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Zeugen widersprechen einander

Ein Skifahrer wehrt sich gegen einen Strafbefehl wegen fahrlässiger Körperverletzung. Er und eine Skifahrerin, die er auf der Piste touchiert hat, schildern das Ereignis vor dem Kreisrichter in Lichtensteig gegensätzlich.
Martin Knoepfel
Weil es viele Skifahrer auf der Piste hatte, kam es zum Zusammenprall. Wie sich dieser zugetragen hat, darüber waren sich die Beteiligten nicht einig. (Symbolbild: PD)

Weil es viele Skifahrer auf der Piste hatte, kam es zum Zusammenprall. Wie sich dieser zugetragen hat, darüber waren sich die Beteiligten nicht einig. (Symbolbild: PD)

Mit einem Skiunfall befasste sich das Kreisgericht Toggenburg in Lichtensteig am Mittwoch- morgen. Ein Schweizer aus dem Kanton Baselland wehrt sich gegen einen Strafbefehl. Die Staatsanwältin möchte dem Angeklagten, einem EDV-Projektleiter, wegen fahrlässiger einfacher Körperverletzung eine bedingte Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 250 Franken und eine Busse aufbrummen.

Es geht um einen Unfall im Januar 2017. Die Sicht ist gut. Der Angeklagte fährt auf der Piste 30 vom Iltios zum Espel. Eine im Kanton Zürich lebende Deutsche ist auf der Piste 26 in Richtung Espel unterwegs. Dort, wo die Pisten zusammenkommen, touchieren sich die beiden. Die Frau stürzt und verletzt sich an der linken Schulter. Sie ist selbstständige Physiotherapeutin und nach dem Vorfall bis Mai arbeitsunfähig.

Der Angeklagte habe den Sicherheitsabstand nicht eingehalten. Sonst hätte er den Unfall vermeiden können, findet die Staatsanwältin und verweist auf die FIS-Regeln für Skifahrer. Zur Verhandlung kommt sie nicht.

Der Angeklagte beteuert, er sei langsam gefahren. Bei der Einmündung habe er nach rechts geschaut und die Frau nicht bemerkt. Plötzlich habe er einen Ruck verspürt und es habe ihn um 180 Grad gedreht. Dann habe er die Skifahrerin einige Meter entfernt auf der Piste kauern sehen. Er sei drei oder vier Minuten an Ort und Stelle geblieben, habe mit ihr gesprochen und sei dann weitergefahren, sagt der Angeklagte. Er habe sich nicht vorstellen können, dass sich die Frau verletzt habe. Man lasse sich nicht auf den Rücken fallen, wenn man Schulterschmerzen habe, sagt der Angeklagte. Er habe der Frau seine Handynummer per SMS gesendet. Mehrmals antwortete der Angeklagte, er könne sich nicht mehr erinnern. Die Frau hörte aufmerksam zu und presste immer wieder die Lippen zusammen.

Schuldspruch gegen den Angeklagten beantragt

Ihr Anwalt plädiert für einen Schuldspruch und für eine Parteientschädigung von gut 8000 Franken. Seine Mandantin sei langsam gefahren, da zur Gruppe ein elfjähriges Mädchen zählte. Es sagt später schriftlich zu Handen der Versicherung und mündlich bei der Polizei aus, dass der Angeklagte rasch gefahren, immer weiter nach rechts gekommen und von hinten in die Skifahrerin geprallt sei. Das Mädchen habe als einzige Zeugin keine persönliche Nähe zu den Beteiligten, sagt der Anwalt der Skifahrerin. Es gebe keine Spuren, dass seine Mandantin dem Angeklagten hinten über die Skis gefahren sei. Dieser folgt dem Plädoyer mit gesenktem Kopf.

Der Verteidiger will und erhält einen Freispruch

Der Verteidiger beantragt einen Freispruch. Die Staatsanwältin habe die Schilderung der Skifahrerin vollständig übernommen. Die Strafanzeige sei nur gestellt worden, um Schadenersatzforderungen der Skifahrerin gegenüber der Haftpflichtversicherung des Angeklagten durchzusetzen. Die Schilderung des Unfallhergangs im Strafbefehl könne nicht stimmen, sagt der Verteidiger. Die schriftliche Zeugenaussage des Mädchens sei von einem Erwachsenen beeinflusst oder redigiert worden. Der Verteidiger ist überzeugt, dass die verletzte Frau seinem Mandanten hinten über die Skis gefahren ist. Die Tochter seines Mandanten habe das detailliert ausgesagt.

Nach einer guten Stunde verkündet die Gerichtsschreiberin das Urteil: Ein Freispruch nach dem Prinzip «in dubio pro reo». Es handle sich um einen klassischen Fall mit unterschiedlichen Zeugenaussagen und mit Zeugen, die den Parteien nahe stünden. Objektive Spuren und Zeugenaussagen der ersten Stunde fehlten leider, sagt der Richter, der die meisten der von den Zeugen angefertigten Skizzen als unbrauchbar verwirft. Der Richter kann nicht ausschliessen, dass sich der Unfall anders abgespielt hat, als es die Anklage schildert.

Die Staatsanwältin hat die Skis beider Beteiligter beschlagnahmt. Die Bretter werden ihren rechtmässigen Besitzern zurückgegeben. Die Schadenersatz- und die Genugtuungsforderung werden auf den Zivilweg verwiesen. Beides ist unbestritten. Die Kostennote des Verteidigers reduziert der Richter auf den tieferen St. Galler Ansatz.

Ob er das Urteil anficht, kann der Anwalt der Skifahrerin noch nicht sagen. Sie ist offenbar sehr unzufrieden mit dem Ausgang, denn sie verweigert nach Schluss der Verhandlung dem Gegenanwalt den Handschlag.

FIS-Regeln für verbindlich erklärt

Skifahrer und Snowboarder, welche von hinten kommen, müssen ihre Fahrspur so wählen, dass sie vor ihnen fahrende Personen nicht gefährden. Auf Skipisten darf man von rechts oder von links sowie von unten oder von oben überholen. Bedingung ist, dass der Abstand vom überholenden zum überholten Skifahrer immer so gross ist, dass dieser für seine Bewegungen genug Raum hat. Das heisst es unter anderem in den FIS-Regeln für Skifahrer und Snowboarder.

Sodann muss jeder Skifahrer und Snowboarder sich so verhalten, dass er keinen anderen gefährdet oder schädigt. Skifahrer und Snowboarder fahren auf Sicht. Sie müssen Geschwindigkeit und Fahrweise ihrem Können sowie den Gelände-, Schnee- und Wetterverhältnissen anpassen. Daneben müssen sie die Verkehrsdichte auf der Piste berücksichtigen. Die Aufzählung ist nicht vollständig. Die FIS-Regeln für das Verhalten auf Ski- und Snowboard-Pisten sind in der Schweiz verbindlich.

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