Wohlfühloase: Warum der Spaziergang im Wald uns Menschen gut tut

Im Sommer gehen 87 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal pro Monat in den Wald. Die Ruhe, die frische Luft und der enge Kontakt mit der Natur wirken sich positiv auf unser Wohlbefinden aus.

Urs M. Hemm
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Findet sein Gleichgewicht im Wald: Regionalförster Christof Gantner. (Bild: Urs M. Hemm)

Findet sein Gleichgewicht im Wald: Regionalförster Christof Gantner. (Bild: Urs M. Hemm)

Die Temperatur ist merklich kühler als eben auf der Strasse und ein süsslich herber Duft liegt in der Luft. Hier und dort raschelt es im Laub oder ein Ast knackt. «Im Wald herrscht immer eine besondere Atmosphäre», sagt Regionalförster Christof Gantner und atmet tief durch. Obwohl er aufgrund seiner Arbeit oft im Wald unterwegs ist, verbringt er auch seine Freizeit mit seiner Familie gerne im Wald. «Die Kinder können sich im Wald wunderbar selbst beschäftigen und gleichzeitig tun sie etwas Gutes für ihre Gesundheit», sagt er. Doch nicht nur für junge Menschen in ihrer Entwicklung, auch für die Gesundheit Erwachsener könne ein Besuch im Wald förderlich sein.

Fördert Konzentration und Kreativität

Über die positiven Wirkungen von Waldbesuchen haben uns bereits unsere Grosseltern und diesen zuvor wahrscheinlich deren Grosseltern berichtet. Wissenschaftlich nachgewiesen, wurde bisher jedoch wenig. Was man heute gesichert weiss ist, dass Waldbesuche einen positiven Einfluss auf die Psyche haben und beruhigend wirken. Nachgemessen wurde dies anhand des Stresshormons Cortisol im Blut.

Daneben wirken aber vor allem die Ruhe im Wald und die zahllosen Schattierungen der Farbe Grün beruhigend. «Diese positiven Eigenschaften machen sich seit längerem Waldspielgruppen, -kindergärten sowie Waldschulen zunutze», erläutert Christof Gantner. Dieses friedliche Umfeld steigert einerseits die Konzentration. «Andererseits fördert das Spielen im Wald die motorischen Fähigkeiten, beispielsweise indem die Kinder auf umgestürzten Bäumen balancieren oder miteinander aus Ästen Hütten bauen», sagt Gantner.

Zugleich regen diese Aktivitäten die Kreativität an. Dies zeige sich insbesondere darin, dass man Kindern nicht zu sagen brauche, was sie in einem Wald zu tun haben. «Automatisch nehmen sie sich Äste, Blätter oder ein paar Steine und wissen etwas damit anzufangen.» Auch das beobachten von Vögeln, Käfern oder Würmern könne Kinder über eine lange Zeit beschäftigen. Ob sie nun alleine, zu zweit oder in der Gruppe spielen − langweilig wird es ihnen dabei nie», sagt Gantner.

Sauerstofflieferant und Wasserfilter

Mittlerweile haben viele Firmen die Vorteile von Wäldern erkannt. «Immer häufiger haben wir Anfragen von namhaften Unternehmen, die Gruppen für Hilfsarbeiten im Wald anmelden», weiss Christof Gantner. Die Reaktionen der Teilnehmenden seien durchwegs positiv. Neben dem Erlebnis, im Team etwas Greifbares zu schaffen, sorge dabei auch der Wald selbst für ein gutes Arbeitsklima. «Die Temperatur im Wald ist im Vergleich zum offenen Feld um bis zu sechs Grad Celsius tiefer. Gleichzeitig ist die Luftfeuchtigkeit deutlich höher, trotzdem ist die Luft nicht schwül-warm.

Dieses spezielle Waldklima nutzen viele Sportler. «Im Toggenburg gibt es verschiedene Finnenbahnen und Vitaparcours, welche fürs Crosslauftraining oder von Joggern genutzt und geschätzt werden», sagt Christof Gantner. Zugute komme ihnen bei ihrem Training die Filterfunktion des Waldes. Die Baumkronen reinigen die Luft von Russ und anderen Feinstaubpartikeln und produzieren gleichzeitig Sauerstoff. «Eine etwa 150 Jahre alte Buche produziert täglich bis zu 11000 Liter Sauerstoff, was dem Tagesbedarf von 26 Menschen entspricht», erläutert Christof Gantner.

Eine wichtige Funktion hat der Wald zudem als Trinkwasserlieferant. Der Waldboden kann sehr viel Regenwasser aufnehmen. Dieses sickert langsam durch die verschiedenen Bodenschichten und wird gefiltert. «Da das Ausbringen von Düngemittel, Gülle und Pflanzenschutzmitteln im Wald verboten ist, kann dieses Wasser sehr gut als Trinkwasser verwendet werden.» Aus diesem Grund würden 42 Prozent der Quell- und Grundwasserfassungen im Wald liegen.

Gesunde Abwechslung auf dem Menuplan

Neben frischer Luft und Trinkwasser liefert der Wald auch verschiedene Lebensmittel, wie Pilze, Beeren, Kräuter und Wildfleisch. «Alleine im Kanton St. Gallen werden jährlich nachhaltig rund 3400 Rehe erlegt, was gut 22 Tonnen Wildbret ergibt. Dazu wurden im Jahr 2017 von den Pilzkontrollstellen 230 Kilogramm Speisepilze begutachtet», weiss Christof Gantner.

Wie Pilze ihren Duft verströmen, produzieren auch die Bäume Duftstoffe, mit denen sie sich beispielsweise vor Schädlingen schützen, auf den Menschen jedoch positiv einwirken. So hätten Versuche, in denen Personen die Nacht in mit Föhren- oder Arvenholz ausgekleideten Zimmern verbrachten, positive Resultate gezeigt. Während diese Testpersonen gut ausgeruht und ausgeglichen erwachten, zeigte eine Vergleichsgruppe, welche in Zimmern mit Holzimitat übernachtete, schlechtere Werte.

Erholungsphasen gönnen

Durch diesen und andere Tests aufmerksam geworden, sucht auch die Pharmaindustrie wieder verstärkt nach Wirkstoffen aus der Natur. «Eines der bekanntesten Mittel ist Aspirin, dessen Wirkstoff in Weidenrinden enthalten ist», sagt Christof Gantner. Wie dieser Wirkstoff zeigt, biete der Wald eine grosse Fülle an chemischen Verbindungen, welche für den Menschen genutzt werden könnten.

Bei allen positiven Eigenschaften des Waldes sollte jedoch nicht vergessen werden, dass es ein empfindsames System ist. «Wir sollten dem Wald auch Phasen gönnen, in denen er sich regenerieren kann. Das bedinge den sorgsamen Umgang mit der Ressource Wald. «Der Wald, auch wenn in privatem Besitz ist, ist zwar frei zugänglich. Dennoch sind der Nutzung Grenzen gesetzt», betont Christof Gantner.

Schutzgebiete und Wildruhezonen dienen der Natur als wichtige Rückzugsorte und sind daher für Sportler, Wanderer und Biker nur eingeschränkt nutzbar. Aber auch durch Forstarbeiten können vorübergehend Wege gesperrt werden, ein Nichtbeachten kann sehr gefährlich sein. «Wichtig ist, ein gutes Gleichgewicht zu finden zwischen dem Profit, den wir aus dem Wald ziehen und dem Bestreben, diese natürliche Vielfalt auch für unsere Nachkommen möglichst intakt zu erhalten», sagt Christof Gantner.