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Interview

Tourismus-Experte zum Alpstein: «Der Seealpsee ist für Touristen wie der Zucker für Ameisen»

Tourismus-Experte Christian Laesser über Roger Federer im Alpstein, chinesische Touristen und dynamische Preise für Rösti.
Andri Rostetter und Martin Oswald
«Was die Ostschweizer Situation angeht, würde ich sagen: Relax!»: HSG-Professor Christian Laesser. Bild: Urs Bucher

«Was die Ostschweizer Situation angeht, würde ich sagen: Relax!»: HSG-Professor Christian Laesser. Bild: Urs Bucher

Herr Laesser, wie gross ist der Effekt für den Ostschweizer Tourismus, wenn Roger Federer nach dem Wimbledon-Final im Alpstein wandern geht und er Bilder davon in den Sozialen Medien verbreitet?

Christian Laesser: Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Wenn Roger Federer mit seinen Bilder eine Region unterstützt, dann kann das Appetit oder Ablehnung auslösen. Für die einen kann das ein Grund sein, den Alpstein zu meiden, weil sie befürchten, dass wegen Federer noch mehr Leute in die Gegend kommen. Für die anderen ist es ein starkes Signal, dass diese Region einen Besuch wert ist.

Beim «Aescher» hat die mediale Aufmerksamkeit dazu geführt, dass die Pächterfamilie sich zurückzog.

Es gibt mehrere solche Beispiele. Vom Verzascatal posteten Mailänder Bilder in den Sozialen Medien. Wenig später wussten sie im Tal nicht mehr, wo sie mit dem ganzen Verkehr hinsollen. Das Phänomen gab es schon vor dem Internet. Seit ein paar amerikanische Studenten per Zufall die tschechische Stadt Český Krumlov entdeckten und dann zu Hause Fotos zeigen, gibt es keine US-Tour durch Tschechien mehr, die nicht durch Český Krumlov führt.

Wann hat eine Tourismusregion ihre Kapazitätsgrenze erreicht?

Es gibt zwei verschiedene Arten von Kapazitätsgrenzen. Die technischen und die subjektiv wahrgenommenen Grenzen. Ein Restaurant hat allein durch die Zahl der Sitzplätze eine technische Kapazitätsgrenze, wie ein Flugzeug oder Hotel. Hier kann man steuern, zum Beispiel mit Dynamic Pricing. Wenn die Nachfrage steigt, steigt auch der Preis. Diese Methode ist vor allem dort geeignet, wo die Kapazität limitiert ist. Die knappen Ressourcen werden möglichst ertragsmaximierend verteilt. Das wäre theoretisch auch in einem Restaurant möglich.

Die Rösti würde teurer, sobald die Gästezahl steigt?

Das wäre konsequent. Man könnte auch die einzelnen Plätze verkaufen. Weshalb nicht Aufenthaltszeit und Konsumation in einem Restaurant separat bepreisen? Technisch ist das alles machbar. Mit der wahrgenommenen Kapazitätsgrenze ist es weniger einfach. Wenn ein Schweizer im Alpstein mit Horden von anderen Besuchern wandern muss, dann mag er das als störend empfinden. Ein Chinese, der grosse Menschenmassen gewöhnt ist, stört sich kaum daran.

Eine Frage der Wahrnehmung?

Ja. Diese Wahrnehmung ist aber nicht statisch, der Mensch gewöhnt sich an neue Gegebenheiten. Ich gehe heute mit anderen Erwartungen in den Alpstein als vor 25 Jahren. Das Gleichgewicht stellt sich auch häufig von selber ein. Wenn ich die Information streue, der Alpstein sei voll, dann halte ich damit gewisse Leute fern. Die SBB machen das heute schon so. Im Fahrplan wird gezeigt, wie stark ein Zug ausgelastet ist. So werden die Kundenströme gesteuert. Vieles funktioniert auch über Erfahrung. Man muss kein spezifisches Informationssystem entschlüsseln, um zu wissen, dass man an einem schönen Sonntag nicht allein am Seealpsee ist.

Wie wichtig ist der Alpstein für den Ostschweizer Tourismus?

Er ist zentral. Der Alpstein ist ein Attraktionspunkt, er zieht an. Der Seealpsee ist wie der Zucker für die Ameisen. Er hat aber nicht die gleiche Anziehungskraft wie das Jungfraujoch oder der Titlis. Wenn ein Chinese heute zum ersten Mal in die Schweiz kommt und nicht auf dem Jungfrau war, dann hat er zu Hause ein Problem. Diese Art von Attraktionspunkte habe ich in der Ostschweiz nicht – oder noch nicht.

Der Alpstein könnte sich zu einem solchen Attraktionspunkt entwickeln?

Ja. Wir haben hier die ersten Wiederholungsreisenden, also Medien wie «National Geographic» und Prominente wie Roger Federer, die Bilder vom Alpstein international verbreiten.

Reden wir über das Toggenburg. Dort liegen sich die Bergbahnen seit Jahren in den Haaren. Gibt es noch eine Rettung?

Braucht es denn eine «Rettung»? Ist eine Fusion überlebenswichtig? Mir fehlt der betriebswirtschaftliche Nachweis, um in dieses Lied einzustimmen. Mittelfristig betrachtet ist das Einsparpotenzial gering. Klar, die Unternehmen können ein wenig Management- und Verwaltungskosten sparen, aber das Personal an Liften und Restaurants oder auch die Pistenfahrzeuge brauchen sie weiterhin, die Zahl der Maschinenstunden bleibt gleich.

Für die Gäste wäre ein Ticket für die ganze Region doch ein Gewinn.

Da bin ich mir nicht so sicher. Der Gast muss sich neu am Morgen entscheiden, auf welchen Berg er will. Diese Entscheidung ist nicht sehr dramatisch, möglicherweise hat er sogar einen Gewinn, weil er nicht das gesamte Paket kaufen muss. Zudem: Wer sagt, dass die Bahnen ein solches Kombiticket anbieten müssen? Das könnte auch Toggenburg Tourismus machen. Die Organisation könnte die Leistungen bei den Bahnen getrennt einkaufen, bündeln und selber ein Kombiticket produzieren. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass ohne das Kombiticket für beide Bahnen am Ende mehr übrig bleibt, da das einzelne Ticket mehr Einnahmen generiert als der Anteil an einem kombinierten. Wir reden nächstes Jahr wieder darüber, wenn wir die ersten Zahlen haben.

Die Zahl der Logiernächte für das erste Halbjahr 2019 ist mit einem Rückgang von 2,4 Prozent für die Ostschweiz wenig erfreulich. Was machen wir falsch?

Nichts. Diese Zahl ist zwar nicht gerade irrelevant, aber man muss ihre Bedeutung hinterfragen. Sie zeigt letztlich ein verzerrtes Bild der Realität. Beispielsweise würde mich auch interessieren, zu welchen Preisen Logiernächte generiert werden. Und dann: Viele Übernachtungen werden nicht gezählt, weil sie in privaten Unterkünften stattfinden. Es gibt auch Logiernächte, die nicht gemeldet werden, aus welchen Gründen auch immer. Dazu kommt, dass die Ostschweiz ein Naherholungsgebiet ist, etwa für die Region Zürich. Viele Gäste übernachten gar nicht in der Region, geben aber trotzdem hier Geld aus. Die Tagestouristen sind sozusagen das Gegenstück zu den Pendlern. Die Pendler holen sich das Geld, die Tagestouristen bringen es. Wir haben zudem nur wenige Hotspots in der Region, die diese Zahlen antreiben. Wenn Bad Ragaz weniger Gäste hat, schlägt sich das sofort in der Statistik nieder.

Also alles nicht so dramatisch?

Genau. In Zukunft wird es nicht mehr darum gehen, mehr Gäste in die Region zu holen. Die Gästezahlen nehmen aufgrund der wachsenden internationalen Nachfrage sowieso zu. Es wird darum gehen, die Gäste in einigermassen vernünftige Bahnen zu steuern und die Wertschöpfung zu maximieren. Das bedeutet, dass man das Tourengeschäft vielleicht nicht allein den ausländischen Anbietern überlässt, die grosse internationale Gruppen durch das Land schleusen. Vielleicht sollte man selber ins Tourengeschäft einsteigen sowie den tendenziell finanzkräftigeren Individualtourismus stärken. Gruppen kann man steuern. Wenn sie picknicken, dann machen sie das konzentriert an einem Ort. Sie stören weniger als 40 Individualtouristen. Individualtouristen übernachten dafür an teureren Orten, bleiben länger und geben mehr Geld aus.

Michael Vogt, Manager des St.Galler Nobelhotels «Einstein», sagte kürzlich in einem Interview, die Ostschweiz liege auf der «B-Karte» des Schweizer Tourismus.

Bei erstem Hinsehen mag das stimmen. Diese Kategorisierungen orientieren sich aber immer an den Besucherzahlen: Wir haben weniger Besucher als die Innerschweiz, also sind wir eine B-Region. Aber das greift zu kurz. Internationale Touristen übernachten nicht in der Peripherie, sondern zentral in einer grösseren Stadt. Von dort aus reisen sie in alle Himmelsrichtungen. Sie generieren also Übernachtungen in Zürich oder Bern, besuchen aber vielleicht das St.Galler Kloster oder den Alpstein.

Und das heisst?

Es wäre wichtig zu wissen, wer genau diese Orte besucht. Wo übernachten die Säntis-Touristen? Welche Nationalität hat ein Stiftsbezirk-Besucher? Die Schweiz hat hier noch Aufholbedarf. Australien beispielsweise ist deutlich weiter. Dort wird mit jedem Eintritt auch systematisch die Postleitzahl und das Herkunftsland ermittelt.

Jede Ostschweizer Region wird heute von einer eigenen Tourismusregionen vermarktet. Das ist eine Verzettelung der Kräfte?

Was würde denn passieren, wenn es keine Vermarktungsorganisationen mehr gäbe? Das Problem ist unser Anspruch, dass eine Tourismusorganisation beeinflussen kann, wie viele Logiernächte es in einer Region gibt. Das mag vor 25 Jahren richtig gewesen sein, als es noch kein Internet gab. Damals musste jemand die Informationen aus einer Region bündeln und an den Kunden bringen. In der heutigen Zeit ist Information jederzeit und überall verfügbar.

Braucht es die Tourismusorganisationen nicht mehr?

Doch, aber man müsste das gesamte System anders organisieren. Heute ist eine Organisation zuständig für ein bestimmtes Gebiet. Das ist die Coca-Cola-Perspektive: Ich habe ein Produkt und drücke das in den Markt. Tourismus funktioniert aber nicht so. Tourismus heisst, dass sich Menschen durch den Raum bewegen und verschiedene Dinge tun, ohne Blick auf regionale Grenzen. Statt einer territorialen Vermarktung müsste man sich eher den unterschiedlichen Kundenbedürfnissen zuwenden.

Wie muss man sich das vorstellen?

St.Gallen könnte sich beispielsweise um Kongresse kümmern. Dann spielt es keine Rolle, ob diese in der Stadt oder im Toggenburg stattfinden. Man muss von den Kundenflüsse ausgehen und nicht von der Region. Die Frage ist: Was mache ich mit dem Chinesen, der durch ganz Europa reist? Auch eine Monsterorganisation für die gesamte Ostschweiz würde hier nicht mehr bringen als die heutigen Tourismusorganisationen. Was die Ostschweizer Situation angeht, würde ich also sagen: Entspannen wir uns!

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