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Zwei Geschwister stehen in Lichtensteig vor Gericht: Sie sollen einen dementen Mann um fast eine Viertelmillion betrogen haben

Das Kreisgericht Toggenburg befasst sich mit einem Fall von Veruntreuung durch zwei Geschwister aus dem Toggenburg. Sie sollen einen mutmasslich dementen Mann ausgenützt haben.
Martin Knoepfel
Möglicherweise verspielten die Angeklagten veruntreute Gelder des verstorbenen Kaufmanns in den Casinos von Pfäffikon, Bregenz und St. Gallen. Dieses Bild stammt aus dem Casino Zürich. (Bild: Keystone / Gaetan Bally).

Möglicherweise verspielten die Angeklagten veruntreute Gelder des verstorbenen Kaufmanns in den Casinos von Pfäffikon, Bregenz und St. Gallen. Dieses Bild stammt aus dem Casino Zürich. (Bild: Keystone / Gaetan Bally).

Eigentlich erzählt die Anklageschrift eine traurige Geschichte. Ein älterer Kaufmann besitzt Renditehäuser in St.Gallen und Zürich.

Davon lebt er gut, doch er wird dement, muss in der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) hospitalisiert werden und stirbt 2015. Schon 2014 hat die Kesb eine Beistandschaft für ihn errichtet.

Mit dem Tod des Mannes haben die im Toggenburg lebenden Angeklagten, ein Kellner mit kosovarischer Staatsangehörigkeit – er hat die Niederlassung – und seine als Wirtin tätige Schwester – eine Schweizerin – nichts zu tun. Sie müssen sich aber vor dem Kreisgericht in Lichtensteig verantworten, weil sie den Kaufmann um mehr als 217'000 Franken erleichtert haben sollen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

«Ein Jahr ohne Lohn und Arbeitsvertrag gearbeitet»

Der Kellner hat Jahrgang 1978. Er hat eine Handelsschule besucht. Später arbeitet er bei der Schwester. 2014 und 2015 ist er laut eigener Aussage beim Kaufmann angestellt, praktisch rund um die Uhr.

Er habe weder Lohn noch einen Arbeitsvertrag erhalten. Der Kaufmann habe ihm 15 Prozent der Mieten als Provision für die Verwaltung der Häuser und ein Haus in Zürich im Wert von sieben Millionen Franken versprochen, sagt der Angeklagte.

Alle Überweisungen auf Befehl des Kaufmanns vorgenommen?

Die Online- Überweisungen habe er auf Befehl seines Chefs getätigt. Dieser sei immer neben ihm gesessen, wenn er Zahlungen abgewickelt habe, sagt der Angeklagte.

Den heutigen Lohn beziffert er mit 1800 Franken im Monat, netto. Schulden von gut 160'000 Franken zahle er in Raten von 250 bis 350 Franken ab, sagt er. Er hat einen Sohn, der bei der Mutter lebt und für den er Alimente bezahlt. Offenbar aber nicht immer zuverlässig, denn es gibt eine Vorstrafe wegen ausgebliebener Zahlungen.

In der Befragung ist der Angeklagte sehr höflich, und antwortet ausührlich, wobei die Verteidigerin ihn mehrmals skeptisch ansieht. Im Verlauf der Verhandlung wirkt er aufgeräumt und fläzt sich im Stuhl.

«Nicht informiert über Kontostände»

Die Wirtin hat Jahrgang 1985. Das Restaurant gehört ihr. Sie hat keine Schulden. Ihr Bruder habe gefragt, ob er ihr Konto benutzen dürfe, sagt sie. Sie habe Ja gesagt, da sie das Konto selten benutzt habe.

Über die Bewegungen auf dem Konto sei sie nicht informiert gewesen. Sie habe nur ihr Geld vom Post-Konto abgehoben, etwa Vergütungen der Krankenkasse. In der Verhandlung wirkt sie angespannt.

Wer hat die mehr als 60 Zahlungen ausgelöst?

Der Angeklagte ist laut Staatsanwalt «Mädchen für alles» des Kaufmanns gewesen und hat im E-Banking Zahlungen tätigen können. Das habe der Angeklagte ausgenutzt, um in den Jahren 2014 und 2015 61 Mal missbräuchlich Geld aufs Konto der Schwester zu überweisen.

Die Geschwister hätten das Geld später in bar oder mit der Karte abgehoben. Sie hätten es verbraucht und sich so illegal bereichert, sagt der Staatsanwalt. Die Wirtin habe gut 22'000 Franken vom Konto abgehoben, der Bruder den Rest.

Einen Teil des Geldes habe der Angeklagte im Casino St.Gallen verspielt, ist der Staatsanwalt überzeugt. Bezüge sind auch aus Bregenz und aus anderen Orten nachgewiesen.

Vier Anklagepunkte

Das trägt dem Mann die Anklage wegen mehrfacher ungetreuer Geschäftsbesorgung, eventuell wegen des mehrfachen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage, ein. Dazu kommen betrügerischer Konkurs und ein Verkehrsdelikt, denn der Kellner wird beschuldigt, dem Konkursamt die Existenz eines Kleinwagens verschwiegen zu haben. Das Auto im Wert von 2500 Franken gehörte der Firma des Kaufmanns und er fuhr es.

Zudem hat die Zürcher Polizei den Angeklagten in Uster mit Tempo 58 im Tempo-30-Bereich erwischt. Er habe die Tempobeschränkung nicht gesehen, sagt er. Der Angeklagte kenne das Quartier, hält der Staatsanwalt dagegen.

Gehilfenschaft zur Veruntreuung und Geldwäscherei eingeklagt

Die Angeklagte als Geschäftsfrau weiss nach Überzeugung des Staatsanwalts, dass ihr Bruder keinen Anspruch auf die Gelder hat, das auf ihrem Konto landet. Sie ist der Gehilfenschaft bei der mehrfachen ungetreuen Geschäftsbesorgung und eventuell beim Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage angeklagt.

Dazu kommt Geldwäscherei. Der Grund: Sie habe ihr Konto für das «Parkieren» illegaler Gelder zur Verfügung gestellt, wirft ihr der Staatsanwalt vor.

«Auf Befehl des Chefs im Casino gespielt»

Er habe Handwerker für den Kaufmann bar bezahlen müssen und dafür Geld vom Post-Konto abgehoben. Er habe auch Geld, das er vom Post-Konto abgehoben habe, dem Chef gleich wieder in bar gegeben.

So erklärt der Kellner die Bewegungen auf dem Post-Konto. Das Casino habe er mit dem Chef besucht und dort auf dessen Anordnung mit dessen System gespielt.

Zweifel am Sinn der Transaktionen

Das lässt der Staatsanwalt so nicht gelten.

«Diese Geldflüsse ergeben keinen Sinn.»

Der Kaufmann und dessen Firma hätten Konten bei der CS gehabt und von diesen Bargeld abheben können. Der Kaufmann habe dem Angeklagten eine Vollmacht für die CS-Konten gegeben. Das sagten die Witwe und die Beiständin aus.

Der Staatsanwalt beantragt, den Kellner mit 16 Monaten Gefängnis und 10800 Franken Geldstrafe zu belegen. Die Wirtin soll zehn Monate Gefängnis und 6000 Franken Busse erhalten. Die Geldstrafen sind unbedingt. Die Probezeit für die Freiheitsstrafen soll zwei Jahre dauern.

Staatsanwalt sieht grosse kriminelle Energie bei den Angeklagten

Der Staatsanwalt spricht von schwerem Verschulden und von grosser krimineller Energie der Angeklagten. Der Angeklagte habe das Vertrauen und die Demenz des Kaufmanns ausgenutzt.

Der Bericht der PUK Zürich sage, dass der Kaufmann während des Klinikaufenthalts nicht geschäftsfähig gewesen sei. Der Angeklagte hat mehrere Vorstrafen. Für die letzte läuft 2014 noch die Probezeit.

Die Wirtin hat keinen Eintrag im Strafregister. Bedingte Freiheitsstrafen seien in beiden Fällen sinnvoll, da die Angeklagten sich jetzt bemühten, sich ans Gesetz zu halten, sagt der Staatsanwalt.

Freisprüche bei drei Anklagepunkten beantragt

Die Verteidigerin des Kellners räumt den Tempoexzess ein. Er solle mit 200 Franken Geldstrafe geahndet werden.

Bei den anderen Vorwürfen beantragt sie Freisprüche. Ihr Mandant sei offensichtlich vom Kaufmann zu den Überweisungen ermächtigt worden, denn man könne sich im E-Banking der CS nicht ohne einen Token einloggen. Den Token habe der Kaufmann immer bei sich gehabt.

Abweisungen der Zivilforderungen beantragt

Der Kaufmann sei also an allen Überweisungen beteiligt gewesen. Wozu das Geld verwendet worden sei, sei unklar. Der Staatsanwalt müsse beweisen, dass ihr Mandant das Geld nicht gemäss dem Willen des Kaufmanns verwendet habe, sagt die Anwältin.

Der Kaufmann habe nie gesagt, dass er dem Angeklagten misstraue. Die Zivilforderungen (siehe Zusatzartikel) seien abzuweisen oder auf den Zivilweg zu verweisen.

Freisprüche und Entschädigung beantragt

Der Verteidiger der Wirtin beantragt einen Freispruch und eine Entschädigung für seine Mandantin sowie die Ablehnung aller Anträge der Zivilkläger. Die Rechnung des Anwalts der Zivilklägerinnen bezeichnet die Verteidigerin als astronomisch.

«Der Anwalt der Zivilklägerinnen hat seine Rolle mit der des Staatsanwalts verwechselt. »

Es gebe keinen Beweis, dass seine Mandantin von der Krankheit des Kaufmanns gewusst habe. Sie habe keinen Grund zur Annahme gehabt, dass es auf ihrem Konto kriminelle Gelder habe. Geldwäscherei liege nicht vor.

Seine Mandantin habe dem Bruder ihr Konto zur Verfügung gestellt, um das Geld vor Lohnpfändungen zu schützen, sagt der Verteidiger. Man könne ihr also höchstens Pfändungsbetrug vorwerfen. Das sei aber nicht eingeklagt worden, also eine Verurteilung deswegen nicht möglich.

Für Verwertung des Hauses

Die Erbinnen des Kaufmanns und Zivilklägerinnen im Prozess sind die Witwe und die Tochter. Ihr Anwalt plädiert sehr ausführlich.

Seine Mandantinnen sollten Schadenersatz in Höhe von gut 216000 Franken plus fünf Prozent Zins erhalten. Dafür und für die Anwaltskosten von 105000 Franken sollten die Angeklagten solidarisch haften, sagt er. Die Immobilien der Wirtin sollten dazu verkauft werden.

Hat die Angeklagte das Haus gratis erhalten?

Die Familie lebe im Haus, in dem das Restaurant sei, und die Angeklagte habe es 2007 ohne Geldleistung erhalten. In dieser Familie würden Immobilien rasch von einer Person auf eine andere überschrieben.

Wenn die Beschlagnahmung aufgehoben und die Immobilien nicht verwertet würden, riskierten seine Mandantinnen, keinen Schadenersatz zu erhalten, sagte der Anwalt der Zivilklägerinnen.

«Die Strafuntersuchung hat jeden vernünftigen Zweifel beseitigt, dass die Angeklagten die Demenz des Kaufmanns ausgenutzt haben, um sich zu bereichern.»

Die Angeklagten trügen «abenteuerliche Lügen» vor, sagt der Anwalt. Bei beiden Angeklagten sei Geldgier das Motiv. Der Kellner sei hoffnungslos überschuldet. Er habe in der Strafuntersuchung zudem zugegeben, dass er die Zugangsdaten und den E-Banking-Code gekannt habe.

Verweigerte die Bank die Abhebung in bar?

Der Kaufmann habe mehrfach in Begleitung des Angeklagten fünfstellige Barbeträge am Bankschalter bezogen. Das sei nicht eingeklagt worden, da es sich nicht genügend beweisen lasse.

Man behalte sich aber eine weitere Klage in diesem Zusammenhang vor. Bei einem Barbezug sei der Kaufmann verwirrt gewesen, sodass die Mitarbeiter der CS in St.Gallen die Auszahlung abgelehnt und ihre Kollegen in Zürich informiert hätten, sagt der Anwalt.

Angeklagte hob in Casinos Geld ab

Die Angeklagte habe rund 35'000 Franken vom Post-Konto abgehoben, obwohl ihr nur 10'000 Franken zustehen würden. Sie sei offensichtlich spielsüchtig, denn sie habe in Casinos in St.Gallen und Pfäffikon Tausende Franken abgehoben, und dabei sehe man den Kontostand, sagte der Anwalt. Es sei deshalb auch nicht glaubwürdig, dass die Angeklagte nicht über die Bewegungen auf ihrem Post-Konto informiert gewesen sei.

Das Gericht teilt das Urteil später schriftlich mit.

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