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Zwinglis Helm wird öffentlich nicht mehr gezeigt

Die Antiquarische Gesellschaft Zürich veröffentlichte ein Neujahrsblatt zu dem Themen Zwingli und Reformation. Die Aufsätze decken ein breites Spektrum ab und betreffen auch das Toggenburg.
Martin Knoepfel
Der Reformator Ulrich Zwingli soll diesen Eisenhut in der Schlacht von Kappel getragen haben. Historiker weisen darauf hin, dass die Inschrift «Ullrich Zwingli» in einer Schrift aus dem 17. Jahrhundert eingraviert wurde und dass das Loch im Helm sehr wahrscheinlich später entstanden ist. (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum)

Der Reformator Ulrich Zwingli soll diesen Eisenhut in der Schlacht von Kappel getragen haben. Historiker weisen darauf hin, dass die Inschrift «Ullrich Zwingli» in einer Schrift aus dem 17. Jahrhundert eingraviert wurde und dass das Loch im Helm sehr wahrscheinlich später entstanden ist. (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum)

Am 1. Januar 1519 hat der 35-jährige Toggenburger Ulrich Zwingli seine Stelle als Leutpriester am Grossmünster in Zürich angetreten. Das jüngste Neujahrsblatt der Antiquarischen Gesellschaft Zürich vereinigt deshalb unter dem Titel «Querblicke» zahlreiche Aufsätze zur Reformationsgeschichte. Sie geben, wie die Herausgeber im Vorwort schreiben, abweichende Perspektiven der Reformation wieder.

Lücke in der Überlieferung

Zahllose Besucher des Landesmuseums haben dort die Waffen – Schwert, Helm und Fauststreithammer – gesehen, die Ulrich Zwingli 1531 in der Schlacht von Kappel getragen haben soll. Ein Aufsatz von Erika Hebeisen geht der Frage nach, ob wie es sich damit verhält. Sie verweist dabei auf eine Lücke von mehr als 70 Jahren in der Überlieferung.

Die Waffen sind demnach erst ab 1605 im Zeughaus Luzern nachweisbar. Dort wurden sie als Trophäen ausgestellt. Der Untertitel des Artikels lautet denn auch «Von katholischen Trophäen zu reformierten Reliquien».

Der Fauststreithammer werde als militärische Ausrüstung jener Zeit prinzipiell angezweifelt, schreibt Erika Hebeisen unter Berufung auf Forschungen Jürg A. Meiers. Das Loch im Helm entstand laut Jürg A. Meier nach der Plünderung des Zeughauses Luzern im Jahr 1798.

Im Zeughaus Luzern als Trophäen ausgestellt

Das Schwert stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert. Im Helm wurde offenbar im frühen 17. Jahrhundert die Inschrift «Ullrich Zwingli» eingraviert.

Die Autorin argumentiert, dass kein berufsmässiger Graveur den Namen über einen Riss graviert hätte und dass das Loch deshalb später entstanden sein müsse. Die «Waffen Zwinglis» seien ein Teil der Propaganda der katholischen Luzerner, schreibt sie.

Die Propaganda war offenbar wirksam, erlagen ihr doch später die Zürcher. Der Anführer der Zürcher Truppen, die im Sonderbundskrieg 1847 Luzern besetzten, forderte die Herausgabe dieser Waffen.

Feierlicher Empfang der Waffen in Zürich

Luzern gehorchte sofort. Im Januar 1848 trafen der Fauststreithammer, das Schwert und der Helm in Zürich ein.

Erika Hebeisen beschreibt das Programm der Feier und spricht von einem pompösen Staatsakt. Eine Kompagnie Soldaten und ein Militärspiel wurden aufgeboten und die Waffen wurden feierlich von drei Stabsoffizieren ins Rathaus getragen, wo alle Anwesenden aufstanden.

Die Waffen und der Helm wurden danach in Zürich ausgestellt, erst im Zeughaus und später im Landesmuseum. Der Helm wird dort aber künftig nicht mehr gezeigt werden.

Irritierend am sonst spannenden Aufsatz ist lediglich, dass Erika Hebeisen das Religionsgespräch zwischen Zwingli und Luther in Magdeburg ansiedelt. Marburg wäre richtig.

Zwingli war ein eifriger Nutzer der Klosterbibliothek in Einsiedeln

Urs Leu befasst sich mit Ulrich Zwingli als Benutzer der Einsiedler Klosterbibliothek. Von 1516 bis Ende 1518 war Zwingli dort Leutpriester. Urs Leu vermutet, dass der spätere Reformator in Einsiedeln neben der Bibel meist Werke griechischer und lateinischer Philosophen, der Kirchenväter und des Humanisten Erasmus von Rotterdam studierte.

Huldrych (Ulrich) Zwingli.

Huldrych (Ulrich) Zwingli.

Zwingli kommentierte auch Gelesenes und hielt sich dabei nicht zurück mit Kritik, zum Beispiel an den Benediktinermönchen. Zudem schrieb er Teile des Neuen Testaments selber ab. In mindestens einem Codex korrigierte er Abschreibefehler.

Zwingli hatte eine sehr grosse Privatbibliothek

Selber muss Zwingli ein Bücher-Liebhaber gewesen sein, besass er doch eine Privatbibliothek mit rund 500 Büchern. Amüsant sind auch die Ratschläge von Ulrich Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger zum Thema, wie ein Studierzimmer aussehen solle.

So soll etwa der Tisch so hoch sein, dass man im Stehen schreiben kann. Dies, um zu vermeiden, dass das Gehirn in Verwirrung gerät, was laut Heinrich Bullinger passieren kann, wenn man mit stark vorüber geneigtem Kopf schreibt.

Interessant ist schliesslich ein in einem anderen Beitrag gezeigtes Porträt von Hugo von Hohenlandenberg (Seite 36). Dieser war zur Zeit der Reformation Bischof von Konstanz. Ein grosser Teil der Deutschschweiz, auch das Toggenburg, gehörte damals zum Bistum Konstanz. Hugo von Hohenlandenberg weihte Ulrich Zwingli 1506 zum Priester.

Vorgeschichte der Berufung nach Zürich

Michael Mente geht auf Briefe ein, die die Berufung Zwinglis nach Zürich erhellen. Ein Freund lobbyierte bei der Wahlkommission für Zwingli als neuen Leutpriester am Grossmünster.

Vor der Reformation fand jährlich am Pfingstmontag eine offizielle Wallfahrt aus Zürich nach Einsiedeln statt. Zwingli predigte bei dieser Gelegenheit und war deshalb in Zürich bekannt. Aus einem der Briefe geht hervor, dass er schon vor der Wahl entschlossen war, sich über die vorgeschriebene Predigtordnung hinwegzusetzen.

Heftige Reaktion und ein lateinisches Wortspiel

Heftig reagiert der spätere Reformator, als er erfährt, dass möglicherweise ein Deutscher an seiner Stelle das Rennen machen würde. Dabei spielt er in einem Brief darauf an, dass der lateinische Ausdruck für einen Schwaben («suebus») mit dem Ausdruck für ein Schweine («sus») zusammenhänge.

Zwingli bezeichnete seinen Konkurrenten zudem als Opportunisten. Einige Jahre später konvertierte dieser wieder zum Katholizismus.

Lehrstück, wie man einen Fehler meistert

Gefährlicher für die Kandidatur waren gemäss Michael Mente zwei andere Punkte. Zwingli war musikalisch. Das weckte offenbar die Besorgnis, er sei zu lebenslustig.

Zudem gab es das Gerücht, Zwingli habe in Einsiedeln ein Verhältnis zu einer jungen Frau gehabt. Das Gerücht war zutreffend. Michael Mente schreibt, der entsprechende Brief Zwinglis sei ein Lehrstück, wie man einen Fehltritt politisch meistere. Ein Geschmäcklein bleibe, da Zwingli die Frau als nicht ehrbar diskreditiert habe, schreibt der Verfasser.

Die pikante Affäre verhinderte die Wahl des Wildhausers zum Leutpriester am Grossmünster allerdings nicht und geriet später in Vergessenheit. Der Band enthält noch weitere Aufsätze zu Zwingli.

Demontage der Herrschaft des Fürstabts

Für die Ostschweiz von Interesse ist unter anderem der Aufsatz von André Holenstein. Er zeigt, wie Glarus sowie die Städte St. Gallen und Zürich – alle drei sind reformiert – in den Jahren 1529 bis 1531 die Herrschaft des Abts von St. Gallen demontierten.

Statt einer Schirmherrschaft wie vorher herrschten nun Glarus und Zürich über das Gebiet der Fürstabtei. Die Rechte der katholischen Schirmorte Luzern und Schwyz bestanden nur noch auf dem Papier.

Die Untertanen des Abtes wollten sich selber regieren

Die Untertanen der Abtei St. Gallen - zu ihnen zählten auch die Toggenburger - strebten dagegen nach dem Ende der früheren Herrschaft selbst gewählte Amtsträger an, konnten sich aber nicht durchsetzen. Das Ganze diente laut André Holenstein letztlich nur der zürcherischen Machtpolitik in der Ostschweiz.

Immerhin resultierte für die Gotteshausleute ein Ende der Leibeigenschaft, eine Beteiligung an der Verwaltung und die Abschaffung diverser Abgaben. Nach dem Sieg der katholischen Innerschweizer in der Schlacht von Kappel - Zwingli fiel in der Schlacht - konnte allerdings der Fürstabt viele der ab 1529 verwirklichten Änderungen rückgängig machen.

«Anti-Fasten-Party» in der Druckerei

Reizvoll ist Helmut Meyers Darstellung der «Anti-Fasten-Party», die am Nachmittag des 9. März 1519 in der Druckerei Froschauer in Zürich stattfand. Es war der Tag der «alten Fasnacht», der ersten Sonntag in der Fastenzeit.

Ulrich Zwingli war an diesem Nachmittag in der Druckerei anwesend und lehnte die ihm angebotenen Wurststücke zwar ab. Allerdings forderte er die Anwesenden auch nicht dazu auf, wegen der Fastenzeit aufs Fleisch zu verzichten. Zudem predigte Zwingli zwei Wochen später über das Fasten und stellte sich auf den Standpunkt, dass es sich dabei nicht um ein göttliches Gebot handle.

Der Rat von Zürich und der Bischof von Konstanz befassten sich mit dem Wurstmahl

Der Fall Froschauer zog immer weitere Kreise bis zum Rat als weltliche und zum Bischof von Konstanz als geistliche Behörde. Im April kam es zu einer Diskussion vor dem Rat.

Abgesandte des Bischofs nahmen daran teil, aber auch Zwingli, der bei dieser Gelegenheit viele Zeremonien und Gebete der Kirche als überflüssig kritisierte. Kurz darauf weiterte er seine Kritik noch aus. Allerdings gab es vor und nach dem 9. März noch andere Fastenbrecher.

Buchhinweis

Peter Niederhäuser und Regula Schmid (Herausgeber): «Querblicke - Zürcher Reformationsgeschichten», Chronos-Verlag, Zürich 2019, 203 Seiten, Band 86 der Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft, 48 Franken.

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