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Interview

Zwei Lehrerinnen eine Woche vor Schulbeginn im Toggenburg: Einmal Lehrplan, einmal Individuum

Zwei Lehrerinnen im Toggenburg blicken auf das neue Schuljahr voraus. Die eine hat bereits ein Jahr Erfahrung, die andere ist ein Greenhorn.
Timon Kobelt
Michaela Schlegel (links) und Simone Stamm tauschen sich im Schulhaus Schönenberg in Wattwil über ihre Erfahrungen aus.Bild: Timon Kobelt

Michaela Schlegel (links) und Simone Stamm tauschen sich im Schulhaus Schönenberg in Wattwil über ihre Erfahrungen aus.Bild: Timon Kobelt

In einer Woche beginnt das neue Schuljahr. Das ist nicht nur für die Schülerinnen und Schüler ein aufregender Tag, sondern auch für die neuen Lehrpersonen. 255 Personen haben laut Pädagogischer Hochschule St.Gallen (PHSG) dieses Jahr ihr Lehrdiplom erhalten, davon 164 für die Kindergarten und Primarstufe und 91 für die Oberstufe.

Acht Absolventen und Absolventinnen sind aus dem Toggenburg. Simone Stamm ist eine von ihnen. Sie wird nach den Sommerferien eine Stelle an der Heilpädagogischen Schule (HPS) Toggenburg in Wattwil antreten.

Beide sind Absolventinnen der PHSG in Rorschach

Michaela Schlegel hat ihr erstes Jahr als Lehrerin hinter sich. Sie arbeitet im Schulhaus Schönenberg, Wattwil, und ist für eine Mehrjahrgangsklasse verantwortlich. Sie hat Schüler von der 3. bis 6.Klasse unter sich.

Beide haben die PHSG in Rorschach auf Stufe Primarschule absolviert. Ohne einander zu kennen, haben sie eingewilligt, sich in einem gemeinsamen Interview über die Herausforderungen ihrer unterschiedlichen Schulen zu unterhalten.

Wohnhaft in Flumserberg und Krummenau

Die 24-Jährige Michaela Schlegel wohnt in Flumserberg. Sie wird aber bald nach Fläsch im Bündnerland umziehen. Vom Arbeitsweg her sei das kein Problem. «Ich habe rund 50 Minuten mit dem Auto. Ich bin eine gute Autofahrerin», sagt sie. Ausserdem ist sie auch mit den Skiern schnell und sicher unterwegs. «In den Flumserbergen wird man ja praktisch mit Skischuhen geboren.»

Simone Stamm ist 22 Jahre alt und wohnt in Krummenau. Daher kann sie bequem mit dem ÖV nach Wattwil pendeln. In ihrer Freizeit verbringt die leidenschaftliche Wanderin gerne in den Bergen. «Das kommt wenig überraschend, wenn man im Toggenburg aufgewachsen ist.»

Simone Stamm, wie nervös sind Sie vor Ihrem ersten Jahr als Lehrerin an der HPS Toggenburg?

Simone Stamm: An der HPS erwartet mich ein super Team und ich habe überall Ansprechpersonen, die mir helfen können. Deshalb bin ich vergleichsweise nicht so nervös, sondern spüre eher die Vorfreude. Wie war das bei dir?

Michaela Schlegel: Auch ich war gut aufgehoben und hatte einen Mentor, der mir mit Rat und Tat zur Seite stand. Zwei Tage bevor es losging, wurde ich brutal nervös. Ich konnte fast nicht mehr schlafen. Viele Fragen schossen mir durch den Kopf: Bin ich genügend vorbereitet, kann ich das überhaupt und so weiter. Das konnte mir natürlich niemand beantworten und ich musste es für mich herausfinden.

Und jetzt ein Jahr später?

Schlegel: Ich bin sicher weniger nervös und freue mich, wenn es wieder losgeht. Ich habe eigentlich geplant, gleich in den ersten zwei Wochen der Sommerferien alles vorzubereiten. Doch direkt nach dem Schuljahr hatte ich dann echt keine Lust und brauchte Abstand. Ich hätte in den ersten zwei Ferienwochen nichts Schlaues zu Stande gebracht.

Im ersten Jahr als Lehrerin gleich eine Mehrjahrgangsklasse zu führen muss auch herausfordernd gewesen sein.

Schlegel: In der Tat. Während des letztens Sommers habe ich mir ein paar Mal gedacht: Du hast dich übernommen. Doch mein erstes Jahr verlief weitgehend gut. Am meisten Mühe hatte ich mit den unterschiedlichen Niveaus und Arbeitsgeschwindigkeiten der Schüler. Es gibt teils Schüler, die sehr viel Aufmerksamkeit brauchen, damit sie etwas tun. Andere Schüler fragen mich dann, warum ich in diese so viel Energie investiere. Dafür habe ich auch jetzt noch keine Patentlösung.

Was erwarten Sie an der HPS für Herausforderungen, Frau Stamm?

Stamm: Ich arbeite an der HPS mit Kindern, die eine geistige und/oder körperliche Beeinträchtigung haben. An der PH wurde ich nicht auf diese Aufgabe vorbereitet. Mir fehlt noch etwas das Know-how. Dieses wird dann mit der Zeit kommen. Aber diese verschiedenen Beeinträchtigungen werden bestimmt eine Herausforderung.

Schlegel: Es ist noch spannend. Ich habe einmal ein Praktikum an einer HPS absolviert. Ich wollte unbedingt Menschen mit Beeinträchtigungen unterrichten und ich hätte dort auch anfangen können. Doch dann entschied ich mich dafür, zunächst in der Regelschule Fuss zu fassen. Jetzt gefällt es mir hier so gut, dass ich mir vorstellen kann, lange hier zu bleiben. Aber die Arbeit an der HPS hatte schon etwas sehr Erfüllendes.

Stamm: Das ist auch der Grund, weshalb ich froh bin, dass ich an der HPS arbeiten darf. Meine Eltern arbeiten auch in diesem Gebiet und deshalb bin ich schon früh mit Menschen mit Beeinträchtigungen in Kontakt gekommen. Seit drei Jahren gebe ich solchen Menschen Turnunterricht und es ist einfach eine tolle Arbeit.

Sind Sie froh, dass Sie sich mit gewissen Aspekten des anderen nicht befassen müssen?

Stamm: Nun, bei uns sind wir weniger an den Lehrplan 21 gebunden. Er ist zwar im Hinterkopf aber sicher nicht so stark im Vordergrund wie in der Regelschule.

Schlegel: Mir kommt das Abschalten in den Sinn. An der HPS sieht man Schicksale, die einem nahegehen. Während meines Praktikums musste ich auf dem Heimweg oft weinen, weil ich nicht verstehen konnte, dass so junge Menschen so ein Päcklein zu tragen haben.

Stamm: Erlebst du das in der Regelschule nicht auch?

Schlegel: Persönlich habe ich das noch nicht erlebt. Es gibt bestimmt auch in der Regelschule belastende Fälle, aber nicht im Ausmass wie an der HPS.

Was beneiden Sie an der Arbeit des anderen?

Schlegel: Bei Kindern mit Beeinträchtigung spürst du eine enorme Wertschätzung. Etwas Kinder mit Downsyndrom sind immer so dankbar. Drei Jahre nach meinem Praktikum ging ich mal auf Schulbesuch und all meine Kinder haben mich noch gekannt. Das ist ein Wahnsinn. Die Nähe zu den Kindern an einer HPS ist schon sehr intensiv.

Stamm: An der PH wird einem das gemeinsame Arbeiten an einem Thema vermittelt. Sich gemeinsam in ein Thema einarbeiten und es zusammen verstehen, ist an der Regelschule viel ausgeprägter. An der HPS ist das weniger umsetzbar. Der Ansatz ist individueller. Meine Klasse besteht aus sechs Kindern.

Schlegel: Ich weiss noch, dass ich an der HPS einmal einen Tag zum Thema Kehrichtverbrennung organisiert habe. Wir haben dann eine Anlage angeschaut und die Kinder haben noch ewig lange davon gesprochen. Man kann sich auch an der HPS vertieft mit etwas befassen. Aber es ist von der Vorbereitung her eine ganz andere Hausnummer als in der Regelschule. Nur schon einen geeigneten Einstieg ins Thema zu finden, ist echt schwer.

Stamm: Genau. Ich bräuchte wohl für jedes meiner sechs Kinder einen eigenen Einstieg. Meiner Erfahrung nach verstehen sich die Kinder aber untereinander sehr gut. Sie haben eine intensive Bindung zueinander und eine eigene Ebene, um miteinander zu kommunizieren.

Wie sehen die Vorbereitungen aus?

Stamm: Ich habe die individuellen Förderpläne für die Kinder meiner Klasse. In diese werde ich mich gut einlesen, damit ich auf die einzelnen Bedürfnisse eingehen kann. Für die Kleinsten werde ich ganz einfache Posten vorbereiten, um die Basics von Deutsch, Mathematik und Motorik rüberzubringen.

Schlegel: Bei mir ist halt schon der Lehrplan 21 das Grundgerüst. Anhand dieses müssen meine Schüler gewisse Lernziele erfüllen. Ich überlege mir vorab vor allem, welche Zusätze kann ich denen bieten, die schneller als die anderen unterwegs sind. Das kann dann beispielsweise ein Rechercheauftrag sein. Die Dynamik für die Klassen muss stimmen.

Stamm: An der HPS kommt immer das Kind an erster Stelle und dann alles andere. In der Regelschule ist der Lehrplan die unterste Stufe der Pyramide, dann kommt die Klasse und dann das einzelne Kind.

Sie beide haben im Sommer ­Zuflucht in der Höhe gesucht.

Schlegel: Ja, das war super. Ich habe bei meinem Freund auf einer Alp im Bündnerland mitangepackt. Das war zwar streng, aber so konnte ich den Kopf auslüften. Das ist das Wichtigste: Der Kopf muss frei werden. Körperlich ist die Schule ja nicht so streng.

Stamm: Ich hatte genau das gleiche Bedürfnis und bin deshalb in die Berge gegangen. Es ist wichtig, den Körper auch mal anders zu betätigen und auch zu spüren. Der Muskelkater hatte etwas richtig Befreiendes.

Wie sehen Ihre Philosophien als Lehrpersonen aus?

Schlegel: Für mich hat es sich bewährt, streng und geradlinig zu sein. Das haben auch die Eltern geschätzt. Aber ich will den Kindern auf Augenhöhe begegnen. Ich hätte kein Problem damit, Duzis mit den Schülern zu machen. Aber ich glaube, die Gesellschaft ist noch nicht so weit. Die Sechstklässler durften mich nach der Schulreise während ihrer letzten drei Wochen vor den Sommerferien duzen. Der Respekt ist nicht etwa gesunken, sondern gestiegen. Wenn ich drei oder vier Jahre hier bin und klar ist, dass Frau Schlegel zum Schönenberg gehört, würde ich es gerne mit allen probieren.

Stamm: Für mich ist Schlüssel an der HPS Authentizität. Die Kinder müssen genau wissen, woran sie sind. Dann kann ich ihnen Halt geben. Natürlich werde ich auch viel Geduld aufbringen müssen. Aber die bringe ich mit. Ich bin mit Geduld auf die Welt gekommen.

Was machen Sie am Sonntag vor dem Schulbeginn?

Stamm: Ich gehe früh ins Bett und schaue, dass ich mich noch einmal entspannen kann.

Schlegel: Dito. Ich brauche meinen Schlaf, da ich um 4 Uhr morgens aufstehe. Also in den Ausgang gehe ich am Sonntag sicher nicht.

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