Zu Fuss durch den Balkan: Die Wildhauserin Sonja Stöckli und der Wiler Thomas Furter lernen die Bedeutung von Zeit und Langsamkeit kennen

Sonja Stöckli und Thomas Furter lesen im «Tagblatt» einen Reisebericht vom Pacific Crest Trail und wollen das auch machen. Wegen Corona geht es jetzt aber auf einen hunderte Kilometer langen Trail von Slovenien bis nach Albanien.

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Die ersten 1000 Kilometer sind geschafft.

Die ersten 1000 Kilometer sind geschafft.

bild: PD

Ist heute eigentlich Mittwoch? Oder schon wieder Donnerstag? Der 14. oder der 15.? Diese Fragen haben sich beim täglichen Losmarschieren zu einem zufälligen Ritual entwickelt. Aber eigentlich wären wir jetzt an einem komplett anderen Ort.

Wir wollten in diesem Jahr den Pacific Crest Trail in den USA wandern. Doch die Coronapandemie hat auch unsere Reisepläne durchgeschüttelt und unsere Flexibilität schon vor dem Startdatum zum Duell herausgefordert. Die Destination hat sich geändert, aber die Fragen und alles andere sind gleich geblieben. Wir möchten zu Fuss mit der Langsamkeit das Glück spüren.

Wohnungen und Jobs sind gekündigt

Ein Artikel im «Tagblatt» legte vor rund eineinhalb Jahren den Grundstein zur konkreten Umsetzung unseres lange geträumten Wunsches nach einer zeitlich offenen Wanderpause. Wohnungen und Arbeitsstellen sind gekündigt, die Möbel eingelagert sowie die Fixkosten auf ein Minimum reduziert. Doch dann kommt die Coronapandemie.

«Bald ist klar, dass wir uns neu orientieren müssen – einen Perspektivenwechsel praktizieren.»

Weshalb nicht von der Haustüre aus losmarschieren? Wir entdecken auf dem Balkan einen interessanten Trail, die Via Dinarica führt über die dinarischen Alpen in rund 1300 Kilometer von Slowenien bis nach Albanien. Dort wollen wir hin. Und zwar zu Fuss. Am 31. Mai steigen wir in unsere Trail-Running-Schuhe, schultern leicht ächzend den rund 14 Kilogramm schweren Rucksack und ziehen los.

Noch in der Schweiz: der Lai da Rims im Val Müstair.

Noch in der Schweiz: der Lai da Rims im Val Müstair.

Bild: PD

Der Juni gehört unseren Freunden in der Schweiz, die Gästeliste des abgesagten Abschiedsfestes bestimmt die Routenplanung von Huttwil durch das Schweizer Mittelland in die Ostschweiz und über das Bündnerland bis nach Italien. Wir sind überwältigt von der herzlichen Gastfreundschaft. Gut genährt und sanft eingelaufen kommen wir recht trocken durch den verregneten Juni.

Auf dem roten Weg der Via Alpina

In Italien wandern wir vom trockenen Vinschgau ins weinreiche Südtirol und steigen kurz vor Bozen auf den Südalpenweg. Dieser führt uns in drei Wochen zuerst durch die imposanten Dolomiten und dann über den karnischen Höhenweg an der Grenze zwischen Österreich und Italien bis zur Pforte in den Balkan an Sloweniens Grenze.

Anschliessend folgen wir dem roten Weg auf der Via Alpina und durchqueren in vier intensiven Wandertagen den imposanten Triglav-Nationalpark, geniessen danach jedoch das weniger touristische und sehr gastfreundliche Slowenien. Nach elf Vagabunden-Wochen erreichen wir Razdrto, erstes Zwischenziel und zugleich Startpunkt der Via Dinarica. Nun geht das Abenteuer erst richtig los, denn dieser Trail ist noch jung und wenig begangen.

«Aber wir sind gut eingelaufen, unsere Beine haben uns bereits 1050 Kilometer weit getragen inklusive 46000 Höhenmetern.»

Wir sind dankbar, dass wir bis jetzt nur kleine Wehwehchen eingefangen haben.

Obwohl wir nur mit einem Minimum an Gegenständen unterwegs sind, fehlt uns nichts. Wir schlafen im Zelt, in Berghütten und zwischendurch leisten wir uns ein Doppelzimmer. Oftmals gehen wir stundenlang, ohne einem Menschen zu begegnen oder ein Wort zu wechseln. Wann kommt der Tag, an welchem jeder Gedanke, der schon immer mal gedacht werden wollte, auch gedacht ist?

Senj in Kroatien ist die älteste Stadt im Gebiet der oberen Adria.

Senj in Kroatien ist die älteste Stadt im Gebiet der oberen Adria.

Bild: PD

So langsam unterwegs zu sein und doch in absehbarer Zeit so weit zu kommen, hinterlässt viele intensive Erinnerungen und Bilder in unseren Herzen. Die Tage und Wochen verfliegen, der Sommer streckt seine Füsse bereits in Richtung Herbst. Obwohl wir ja einfach immer wandern, trägt dennoch jeder Tag seine eigene Geschichte zu unserem dicken Erlebensbuch bei.

In entspannter, gespannter Erwartung

Schaffen wir es vor dem Einwintern bis nach Albanien? Wir sind entspannt gespannt, was die Dinarischen Alpen uns für Glücksmomente schenken werden. Aber auch Fragezeichen stehen noch im Raum: Sind die Grenzen der Länder passierbar, durch welche der Trail führt wie Kroatien, Bosnien, Montenegro oder Albanien?

Kommen wir trotz zunehmender Hitze weiterhin zügig vorwärts? Wie können wir uns verständigen? Finden wir ausreichend Wasser? Auf unserem Blog www.wurzelkocher.ch werden wir diese Fragen in regelmässigen Abständen auflösen und über unsere Erlebnisse berichten.

Zu Fuss losgezogen

(red) Sonja Stöckli, Jahrgang 1968, vier erwachsene Kinder, Dipl. Pflegefachfrau, und bis 2015 im oberen Toggenburg wohnend, und ihr Partner, Thomas Furter, 1969, drei erwachsene Kinder, Elektroingenieur, aus Wil wanderten diesen Sommer zu Fuss aus der Schweiz los und möchten bis zum Wintereinbruch Albanien erreichen. Gestern Mittwoch haben sie gemäss ihrem Blog die Stadt Gracac verlassen und sind unterwegs nach Knin, einer Stadt in Kroatien, Norddalmatien. Ausschlaggebend für ihre Wanderung war ein Artikel im «Tagblatt» vom November 2018, in dem über eine Schweizerin berichtet wurde, die auf dem Pacific Crest Trail 4300 Kilometer von Mexiko nach Kanada wanderte.