TOLERANZ: Behinderte wollen mitreden

Menschen mit einer Behinderung werden oft diskriminiert und bevormundet. Nun fordern Betroffene aus der Ostschweiz, Deutschland und Österreich mehr Respekt und politische Teilhabe.

Simon Roth
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Begleitet von Unterstützern übergibt Hans Rutschmann die Erklärung an Regierungspräsident Martin Klöti. (Bild: Urs Bucher)

Begleitet von Unterstützern übergibt Hans Rutschmann die Erklärung an Regierungspräsident Martin Klöti. (Bild: Urs Bucher)

Simon Roth

simon.roth@tagblatt.ch

Wäre er ein Politiker, gehörte mit der Faust auf den Tisch zu schlagen nicht zu seinen Methoden. Hans Rutschmann ist kein «Polteri». Und dennoch gibt es so einiges, das ihn stört. Der 27-Jährige sitzt im Rollstuhl, wohnt und arbeitet beim HPV Rorschach, einer Institution für Menschen mit Beeinträchtigung. Der Rollstuhl schränkt seine Mobilität ein. «Beim Nutzen des öffentlichen Verkehrs stosse ich oft auf Unverständnis seitens der anderen Fahrgäste, wenn es beim Einsteigen etwas länger dauert», sagt Rutschmann. Es komme auch vor, dass Personen ihn aufgrund seiner Beeinträchtigung wie ein Kind behandelten.

Um einen Denkprozess in der Gesellschaft anzustossen, hat Rutschmann sich mit anderen Menschen mit Beeinträchtigung zusammengetan. Beim HPV wurde er ins Selbstvertreter-Team gewählt. Die fünf Teammitglieder setzen sich für ihre eigenen Anliegen ein. «Die Leute sollen wissen, dass wir keine Nichtsnutze sind.»

Berührungsängste durch Dialog abbauen

Rutschmann erhebt keine Anschuldigungen, vielmehr möchte er mit Argumenten überzeugen. Im Juni des vergangenen Jahres hat sich das Selbstvertreter-Team des HPV mit Gleichgesinnten ­ aus Deutschland und Österreich getroffen. Gemeinsam haben sie die Bodensee-Deklaration zu ­Inklusion und Barrierefreiheit erarbeitet. Darin fordern sie Respekt, politische Teilhabe und ­Barrierefreiheit. Die Erklärung haben sie bereits den politischen Verantwortlichen in Überlingen und Bregenz überreicht. Vor kurzem haben die Selbstvertreter ihre Forderungen auch beim St. Galler Regierungspräsidenten Martin Klöti deponiert.

Rutschmann und das Selbstvertreter-Team werden beim HPV von einer internen Fachstelle gefördert. «Viele Leute wissen nicht, wie sie mit Menschen mit Beeinträchtigung umgehen sollen. Wir wollen die Gesellschaft dazu befähigen», sagt Manuela Breu, Leiterin der Fachstelle. Um Vorurteile abzubauen, besuchen die Selbstvertreter Schulklassen. Dort sprechen sie über ihren Alltag und Inklusion. Das Interesse ist gross: «Schüler haben oft weniger Hemmungen als Erwachsene und stellen persönlichere Fragen», stellt Breu fest.

Immer noch Hürden trotz Gleichstellungsgesetzen

Obwohl in der Schweiz seit dem Jahr 2004 das Behindertengleichstellungsgesetz und seit drei Jahren die UNO-Behindertenrechtskonvention gilt, existierten noch immer Hürden, klagen Betroffene. Viele öffentliche Gebäude seien noch nicht barrierefrei und Abstimmungsunterlagen schwer verständlich.

Die Anliegen stossen bei Regierungspräsident Klöti auf offene Ohren. «Der Kanton St. Gallen ist der erste der Schweiz, der die einfache Sprache für politische Botschaften eingeführt hat.» Auch Volksabstimmungen sollen im Kanton bald in einer verständlicheren Version daherkommen. Das Selbstvertreter-Team der HPV Rorschach unterstützt diese Bestrebungen, indem es Broschüren von Behörden auf ihre Verständlichkeit prüft.

Für Rutschmann ist klar, dass es in vielen Bereichen noch Luft nach oben gibt. Es erfordere viel Mut, für sich selbst einzustehen. «Das bedeutet auch, dass ich meiner Familie klarmache, dass ich gewisse Tätigkeiten alleine ausführen kann», sagt er. «Wenn man etwas erreichen will, muss man es eben probieren.»