein. Auch in der Schule. Nicht mehr Paul, sondern Paula. Nicht mehr ein falsches Leben führen, sondern eines, das sich richtig anfühlt. Nicht mehr versteckt und heimlich, sondern offen und akzeptiert. Wo Paula im Zeugnis steht und auf dem Namensschild. Paula wurde bereits von einer Kinderpsychotherapeutin begleitet, als die Primarschule den Schulpsychologischen Dienst des Kantons St. Gallen um Hilfe bat.

«Für uns ging es in diesem Fall darum, in Zusammenarbeit mit dem Kind, den Eltern, den Lehrern und der Psychotherapeutin zu klären, wie das Coming-out vonstatten gehen kann, damit das Kind offiziell ein Mädchen sein kann», sagt Ralph Wettach, Direktor des Schulpsychologischen Diensts. Auch wenn die Medienberichte über transidente Kinder und Jugendliche zunehmen, werden er und seine Mitarbeiter nur bei wenigen Fällen kontaktiert. «Das heisst aber nicht, dass es nur diese Fälle gibt», sagt Wettach. Denn: Sie würden sicher nicht bei jedem transidenten Kind gerufen.

Im Fall von Paula ging alles gut. Die Eltern der anderen Kinder wurden informiert, mit Brief und an einem Elternabend. Um vorzubeugen, dass Paula von den anderen stigmatisiert oder diskriminiert wird, gab es eine Intervention in Paulas Klasse. Und in einem Ritual wurde der Name offiziell in Paula geändert, die Schulsachen wurden mit dem neuen Namen angeschrieben. «Für die anderen Kinder war es keine grosse Sache, sie akzeptierten den Namenswechsel pro­blemlos», sagt Wettach. Auch die Lehrer waren mit grosser Offenheit dabei, um dem Kind den Wunsch zu ermöglichen.

Trotzdem war die Begleitung gut und wichtig, sagt Wettach: Um Fragen von Eltern oder Kindern schulpsychologisch auffangen zu können. Fragen wie: Auf welche Toilette darf Paula gehen? Wo soll sie sich zum Turnunterricht umziehen? Wie ist es im Schulschwimmen? «Da muss man die Anliegen sowohl von Paula als auch der Schüler und Eltern ernst nehmen», sagt Wettach. Eine allgemeingültige Lösung gebe es nicht, man müsse von Fall zu Fall schauen.

So glatt wie in Paulas Fall läuft es nicht immer. Die Psychologin und Sozialpädagogin Myshelle Baeriswyl leitet die Fachstelle für Aids- und Sexualfragen in St. Gallen und hat schon viele Eltern und Jugendliche beraten. Dieses Jahr suchten drei Elternpaare transidenter Kinder bei ihr um Rat. Es gibt in der Schweiz nicht viele Stellen, an die sich Transmenschen wenden können – die St. Galler Fachstelle wird vom Verein Transgender Networks Schweiz als einzige in der Ostschweiz genannt. Baeriswyl führt Beratungsgespräche, begleitet in Schulen und vermittelt, je nach Bedürfnis, weiter. Auch nach Zürich. Dort bietet Dagmar Pauli, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, eine «Sprechstunde Geschlechtsidentität» an, für Kinder und Jugendliche – und ihre Eltern.

«Kein Kind sucht sich Transidentität aus»

Dagmar Pauli startete das Angebot 2009, und seither haben sich die Zahlen ihrer Patienten vervielfacht. Von anfangs ein bis zwei Anmeldungen alle zwei Monate hin zu fünf bis acht Anmeldungen pro Monat. Pauli mag nicht von einer Zunahme der Transidentität sprechen: «Es hat sich einfach herumgesprochen, dass wir dieses Angebot haben», sagt sie. Ihre Sprechstunde für transidente Kinder und Jugendliche war lange die einzige in der Schweiz. Und mit jedem Medienbericht melden sich mehr bei ihr, nicht nur aus Zürich, auch aus dem Tessin, dem Wallis, aus Graubünden, Luzern, Appenzell. Obwohl mittlerweile Sprechstunden in Bern und Basel angeboten werden und auch andere wie das Ostschweizer Kinderspital in St. Gallen sich transidenter Kinder annehmen, sei der Ansturm in Zürich fast nicht mehr zu bewältigen.

Trotz aller Medienpräsenz ist Transidentität immer noch tabuisiert und mit vielen Vorurteilen und Schamgefühlen behaftet. Mütter, die sich verzweifelt fragen, ob sie etwas falsch gemacht haben in der Erziehung oder in der Schwangerschaft. Verwandte, die das transidente Kind ablehnen. Besserwisser, die behaupten, Transidentität sei eine Modeerscheinung so wie Veganismus. «Das ist alles schlicht falsch», sagt Pauli. Kein Kind suche sich Transidentität aus. Wer transident sei, wurde nicht einfach falsch erzogen. Die Ursachen von Transidentität seien jedoch noch nicht ausreichend erforscht. «Es braucht noch viel Aufklärungsarbeit», sagt Pauli, die bereits an die hundert Kinder, Jugendliche und ihre Familien beraten hat.

Mit der Pubertät steigt der Leidensdruck massiv

Es sind deutlich mehr Jugendliche als Kinder, die ihre Sprechstunde aufsuchen. Viele Jugendliche sagen ihr dann, sie hätten schon lange gewusst, dass sie transident seien – sie konnten sich ihren Eltern aber erst jetzt anvertrauen. Denn mit Einsetzen der Pubertät steigt der Leidensdruck massiv. Und selbst dann ist es für manche Eltern schwer, den Weg ihres Kindes zu akzeptieren. Je nach kulturellem oder religiösem Hintergrund können Eltern eine Transidentität kaum verkraften. Manche Familien müssen einen langen Weg zurücklegen, bis sie die Transidentität ihres Kindes annehmen können. Zum Glück sei ein solcher Prozess in den meisten Fällen möglich: «Kinder, die ihre Transidentität leben dürfen, leiden deutlich weniger.»

Trans - was ist das?

Wie viele Menschen betroffen sind, ist nicht bekannt. Die Angaben schwanken. Laut Verbänden sind 0,1 bis 1 Prozent der Bevölkerung trans*. Das kleine Wörtchen mit dem Stern steht für Menschen mit einer Transidentität. Trans* ist der Oberbegriff für Menschen, die sich nicht mit ihrem Geburtsgeschlecht identifizieren. Ein Kind, welches bei der Geburt aufgrund der männlichen Körpermerkmale als Bub erkannt wurde, später aber eine weibliche Geschlechtsidentität entwickelt, wird Transmädchen genannt. Ein Transjunge ist ein Kind, das als Bub lebt und fühlt, trotz weiblichem Körper. Als intersexuell hingegen werden Menschen bezeichnet, die genetisch oder anatomisch nicht klar dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugeteilt werden können.

In der Sprechstunde Geschlechtsidentität an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich erkundet Dagmar Pauli im Gespräch mit Eltern und Kind den Leidensdruck und klärt ab, ob tatsächlich eine Transidentität und nicht ein anderes Problem vorliegt. Gemeinsam mit den Jugendlichen und der Familie wird entschieden, ob nach dem ersten Einsetzen der Pubertät Hormonblocker verschrieben werden, um die Pubertät aufzuhalten. So wird vermieden, dass Stimmbruch, Bartwuchs, Brustwachstum oder Menstruation einsetzen oder fortschreiten. Somit wird Zeit gewonnen bis zur definitiven Entscheidung. Ein grosser Vorteil, da die transidenten Jugendlichen später unter Umständen unter dem Stimmbruch sehr leiden, sagt Pauli. Viele Jugendliche, aber nicht alle, die eine Hormonblockade erhalten, wünschen später, mit geschlechtsangleichenden Hormonen behandelt zu werden. Transfrauen wird Östrogen verabreicht, Transmännern Testosteron. (miz)

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