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Trachten, Volksmusik, Talerschwingen, Kunsthandwerk: Wie sich die Schweizer Volkskultur als Ehrengast an der Olma präsentieren will

Der Zürcher Eventmanager Johannes Schmid-Kunz will die «Schweizer Volkskultur» an der 77. Olma sichtbar machen. Volkskultur sei wie ein Buch, das nicht abgeschlossen sei, sagt er.
Christoph Zweili
Stobete im Gasthaus Bollenwees am Fälensee bei Brülisau. (Bild: Benjamin Manser)

Stobete im Gasthaus Bollenwees am Fälensee bei Brülisau. (Bild: Benjamin Manser)

Unter dem Tonmaterial von 1730 bis 2012, den Instrumenten aller Art, den Bild- und Tondokumenten, Stammdaten von Musikanten und Formationen, Tausenden von Büchern und Publikationen im Roothuus Gonten findet sich vielleicht auch ein Hinweis auf einen kleinen achtjährigen Buben. Für ihn war die Geige der Einstieg in die Welt der Musik. Der Appenzeller Musik blieb er zeit seines Lebens treu. Gesichert ist, dass Johannes Schmid-Kunz als Reiseorganisator mit der Leiterin des Zentrums für Appenzeller und Toggenburger Volksmusik gemeinsam nach Südamerika gereist ist. Das erklärt, warum der «Tausendsassa der Schweizer Volkskulturszene» wie er ab und an genannt wird, das Konzept des Olma-Ehrengastes im stattlichen Gebäude mit dem roten Anstrich von 1762/65 im Dorfkern von Gonten erklärte.

Johannes Schmid-Kunz.

Johannes Schmid-Kunz.

Schmid-Kunz hat in Zürich Geschichte, Publizistik und Musikwissenschaften studiert. Heute arbeitet er als selbstständiger Kulturmanager, der immer wieder auch für Grossanlässe tätig ist – als Verantwortlicher für Volksmusik und Volkstanz an der Expo 02 oder als Projektleiter des Musikfestivals «Stubete am See» in Zürich.

Die schwierige Suche nach dem «Gastkanton»

Die Kantonstage an der Fête des Vignerons haben die Suche nach einem Olma-Gastkanton im laufenden Jahr schwierig gemacht, ja verunmöglicht. Auch Schmid-Kunz (der auf dem Doppelnamen besteht!) wollte sich erst nicht auf die grösste Schweizer Publikumsmesse einlassen: «Ich war als Geschäftsführer der Schweizerischen Trachtenvereinigung schon Projektleiter für das Konzept des Ehrengastes am Marché-Concours, der Pferdeschau im Jura.» Dann aber habe er realisiert, was die Olma-Plattform für die IG Volkskultur bedeuten könnte – und umgekehrt.

«Die Angst vor dem finanziellen Risiko war zu gross.»

Von den wichtigsten Laienverbänden in der Interessengemeinschaft mit Sitz in Altdorf – insgesamt sind es 35 mit 420'000 Mitgliedern – kam zuerst ein «Nein» zurück: «Die Angst vor dem finanziellen Risiko war gross.» Dann habe sich die Olma präsentiert und das Ruder herumgerissen. Am Umzug vom 12.Oktober werden sich nun aber 23 Organisationen mit über 1000 Teilnehmern präsentieren. «Und das für einen Gratiseintritt und eine Brodworscht.» Der gleiche Lohn gelte auch für die rund 500 Akteure an der Sonderschau in der Halle 9.1.2 und die Rahmenprogramme.

Fahnenschwinger am Schwägalp Schwingen. (Bild: Urs Bucher)

Fahnenschwinger am Schwägalp Schwingen. (Bild: Urs Bucher)

Um die Finanzen muss sich Schmid-Kunz beim Olma-Auftritt nicht kümmern: «Ich habe einen Budgetrahmen von 230'000 Franken, eine Ausstellungsfläche von 5000 Quadratmetern. Ein Pflichtenheft gibt es nicht.» Dafür will der Volksmusikant und Eventmanager die Volkskultur mit Facetten wie Fahnenschwingen, Volksmusik, Kunsthandwerk, Zupfinstrumenten, Drehorgeln, Tanz, und Gesang während elf Messetagen sichtbar machen. «Heute dekorieren sich die Politiker links und rechts mit hübschen Trachtenfrauen. Doch vielen sind die Trachten fremd, Volkskultur wird meist nur konsumiert, aber nicht erlebt. Sie gehört aber uns allen, nicht den Verbänden.» Volkskultur sei wie «ein Buch, das nicht abgeschlossen ist», basierend auf einem respektvollen Umgang mit den Traditionen, dabei aber auch einem steten Wandel unterzogen.

Nach dem Umzug durch die Innenstadt am ersten Olma-Samstag – «für die Teilnehmer eine Gelegenheit, aus ihrem Ghettodasein auszubrechen» – wird beim Eröffnungsakt in der Arena «ein Querschnitt der Schweizer Volkskultur in homöopathischen Dosen gezeigt. Quasi im Vorprogramm sind der Schweizer Jugendchor und die Blasmusik Entente musicale Domdidier Dompierre Russy zu hören.

Der Eidgenössische Jodlerverband will das echte Jodellied und den urtümlichen Jodel erhalten, Jodler am Jodlerfest Wattwil. (Bild: PD)

Der Eidgenössische Jodlerverband will das echte Jodellied und den urtümlichen Jodel erhalten, Jodler am Jodlerfest Wattwil. (Bild: PD)

Die Sonderschau «Dresscode» zeigt in der Halle 9.1.2 die Vielfalt der Schweizer Trachten aus allen Kantonen von gestern bis heute als zentralen Bestandteil der nationalen Volkskultur, «eine Auswahl darf auch angefasst werden». Die Besucher der Sonderschau können einer Weberin am Webstuhl über die Schulter schauen, auf der Aktionsbühne aber auch Handwerkskünstler beim Weben, Klöppeln, Sticken, Plissieren oder Haubenmachen beobachten. Hier treten täglich Brauchtumsgruppen mit Musik, Tanz und Gesang aus der ganzen Schweiz auf, Spezialisten führen jeweils am Morgen und am Nachmittag während je 30 Minuten in Crashkursen ins Naturjodel, Bödele, Volkstanz oder Talerschwingen ein.

Das Hackbrettspielen boomt.(Bild: PD)

Das Hackbrettspielen boomt.(Bild: PD)

Paganini: «Die Olma ist fünfdimensional»

Die Realität habe sich ins Zweidimensionale zurückgezogen, hielt Thomas Hürlimann kürzlich fest, die 1 und die Null hätten die Macht übernommen. Olma-Direktor Nicolo Paganini (siehe nachstehendes Interview) – ein gewiefter Werber für die eigene Sache – fragt sich, ob der Schriftsteller damit recht hat: «Manchmal scheint es, als würde die Welt aus Bits, Bytes, Tweets, Posts und 3D-Reality je länger je mehr zu diesem echten Leben.» Als grösste Publikumsmesse der Schweiz gebe sich die Olma allerdings nicht mit Zwei- oder Dreidimensionalität zufrieden: «Sie setzt vielmehr auf 5D.» Das Messeerlebnis sei fünfdimensional, weil es alle fünf Sinne des Menschen anspreche: Hören, riechen, schmecken, sehen, fühlen.

Olma-Chef Paganini: «Es wird weitere Gastkantone geben»

(cz) Dass die Interessengemeinschaft Volkskultur Gast an der diesjährigen Olma ist, ist aus einer Notsituation entstanden. Für Olma-Direktor Nicolo Paganini ist das Konzept mit den Gastkantonen aber nicht am Ende.

2018 waren die Olma-Besucherzahlen auf dem tiefsten Stand der 70-er Jahre, dennoch geht es der Messe als Ganzes gut. Was machen Sie besser als andere?

Nicolo Paganini.

Nicolo Paganini.

Nicolo Paganini: Im Geschäftsmodell der Olma spielen die Besucherzahlen eine grosse Rolle, will heissen: Wir streben erneut wieder über 350'000 Besucher an. Auch wenn eine Bea in Bern mit 300'000 Besuchern über die Runden kommt, das ist nicht unser Ziel. Die Negativschlagzeilen rund um Muba und Züspa haben wir im Verkauf gespürt, wir müssen uns mehr anstrengen als noch vor fünf Jahren. Was uns aber unterscheidet: Wir investieren viel ins Erlebnis. Anders als dies Einkaufszentren tun, die keinen Stall mit einem Seilpark betreiben können, oder eine Degustationshalle.

Das Einkaufsverhalten hat sich verändert, das Konsumverhalten auch: Ist das Modell der Publikumsmessen im digitalen Zeitalter am Ende?

Das Liveerlebnis muss im Zentrum der Olma bleiben. Mit der Digitalisierung können wir unsere Prozesse verbessern, das Kaufen von Tickets verbessern, Informationen leichter zugänglich machen. Wir können die Marktplätze aufs ganze Jahr ausdehnen, das versuchen wir jetzt mit der Fachmesse «Tier & Technik». Interessant wäre für uns, mehr über die Besucher und deren Vorlieben zu erfahren, etwa über einen Login – Daten sind das neue Gold. Daran studieren auch andere herum. So liessen sich personalisierte Inhalte direkt an den Kunden bringen.

Ist das Konzept mit den Gastkantonen passé?

Nein, ist es nicht. Es wird weitere Gastkantone geben. Wir haben Schaffhausen für 2020. Für 2021 liegt die Zusage einer Kantonsregierung vor. Für 2022 sind Gespräche im Gang und für 2023 gibt es eine Absichtserklärung.

Keiner will Gast sein

(jan) Letztes Jahr war es die Fête des Vignerons, dieses Jahr ist es die Schweizer Volkskultur, auch schon war es die Schweizerische Landesausstellung Expo 02: «Ehrengast» an der Olma. Erst für nächstes Jahr konnte statt einer Institution mit Schaffhausen wieder ein Gastkanton für die Messe gewonnen werden. Und dieser wiederum hat es nicht geschafft, eine Agentur für den Olma-Auftritt einzuspannen.

Wie die Schaffhauser AZ kürzlich schrieb, haben dem Kanton gleich sieben Agenturen eine Abfuhr erteilt, sich für den Auftrag mit einem Volumen von 150'000 Franken überhaupt zu bewerben. Dazu gehört hätte es, ein Gesamtkonzept inklusive Motto sowie ein Programm für die Eröffnungsfeier, Festumzug und Sonderschau auf die Beine zu stellen. Dabei hätten die Agenturen ohne Bezahlung Ideen entwickeln und einreichen sollen. Dieses Vorgehen des Kantons wurde als unüblich und unfair kritisiert. Hinzu kam der zu knappe Zeithorizont von nur einem Jahr. Nun muss der Kanton den Olma-Auftritt selber auf die Beine stellen.

«Einen Unkostenbeitrag für die Teilnahme halte ich für fair»

Marcel Odermatt, CEO und Inhaber der St.Galler Agentur Ammarkt AG, möchte zum vorliegenden Fall keine Stellung nehmen. Er äussert sich aber generell zum Thema Ausschreibungen. Früher habe es in der Ostschweiz wenige Ausschreibungen gegeben. Grundsätzlich sei ein gewisser Wettbewerb aber durchaus positiv, vor allem, wenn kreative Ideen gefragt seien, sagt Odermatt. Allerdings stelle sich für jede Agentur die Frage, wie gut sie den Auftrag erfüllen könne. Bei Grossanlässen – wie der Olma – arbeiteten Kommunikationsagenturen, die für die Kreation und Konzeption verantwortlich sind, mit Event-Agenturen zusammen, die eine professionelle Durchführung gewährleisten. Bezüglich der Entlöhnung sagt Odermatt, es gebe zwar immer wieder Anfragen ohne Entschädigung.

Aber: «Wir machen dann kategorisch nicht mit. Ein Unkostenbeitrag von 2500 bis 5000 Franken für die Teilnahme am Wettbewerb halte ich für fair.» Es sei denn, ein Auftrag verspreche ausserordentlich viel Prestige. Wenn eine Agentur etwa für eine Weltausstellung mit einem bekannten Designer zusammen den Swiss Pavillon bauen könne, dann arbeite sie gerne gratis oder kostendeckend dafür, um den Auftrag im Portfolio ausweisen zu können.

Die Olma wird also auch künftig um Gastkantone weibeln müssen – und diese wiederum um Agenturen.

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