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Interview

Tourismus-Chef Kirchhofer: "Ich habe den Eindruck, St.Gallen befindet sich in einer Negativspirale"

Seit einem Jahr ist der Chef von St.Gallen-Bodensee-Tourismus im Amt. Im Interview spricht Thomas Kirchhofer über technikaffine Asiaten, neue Sport-Events in der Stadt und warum St.Gallen an den Bodensee gehört.
Intervie: Marcel Elsener, Roman Hertler
"Ich bin kein Weltverbesserer": Thomas Kirchhofer (Bild: Mareycke Frehner)

"Ich bin kein Weltverbesserer": Thomas Kirchhofer (Bild: Mareycke Frehner)

Thomas Kirchhofer, Sie sind fulminant gestartet: Ihr Tourismusverband hat kräftig an Zahlen zugelegt, die Stadt hat ihren Beitrag verdoppelt. Ist das bereits Ihr Verdienst?

Die Entwicklung der Logiernächte und der Wertschöpfung nach einer so kurzen Zeit zu beurteilen, ist Unsinn. Das ist vielmehr der Lohn für alle, für das, was bisher geleistet wurde. Man hat vieles richtig gemacht, auch die kontrovers diskutierte Internationalisierung. Das ist meinem Vorgänger Frank Bumann, dem ganzen Team und dem Vorstand zu verdanken. Ich will wegkommen von der Personalisierung, aber wenn es um mich geht, stelle ich erfreut fest: Die Art und Weise, wie ich die Dinge angehe, trifft offenbar den Nerv der Leute.

Die Erwartungen sind gross. Wohin fliesst das zusätzliche Geld?

Die Stadt hat im Leistungskatalog klar formuliert, was sie erwartet: erstens mehr Städtemarketing, da sind wir national in die Liga der Metropolen aufgestiegen, mit hohem Wirkungs- und Anerkennungsgrad, man nimmt uns über die Kanäle von Schweiz Tourismus nun auch in Zürich wahr. Zweitens soll im Geschäftsreisetourismus mehr Wirkung erzielt werden. Und drittens soll der Tagestourismus gestärkt werden, vor allem in einem bislang nicht bearbeiteten Feld: Man will mehr Einheimische aus der Agglomeration anlocken.

St.Gallen soll eher einen Trogener statt eine Chinesin ansprechen?

Sowohl als auch. Aber das sind im Marketing zwei paar Schuhe: Die Chinesen verlangen Tour Operators, sprich das Fachreisebusiness, im Gegensatz zum Individualtourismus. Das Produkt, das Erlebnis muss für beide gelten, aber die Bedürfnisse sind unterschiedlich: Der Asiate, etwa der technikaffine Koreaner, kann nicht begreifen, dass es bei der Talstation der Mühleggbahn keinen Kreditkarten-Terminal gibt. Verfügbare, sichtbare, erlebbare Angebote, das bedeutet attraktive Öffnungszeiten auch an Sonntagen, Tourismus ist ein 24/7-Geschäft, es gibt keine Feiertage. Und es braucht gute Mobilitätsangebote, das haben wir mit dem Mobility-Ticket ja schon geschafft.

Bei aller Freude über den Zuwachs: Die Gäste bleiben zu kurz.

Es geht immer ums Gleiche: Die Aufenthaltsdauer können wir nur verlängern, wenn man konkrete Angebote macht, etwa für Ausflüge. Wir leben davon, dass St.Gallen der Ausgangspunkt dieser Region ist, der Nabel oder Hub, wenn man so will. Wenn wir den pflegen wollen, müssen wir uns zur Marke St.Gallen und zum urbanen Raum bekennen. Dann darf man in der Peripherie nicht das Gefühl haben, dass wir nur für St.Gallen schauen. Es ist eine Realität, dass die urbanen Räume gewinnen und man von hier aus die ländlichen Gegenden, also den Bodensee bis hin zu Schaffhausen, besucht. Innsbruck oder andere Städte machen es genauso.

Vorarlberg macht es besser als die Ostschweiz, vor allem auch im Kulturtourismus.

Das Kulturmarketing müssen wir unbedingt verstärken und unsere Kulturinstitutionen bekannter machen, nicht nur die Stiftsbibliothek, sondern auch die kleineren, all die Museen. Dafür haben wir per 1. Juli eine eigene Stelle geschaffen: einen Experience Manager, einen Produktmanager, der als Schnittstelle zur Kulturförderung der Stadt und des Kantons agiert und den Angeboten mehr Leben einhaucht. Beispielsweise soll er die neuen Ausstellungssäle am Klosterplatz lancieren. Und er soll mit allen Kontakt aufnehmen, auch mit Influencern und Bloggern. Wir sind, gemäss meinem Credo, praktischer unterwegs als früher. Touristiker müssen mit allen im Gespräch sein, beispielsweise jeden Wirt nach seinen Ideen befragen. Das ist der richtige, aber aufwendigere Ansatz.

Schön und gut, aber die Realität sind eine wenig bevölkerte Innenstadt und immer mehr leere Ladenlokale. Bereitet Ihnen das Albträume?

Klar, soeben habe ich wieder eine Message erhalten und gedacht: Nein, jetzt der auch noch. Ich habe den Eindruck, St.Gallen befindet sich in einer Negativspirale. Alle, die Leute auf der Strasse, die Medien, die Touristiker reden über das Ladensterben. Wenn es um die Belebung der Innenstadt geht, ist mein Ansatz, wir müssen es einfach tun.

Das heisst konkret?

Ich bin kein Weltverbesserer. Aber es schadet in solchen Situationen nie, links und rechts zu schauen, wie andere damit umgehen. Gerade in Deutschland ist das ein massives Problem. Dort ist man weiter als wir, beispielsweise hat man City Manager installiert. Mein Job ist Tourismus. Solange es den City Manager nicht gibt, haben alle das Gefühl, dass ich auch noch die Innenstadt beleben müsste.

Was kann ein City Manager tun?

Er muss die Stadt erlebbar machen. Die Innenstadt ist eine hervorragende Bühne, sie muss nur noch bespielt werden. Man darf auch keine Angst vor den Onlinegiganten haben, sondern muss im Gegenteil auf sie zugehen und sie als stationäre Anbieter gewinnen.

Weltkonzerne sollen die Städte beleben?

Zalando in der Stadt ist natürlich kein Allheilmittel. Weshalb rennen im Moment alle in die peripheren Shoppingcenter? Weil dort etwas läuft. Dort steht mal eine Grossleinwand, es gibt etwas zum Anfassen, Kinder werden unterhalten. Das wäre auch in der Innenstadt möglich. Der Mensch geht dorthin, wo es andere Menschen gibt, an Orte, die eine DNA, eine Geschichte haben. Dazu braucht es aber starke Personen in den wichtigsten Positionen. Graz hat das beispielsweise gut gelöst.

Wovon braucht die Stadt St.Gallen mehr?

Mir gefallen echte, gute Marktsituationen, ein Fischmarkt beispielsweise. Die Themen Genuss und Erlebnis bringen die Leute in die Stadt. Manchmal befürchte ich aber, dass den Leuten, die sich in diesem Bereich seit Jahren stark engagieren, irgendwann die Luft ausgeht. Im Advent gibt es den Weihnachtsmarkt, die Sternenstadt, den Christbaum. Alles wunderbare Initiativen, aber sie sind verzettelt. Diese Kräfte muss man bündeln und koordinieren.

Märkte bringen wohl Tagestouristen. Was aber bringt Logiernächte?

Dazu bräuchten wir mehr Anlässe mit nationaler Ausstrahlung. St.Gallen ist eine Treppenstadt im grünen Ring. Wir haben die Idee eines Green Marathon, ein Infrastrukturprojekt, das beispielsweise Treppenrennen ermöglichen soll. Damit gehen wir ins Stadtparlament. Auch ein grösserer Radanlass, eine Tour-de-Suisse-Etappe, ist denkbar. Vielleicht auch ein Obstacle-Rennen, ein Spartakusrennen, bei dem die Leute Hindernisse überwinden, robben, Kraftübungen machen. Diese Leute kommen wie in der Triathlonszene aus einer höheren Einkommensklasse.

Sie setzen voll auf Sportanlässe?

Das passt einfach zu St.Gallen. Das Athletikzentrum wird in jüngster Zeit mit den U19- und U23-Europameisterschaften super bespielt. Wir überlegen uns auch eine Kandidatur für die National Games der Special Olympics 2022. Aber auch andere Anlässe im Zusammenhang mit der Start-up- und Informatikszene sind denkbar. E-Sport, LAN-Parties, Drohnenrennen: Dazu braucht es eine Infrastruktur, die wir mit dem Olma-Areal haben. Dieses Gelände ist nicht nur für den Kongressgast interessant, sondern auch für Eventtourismus.

Schauen wir in die Region: In Rorschach gehen die Übernachtungen zurück. Fehlt es am Marketing?

Ja, eindeutig. Man bringt St.Gallen noch zu wenig mit dem Bodensee in Verbindung. Diesbezüglich müssen wir St.Gallen als Hub in die Liga mit Konstanz, Bregenz und Lustenau bringen. Und die Region von St.Margrethen bis Bad Horn muss mit mehr Angeboten bestückt werden. Ein Tourismuskoordinator könnte Abhilfe schaffen.

Was erhoffen Sie sich vom kantonalen Tourismusrat, der im Januar 2019 gegründet wird?

Einiges. Die unzählige Vereinbarungen – vom Leistungsauftrag des Kantons bis zu Einzelvereinbarungen mit Hotels – machen meinen Job nicht einfacher. Diese Strukturvielfalt hat mich zuerst überrascht. Es gibt so viele Player, die mitreden: Regio, Standortförderung und wie sie alle heissen. Hier müssen wir vermehrt zusammenarbeiten und unsere Kräfte bündeln. Es braucht ein Wirgefühl und eine starke, gemeinsame Speerspitze.

Braucht es analog zur Idee eines Gesundheitskantons Ostschweiz einen Tourismuskanton Ostschweiz?

Nein, die Struktur der Destinationen muss nicht aufgeweicht werden. Das Heidiland soll sich weiterhin als Heidiland positionieren. Aber um auf der nationalen Landkarte zu erscheinen, braucht es schon ein Bild der Ostschweiz. Der neue Chef von Schweiz Tourismus, Martin Nydegger, hat uns bei seinem Antrittsbesuch im Winter gesagt, die Ostschweiz müsse greifbarer werden. Damit hat er natürlich recht. Die Forderung nach einer Dachmarke wäre aber verfehlt. Wir sind eher ein Familienverbund, ein Markensystem. Die Destinationen müssen Synergien nutzen. Gerade auch technologisch. Wir müssen dieselben Tools und Apps verwenden.

Warum passiert das noch nicht?

Uns mangelt es schon an statistischen Grundlagendaten. Wir wissen also nicht, wer, wann, wieso und wie lange in die Region kommt. Wir müssen Gelder für Marktanalysen zur Verfügung stellen. Das haben beispielsweise das Vorarlberg oder das Südtirol viel besser gelöst.

Zurück in den Hub: Was gefällt Ihnen an der Stadtentwicklung?

Sympathisch fand ich zuletzt den Eingang des Themas Langsamverkehr in die Mobilitätsdebatte. Das Velo hat Zukunft in der Stadt. Jetzt können wir darüber reden, wie man mit dem Velo in die Stadt kommt oder wo man E-Bikes aufladen kann.

Was sagen Sie zum neuen Bahnhofsplatz und zur binären Uhr?

Die Uhr gefällt mir nicht besonders, ich bin eher ein Traditionalist. Den Bahnhofskubus hätte man textil bespielen müssen, wie es in einem früheren Entwurf vorgesehen war. Erfreulich ist immerhin, dass der Lämmlerbrunnen wieder da ist.

Was würde Ihr Grossvater, der Kantonsingenieur und Fürstenland-Brückenbauer Karl Kirchhofer, zum heutigen St.Gallen sagen?

Der wäre stolz auf die infrastrukturellen Errungenschaften wie die Stadtautobahn. Auch das Nachdenken über einen Teufen-Anschluss oder die neuen Bauten der Appenzeller Bahnen entspräche dem Innovationsgeist meines Grossvaters.

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