TOURISMUS: Wo die neuen Gäste wohnen

Vom Boom im Schweizer Tourismus kann die Ostschweiz nur teilweise profitieren. Um die Trendwende zu schaffen, brauchen die Hotels der Region mehr Gäste. Diese sollen vor allem aus dem Inland kommen.

Kaspar Enz
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Sonnenuntergang im Alpstein: Im Appenzellerland hofft man auf junge Wanderer. (Bild: Urs Bucher (Schäfler, 29. Juli 2017))

Sonnenuntergang im Alpstein: Im Appenzellerland hofft man auf junge Wanderer. (Bild: Urs Bucher (Schäfler, 29. Juli 2017))

Kaspar Enz

kaspar.enz@ostschweiz-am-sonntag.ch

Für Bruno Vattioni ist klar, weshalb die Ausserrhoder Logiernächte 2016 so deutlich nach oben zeigten. «Das war die Eröffnung unseres neuen Hotels auf der Schwägalp», sagt der CEO der Säntis-Schwebebahn. Im ersten Semester 2017 zeigt die Kurve wieder nach unten. Doch auf der Schwägalp läuft es weiter rund. Letztes Jahr war das Hotel neu, viele Gäste kamen zum Schnuppern. «Doch 2017 lagen die Zahlen jeden Monat noch einmal über dem letzten Jahr.»

Die neusten Zahlen der Beherbergungsstatistik zeugen von einem kleinen Boom im Schweizer Tourismus. Knapp 300000 Übernachtungen mehr als in der Vorjahresperiode zählte sie von Januar bis Juli dieses Jahres. Das ist ein Zuwachs von fast zehn Prozent, nachdem der Schweizer Tourismus zehn Jahre lang stagnierte. Mehr Übernachtungen gab es auch in der Ostschweiz. Allerdings nach einem Jahr, in dem die Logiernächte nach jahrelangem Sinkflug auf einem Tiefpunkt angelangt waren.

Negativtrend im ländlichen Raum

In vielen Teilen der Ostschweiz ist der Sinkflug nicht gestoppt: Im Heidiland nahmen die Logiernächte um fünf Prozent ab. So schlimm sei es nicht, sagt David Pfiffner, Sprecher von Heidiland Tourismus. Neu zähle das Bundesamt für Statistik viele Betten eines Betriebs zur Parahotellerie. Rund 7000 Logiernächte fallen aus der Statistik. Effektiv habe die Nachfrage zugelegt, sagt Pfiffner. Und Signale aus der Destination lassen einen guten Sommer vermuten. «Aber es zeigt sich in diesen Zahlen auch ein Negativtrend, den vor allem ländlich- alpine Regionen mitgemacht haben.» Auch das Toggenburg, Ausserrhoden und der Thurgau verloren bis im Juni Gäste.

Die Tourismusregion St. Gallen-Bodensee legte hingegen deutlich zu. «Der Lohn für getane Arbeit», sagt der frischgebackene Tourismusdirektor Thomas Kirchhofer. «Die Fernmarktstrategie stiess nicht überall auf Gegenliebe. Aber sie zahlt sich jetzt aus.» Gäste aus Asien flanieren heuer vermehrt durch St. Gallen. Beispielhaft für die ganze Schweiz: Vor allem die Städte legten zu, und die Regionen, die bei Gästen aus dem Nahen und Fernen Osten beliebt sind.

Man reist heute häufiger, aber auch kürzer. «Das spricht für die Städte.» Sie sind Ausgangspunkt für Ausflüge. «Und mit der Nähe zu Alpstein und Bodensee ist St. Gallen gut positioniert», meint Kirchhofer. Ein Grund, weswegen Touristen aus den neuen Märkten gern in den Städten logieren. Kultur und Einkaufsmöglichkeiten sind weitere Gründe. Weniger bekannte Städte wie St. Gallen hätten gute Chancen, gerade in Fernost. «Luzern hat man irgendwann mal gesehen.» Trotzdem machen die Gäste aus Nahost oder China erst einen kleinen Teil der Touristen in der Gallusstadt aus. Wichtiger ist der Binnenmarkt. «Die Schweizer kommen wieder», sagt Kirchhofer. «Die Schweiz gilt im Gegensatz zu vielen Mittelmeerdestinationen als sicher.»

Neue Märkte in West und Ost

Neue Märkte sucht auch die Säntis-Schwebebahn, aber nicht im Osten. Zwar kämen vermehrt Besucher aus Osteuropa, und ab und an finden Chinesen aus Hongkong den Weg auf die Schwägalp. «Aber die Gruppenreisen aus China reisen von Nord nach Süd durch die Schweiz.» Ein Weg, der sie meist über die Innerschweiz führt, wo sie kaum länger als eine Nacht bleiben. «Interessant wird es für uns erst, wenn die Chinesen individuell reisen.» Neue Kundschaft sucht Vattioni primär in der anderen Richtung: «Wir erweitern unser Einzugs­gebiet bis Basel», sagt er. In den Schweizer Städten sieht er noch Potenzial. Denn «Wandern ist wieder ‹in›. Man sieht mehr junge Leute. Das spielt uns in die Hände.» Einen Hoffnungsschimmer sieht Vattioni auch im Norden. «In den letzten Jahren wäre jeder Werbefranken in Deutschland verloren gewesen», sagt er. Dass die Ostschweizer Hotelbetten in den letzten Jahren oft leer blieben, hatte viel mit dem Ausbleiben der Deutschen zu tun. «Doch wenn der Euro weiter nach oben geht, wird das wieder interessant.» Das dürfte auch das Heidiland freuen. Auch hierher kamen in den letzten Jahren immer weniger Deutsche. Aber sie seien weiterhin die wichtigsten ausländischen Kunden, sagt David Pfiffner. Deshalb werbe das Heidiland vor allem in der Schweiz und in Deutschland.

Doch egal, woher die Gäste kommen, ein Problem plagt den Ostschweizer Tourismus seit langem: «Wir wollen, dass die Gäste länger bleiben», sagt Bruno Vattioni. Im Schnitt verbringen sie nicht einmal mehr zwei Nächte in der Region. Die Gästekarte «Oskar», vor einem Jahr lanciert, soll da Abhilfe schaffen. Wer zwei Nächte oder mehr in einem Partnerhotel bucht, kann gratis Ostschweizer Bäder, Museen oder Bahnen nutzen. Noch ein bescheidenes Pflänzchen, meint Vattioni. «Aber ich bin ungeduldig. Es ist ein riesiges Potenzial.»

Auch unten in der Stadt setzt man auf «Oskar». «Eine wichtige Plattform, um Angebote zu bündeln», sagt Thomas Kirchhofer. Sie zeige die Fülle und Breite der Angebote der Region, von Rheinfall über Textilland bis zu Museen und Bergbahnen. Und könne so die Gäste anregen, einen Tag länger zu bleiben.